General Guderian-Revolutionär der Strategie-Armin Preuß

Guderian

Revolutionär der Strategie

Armin Preuß

 

Heft 10; Grundlagenverlag © 1995.

Hier nachgedruckt mit freundlicher Genehmigung des Copyright-Inhabers. Diese digitalisierte Version © 2001 by The Scriptorium.

Druckversion 2016 gesetzt vom Hilfsbibliothekar, alle externen Verweise im Text führen zu den Quellen im Netz.

 

Eine Autobiographie dieses deutschen Generals,  Guderian

Erinnerungen eines Soldaten

ist durch unseren Buchversand (Scriptorium) erhältlich!

 

 Inhalt: 

 

Vorwort

 Es mag altmodisch anmuten, in einem Zeitalter, in dem gerade für uns Deutsche jegliche sachliche Befassung mit dem Krieg als nationaler Selbstmord gesehen wird, sich mit dem Leben und Wirken eines Soldaten zu befassen, eines deutschen Soldaten, der nicht nur dem Verschwörerkreis gegen  Hitler fernblieb, sondern durch seine glänzenden Siege die Hochachtung der Welt vor deutschen Waffentaten erzwang.

In dieser Schrift geht es mir weniger um die Aufzählung der Ruhmestaten Guderians, um seine einmalige Führungskunst als begnadeter und tapferer Truppenführer, auch nicht um eine Huldigung seiner revolutionären Schöpferkraft auf technischem und organisatorischem Gebiet, sondern vor allem um seine herausragenden charakterlichen Eigenschaften.

Gerade in unserer durch Feigheit, Verantwortungslosigkeit und bequeme “Anpassung” geprägten Zeit kann Guderian als beispielhaftes Vorbild für echt deutsche Tugenden gelten: Für Gradheit, männliche Standhaftigkeit, wo es um Selbstbehauptung und Notwehr geht, und für beharrliches Einstehen für das als richtig Erkannte, allen Anfeindungen und Widerständen zum Trotz!

Es sind diese seine Eigenschaften, vom militärischen auf den politischen Bereich übertragen, die wieder Vorrang gewinnen müssen, um ein Abgleiten Deutschlands in Chaos und nationale Bedeutungslosigkeit zu verhindern. Nur sie ermöglichen die Selbstfindung unseres Volkes, besonders unserer Jugend, zur Wahrung seiner Existenz in Würde und Freiheit.

Aus Guderians Erinnerungen geht eindeutig hervor, daß er kein Vertreter eines “aggressiven Militarismus” war. Wie der gesamte deutsche Generalstab war Guderian sich darüber nur zu sehr im klaren, daß der Versuch einer militärischen Lösung nationaler Probleme nicht nur das Risiko der eigener Niederlage in sich trägt; er kann erwiesenermaßen selbst den Sieger in eine Lage versetzen, die im Vergleich zur Ausgangsposition eine deutliche Verschlechterung darstellt – wie am Beispiels Englands zu sehen ist.

Doch muß es nicht aus der Sicht von heute – nach dem Schock einer katastrophalen Niederlage(Entschuldigung: Befreiung!) und in Anbetracht der Tatsache, daß es uns (noch) materiell besser geht als je zuvor, daß wir ohne den verhaßten “preußischen Militarismus” 50 Jahre in Frieden leben durften, daß uns die Welt offen steht und wir (bislang) alles, was das Herz begehrt, importieren können und daß der deutsche Export (noch) nahezu Spitzenstellung in der Welt einnimmt – so aussehen, als wäre es Deutschland gewesen, das vor 1914 und 1939 die Kriegstrommel rührte, um seine friedlichen Nachbarn zu überfallen?

Der Schein trügt. Denn die “wohlwollende” Gönnerschaft unserer heutigen “Freunde” war vor den beiden Weltkriegen keineswegs, nicht einmal als fromme Tarnung, gegeben. Die Weltmeere wurden von der englischen Flotte beherrscht, der “Freihandel” eifersüchtig von England in seinem Sinne überwacht. Ein Drittel der Erde gehörte zum englischen Weltreich, weitere Riesengebiete wurden von Frankreich, Belgien und Holland kontrolliert, während das deutsche Volk, von mächtigen Nachbarn umgeben, auf engstem Raum zusammengedrängt war. England sowie seine Verbündeten scheuten nicht davor zurück, aus Wirtschaftsneid das unter Bismarck neuerstandene und aufstrebende Deutsche Reich von ihren Absatzmärkten fernzuhalten und wirtschaftlich zu drosseln. Eine starke deutsche Wehr war nicht “Lust zum Kriegspielen”, sondern zum Schutz des Landes bittere Notwendigkeit, sie war Notwehr!1

 

Vom Ausland bewundert

Während man es im Nachkriegsdeutschland nicht wagte, eine Bundeswehrkaserne nach ihm zu benennen, steht Guderian in allen Ländern der Welt, wo Panzertruppen ausgebildet werden und Militärgeschichte gelehrt wird, in hohem Ansehen. Das gilt auch für die Israelis, die ihre Siege zweifellos der Taktik und Strategie Guderians verdanken.

Die militärische Bedeutung Guderians ist insbesondere von englischer Seite gewürdigt worden. Neben dem bekannten Militärschriftsteller Captain Liddell Hart ragt vor allem Kenneth Macksey mit seiner Guderian- Biographie hervor – ein wahres Loblied auf diesen ungewöhnlichen Mann preußischer Schulung! In Macksey’s Augen war Guderian die seltene Mischung eines Mannes, der neue Ideen entwickelte und zugleich den Schwung und die Fähigkeit besaß, diese Ideen in die Praxis umzusetzen.

Kein anderer deutscher General und keiner seiner Gegner schaffte es, in einem so kurz bemessenen Zeitraum einen so durchgreifenden Wandel der Kriegskunst zu bewirken.

Es ist fast ausschließlich Guderians Schöpfergeist zu verdanken, daß die deutschen Heere des II. Weltkrieges nicht in die langen Abnutzungsschlachten des I. Weltkrieges verwickelt wurden, sondern ihre Siege mit schnellen und ökonomischen Operationen begannen. Liddell Hart wirft zwar in seinem anerkennenden Vorwort zur englischen Ausgabe von Guderians Erinnerungen eines  Soldaten die Frage auf, ob Guderian neben all seinen Vorzügen auch die “Kunst des Möglichen” beherrschte. Doch kommt er im selben Atemzug zu der Feststellung, daß Guderian in hohem Maße die Fähigkeit besaß, das “Unmögliche” möglich zu machen!

Guderian zeichnete sich, wie Macksey besonders hervorhebt, durch einen glühenden Patriotismus aus. Für ihn stand Deutschland stets höher als seine eigene Person oder seine Karriere. Nach dem verlorenen I. Weltkrieg schrieb er: “Jetzt kommt es darauf an, den Schwur zu halten. Wenn jeder sagt, ich nicht, andere können das machen, dann geht Deutschland unter. Jeder, der noch etwas Ehrgefühl hat, muß sagen: Ich selbst will helfen!”

Walter Nehring, einstiger Chef des Stabes bei Guderian, urteilt über seinen ehemaligen Vorgesetzten: “Guderian war ein Kommandeur, für den man sich bereitwillig einsetzte – bewundernswert durch seine Gabe zu ermutigen; witzig und mitreißend in seinen Bemühungen, das Beste aus einem herauszuholen… er besaß ein hohes Charisma.”

 

In preußischer Zucht

Heinz Wilhelm Guderian wurde 1888 in Kulm, Westpreußen, geboren, in derselben Stadt, in der vor ihm ein anderer berühmter Deutscher, der Dichter der norddeutschen Heide, Hermann Löns, das Licht der Welt erblickte. Guderians Ahnen waren Offiziere, Akademiker und Besitzer von landwirtschaftlichen Mittelbetrieben. Die Guderians lebten die preußischen Tugenden von Sparsamkeit, Bedürfnislosigkeit und hohem Patriotismus.

Der Vater Friedrich war ebenfalls Offizier. Schon bei ihm sehen wir erste Anzeichen der seine Söhne, vor allem Heinz kennzeichnenden radikalen Aufgeschlossenheit für militärische Neuerungen. So wie der Vater früh von der Möglichkeit beeindruckt war, die Beweglichkeit von Truppen durch die neuen Eisenbahnnetze zu erhöhen, so sollte später sein Sohn dieselben Gedanken mit Hilfe des Kraftfahrzeugmotors entwickeln.

In der Tradition seiner Familie entscheidet sich der junge Guderian für den Soldatenberuf. Die Jahre 1901 bis 1903 verbringt er in der Kadettenschule Karlsruhe, von wo er zur Hauptkadettenanstalt Großlichterfelde bei Berlin kommt. Ernst von Salomon hat in seinem Buch Die Kadetten dieser deutschen Erziehungsstätte ein Denkmal gesetzt. Die deutschen Kadettenanstalten waren alles andere als Zuchtanstalten für den “preußischen Kadavergehorsam” – wie oft aus gehässiger Feder von Neidern behauptet. Man legte im Gegenteil großen Wert auf selbständiges, flexibles Denken,  wo jedem das Recht eingeräumt wurde, seine eigene, auch abweichende Meinung auszudrücken.

Diese preußische Methode wurde zwar von den meisten fremden Armeen kopiert, aber nirgendwo auf der Welt zu solcher Vollendung entwickelt. Der Haß unserer Gegner gegen den “deutschen Militarismus” drückt in Wahrheit eine uneingestandene Bewunderung für dieses beispiellose System aus. Eigenwilligkeit des Denkens kommt bei Guderian früh in einer gewissen Abgeschlossenheit vor seinen oft mehr oberflächlichen Kameraden zum Ausdruck. Er war nie ein Mensch, der der Masse folgte. “Im großen Haufen kann ich nicht mitlaufen”, schreibt er einmal in sein Tagebuch.

Fleiß, Aufgeschlossenheit, eine praktische Intelligenz und ein schon in frühen Jahren erkennbarer Ehrgeiz zeichnen ihn vor der Mehrzahl seiner Kameraden aus. Mit Eifer widmet er sich nicht nur den Sprachen und den Fächern Erdkunde und Geschichte, sondern auch der technischen Ausbildung, insbesondere im Fernmeldewesen. Bedeutsam für die schnelle und verlustarme Kriegführung in Frankreich 1940 wird, daß Guderian die Überlegenheit der drahtlosen Nachrichtenübermittlung erkennt. Denn während seine französischen Kollegen zur Übermittlung einer Meldung oder eines Befehls ihre schnellen Panzer anhalten, das Turmluk öffnen und Fähnchen schwenken oder einen ungepanzerten Melder schicken müssen, kann Guderian sich mit seinen Männern wie auch mit den rückwärtigen Stäben schnell und genau verständigen – die schnelle Nachrichtenübermittlung sollte eine wesentliche Voraussetzung für den erfolgreichen Blitzkrieg werden.

1913 ist Guderian mit 25 Jahren der jüngste von 168 Offizieren, die für den Drei-Jahres-Kurs an der Berliner Kriegsakademie ausgewählt werden. Während seiner Generalstabsausbildung zeigen sich bei ihm zwei normalerweise in Widerspruch zueinander stehende Charakterzüge: Einerseits sein Hang zu schnellem Handeln, auf der andern Seite die Beachtung von Moltkes Forderung “Erst wägen, dann wagen”. Für sein ungestümes Wesen findet er in seiner Frau das ideale Gegengewicht. Auch in der Auswahl seiner späteren Chefs des Stabes zeigt er eine glückliche Hand, wenn Männer mit einem kühlen Kopf das Feuer seines Geistes harmonisch ergänzen.

Gleich zu Anfang des 1. Weltkrieges, während des deutschen Vormarsches zur Marne, empfängt der junge Generalstäbler Eindrücke, die sich ihm für den Rest seiner Laufbahn unauslöschlich einprägen: Das von Schlieffen geforderte Tempo der deutschen Offensive war wegen Mangels an motorisierten Fahrzeugen nur unvollkommen verwirklicht. Besonders auf dem entscheidenden rechten Flügel (“Macht mir den rechten Flügel stark!”) wird diese unzureichende Beweglichkeit zum verhängnisvollen Nachteil. Für Guderian ein Anschauungsunterricht in Nachschuborganisation!

Drei weitere Eindrücke sind es, die Guderians Denken beeinflussen und zur Formung seiner späteren Theorien beitragen:

  1. Das Sterben der deutschen akademischen Jugend bei Langemarck, die, mit unglaublichem Heroismus ohne Artillerieunterstützung im feindlichen Maschinengewehrfeuer stürmend, verblutet!
  1. In noch weit größerem Maßstab das sinnlose und strategisch verfehlte Massenschlachten um Verdun.
  1. Diesmal von der Gegenseite das genaue Gegenteil nutzloser Blutverschwendung: Der englische Tankangriff bei Cambrai, der Guderian die Chancen eines massierten Tankeinsatzes zeigt, und dessen Erfolg den deutschen Generalstab völlig überrascht! Eigenartigerweise wird diese Lehre vom Gegner selbst bei seinen Nachkriegsplanungen Aber Guderian begreift es als absolute Notwendigkeit, daß man die Panzer bei einem Angriff zusammenfassen muß, gemäß seinem später berühmt gewordenen Schlagwort: Nicht kleckern, klotzen!

Die gegen Ende des Krieges von den Deutschen entwickelten neuen Angriffsformen, von General Hutier vor Riga besonders eindrucksvoll durchgeführt, zwingen ihn zu einer weiteren, bedeutungsvollen Schlußfolgerung, nämlich, daß die beste und sinnvollste Befehlsübermittlung von den in vorderster Front führenden Kommandeuren als örtliche, flexible Befehlsgewalt ausgehen muß. Die daraus entstehende klassische Devise für seine Panzer lautet: Geführt wird vorn! 

Im Mai 1918 wird Guderian zum Quartiermeister des XXXVIII. Reservekorps ernannt. Seine neue Rolle bietet ihm Gelegenheit, einzigartige Erfahrungen im Nachschubwesen zu sammeln.

Das Ende des Krieges erlebt er in Trient, wohin er als Ia der deutschen Militärmission kurz vorher versetzt worden war. Dort regiert der Pöbel, und seine Empörung liest man aus einem Brief an seine Frau: “Unser herrliches Deutsches Reich ist nicht mehr, das Werk Bismarcks liegt in Trümmern… Schurken haben alles zu Boden gerissen… ”

Anfang 1919 erfolgt Guderians Ernennung zum Stab des neugebildeten Grenzschutz Ost, der gegen die Bedrohung durch raublustige Polen und russische Bolschewiken eingesetzt wird. Idealisten und die härtesten Kämpfer aus den Schlachten des Großen Krieges sammeln sich in den Freikorps zu diesem Heldenkampf, um das Allerschlimmste von ihrem Vaterland abzuwenden. Guderian ist erbittert darüber, daß der Kaiser sein Land im Stich gelassen hatte, und er sehnt sich nach einem starken Mann, einem neuen Bismarck, der Deutschland retten würde.

Als Angehöriger der Eisernen Division unter Führung des legendären Graf Rüdiger von der Goltz beweist Guderian im Baltikum erstmalig sein ihn später berühmt machendes taktisches Geschick in einem kritischen Moment. Als infolge Verwundung des Spitzenführers der deutsche Angriff ins Stocken gerät, wirft er aus eigenem Entschluß eine Reserveeinheit in den Kampf, um den Angriff wieder vorwärtszutreiben.

Am 28. Juni 1919 wird das Versailler Diktat mit seinen wahnsinnigen Bedingungen unterzeichnet.

Für Guderian und seine Kameraden bricht eine Welt zusammen. Auf Druck der Alliierten befiehlt die neue Regierung den Abzug der deutschen Truppen aus dem Baltikum. Guderian schreibt an seine Frau: “…wenn wir die Armee noch hätten! Unser stolzes, schönes Heer! Dann wäre eine solche Schmach nie möglich gewesen.” Und im nächsten Brief: “…wir wollen versuchen, die Gelübde, die wir früher immer gedankenlos abgelegt haben, nunmehr in die Tat umzusetzen… der Generalstab wird gemäß Friedensvertrag aufgelöst… außerdem kann man keinem alten preußischen Offizier zumuten, unter Verbrechern zu dienen”.

Wegen seiner anerkannten Fähigkeiten wird Guderian trotz seiner schon damals bekannten “Aufsässigkeit” im laut Diktat erlaubten 100.000-Mann-Heer beibehalten. Aber man weist ihn dem Generalstabkorps zu, um sein impulsives Wesen durch harte Disziplin abzukühlen. Trotzdem gelingt es nie, diesen stürmischen, oft oppositionellen Geist zu zähmen, wenn es um Dinge von grundsätzlicher Bedeutung geht. So sehr er den inneren Gehalt soldatischer Zucht bejaht und selbst vorlebt, so fern ist ihm jede Art von blindem Gehorsam, und besonders jegliche Form von Liebedienerei! Es gab schon damals manch mißgünstigen Kameraden, der ihm diese selbstbewußte Einstellung verübeln sollte. Am 8. April 1920, unmittelbar nach dem Kapp-Putsch, macht er seinem Ärger Luft: “Nirgends wird energisch durchgegriffen gegen die elende Feigheit, Dummheit und Schwäche dieser Jammerregierung”, und er fragt wieder: “Wann wird endlich der Retter kommen diesem Land… ?”

Bis Ende 1921 wird Guderian mit einer untergeordneten Aufgabe, der Ausbildung einer Infanteriekompanie betraut. Auch dieser, ihm an sich weniger liegenden Aufgabe, stellt er sich mit seiner üblichen Energie. Es wird seine erste Gelegenheit, in diesem Rahmen die im Krieg gewonnenen Erfahrungen zu verwerten. Guderian war ein strenger Vorgesetzter, aber schon an dieser Stelle beweist er sein ungewöhnliches Geschick, das Vertrauen und die Liebe seiner Männer zu gewinnen. Guderian konnte saugrob zu seinen Soldaten, besonders seinen Offizieren sein. Aber er war immer gerecht. Statt sturen Kadavergehorsam zu verlangen, erklärt er seinen Männern, um welche Ziele es sich bei ihrer Ausbildung handelt. So paart er, wo nötig, eisernen Zwang mit begeisternder Überzeugungskraft. Die Männer seiner Kompanie haben ihn nie vergessen, und sie beweisen bei seinem Abschied in einem Gedicht, was sie von ihm halten:

Herr Hauptmann Guderian, Sie sind es,

der nicht nur in dem Menschen das tote Werkzeug sah, der uns gelehrt, warum auch solches Müh’n

ganz unumgänglich war!

Ging’s manchmal hart – denn eisern ist die Pflicht – was zagt der Krieger! – Dank zollt

die Kompanie!”

1922 finden wir Guderian bei der 7. Bayrischen Kraftfahrzeugabteilung in München, deren Mangel an fähigen Offizieren er als geschulter Generalstäbler ausgleichen soll. Andere hätten auf seinen neuen Aufgabenbereich geringschätzig herabgesehen, war doch die Kluft zwischen Truppen- oder Generalstabsoffizieren einerseits und den technischen Spezialisten andererseits gerade in der deutschen Armee eine besonders große. Zum Glück für die spätere deutsche Wehrmacht teilt Guderian diesen Snobismus nicht. Schon sein Kriegsdienst bei der Nachrichtentruppe hatte sich für ihn als große Schule für technische Neuerungen erwiesen.

Das folgende Jahrzehnt verläuft nach außen ruhig. Mit wachen Sinnen verfolgt er zwar das politische Geschehen, schließt sich aber bewußt vom Druck aller Tagesereignisse und -probleme ab. Er widmet sich vielmehr der Vertiefung seines Wissens und gleichzeitig der Entwicklung neuer Formen der Kriegführung. Zunächst weist man ihn an, sich mit Problemen des Nachschubs zu befassen. Er erkennt, daß eine Offensive nicht ohne ausreichende Versorgung in Schwung gehalten werden kann. So entsteht später seine Forderung, daß eine Panzerarmee in der Lage sein muß, im Angriff fünf Tage lang unabhängig zu operieren, d.h. Munition, Treibstoff und Verpflegung in ihren schnellen Verbänden mitzuführen, statt sich von einem schwerfälligen Troß bremsen zu lassen oder gar von ihm abgeschnitten zu werden. Seine Meisterschaft im Nachschubwesen (Logistik) wird später zu seinen spektakulären Erfolgen beitragen.

Und dann kommt für ihn die Aufgabe, der er sich mit ganzer Hingabe und dynamischem Fleiß zuwendet, eine Aufgabe, die wie auf ihn zugeschnitten scheint, und die einmal die Welt den Atem anhalten lassen soll: Das Studium motorisierter Verbände!

 

Revolutionär gegen Traditionalisten

In den Werken der kriegsgeschichtlichen Abteilung fällt ihm auf, daß die Fragen moderner Kriegführung wie Luft- und Panzereinsatz übergangen wurden. Auch auf der Gegenseite finden sich kaum praktische Folgerungen aus den Einsätzen von Tanks im Kriege, dafür jedoch glänzende theoretische Beiträge, in England beispielsweise von J.F.C. Fuller und Basil Liddell Hart.

Wegen des Versailler Diktats, das den Deutschen den Besitz schwerer Waffen verbot, mußten diese Neuerungen in Deutschland graue Theorie bleiben. Aber im Gegensatz zu den heutigen gehorsamsbeflissenen Dienern der Sieger machten die Deutschen nach dem verlorenen I. Weltkrieg einen Sport daraus, die Bestimmungen des Diktats, wo eben möglich, zu umgehen. Hans v. Seeckt, der Chef der Reichswehr, trat konsequent für eine Verständigung mit Rußland ein. Mit dem Vertrag von Rapallo wurde auch eine militärische Zusammenarbeit, vor allem bezüglich moderner Waffentechnik, eingeleitet.

Guderian geht an die Probleme der Motorisierung mit Ungestüm und Erfindergeist heran. Wie immer ist er aufgeschlossen für die jüngsten Ideen auf waffentechnischem wie operativem Gebiet. Dabei werden ihm in wachsendem Maße die bisherigen Mängel der Kriegführung bewußt. Aber es ist typisch für seinen Schöpfergeist, daß es bei ihm nicht bei der Kritik früheren Versagens bleibt. Er sucht vielmehr nach Wegen, um frühere Fehler von Grund auf zu beseitigen. In Wort und Schrift  tritt er für seine neugewonnenen Erkenntnisse ein. Seinem Charakter gemäß nimmt er dabei kein Blatt vor den Mund, was ihm manchen eingefleischten Traditionalisten zum Feinde macht. Dafür finden seine mit scharfsinniger Analyse und schwungvollem Stil verfaßten Berichte bei weniger reaktionären militärischen Beobachtern umso größere Beachtung. Als umwälzende Neuerung beginnt er sich auch mit der engen Zusammenarbeit motorisierter Verbände mit Flugzeugen zu beschäftigen.

1924 wird Guderian Lehrer für Taktik und Kriegsgeschichte, ein neuer produktiver Abschnitt in seiner Laufbahn. Wie der große Schlieffen vor dem I. Weltkrieg sucht auch Guderian nach Präzedenzfällen der Militärgeschichte für klassische Angriffsschlachten. Doch – typisch für ihn – geht er nicht wie Schlieffen auf glänzende Siege wie Cannä oder Leuthen zurück, sondern analysiert Niederlagen, um ihre Ursachen aufzuspüren. Guderian versteht es, seine Schüler nicht nur durch zwingende Argumente, sondern ebenso durch seine Begeisterung mitzureißen. Seine jungen Offiziersanwärter waren durchweg auserlesenes Menschenmaterial. Sie zu überzeugen war nur möglich, wenn er ihnen mit gewichtigen Beweisgründen, oft aus ausländischen Quellen, kommen konnte. Dank seiner imponierenden Persönlichkeit – die glückliche Verbindung von Geist und feurigem Elan – gelingt es ihm, aus seinen Fahnenjunkern ebenso begeisterte Jünger seiner Ideen zu machen.

Schon damals stellt Guderian eine Forderung als den Angelpunkt seines taktischen und strategischen Programms auf: die Stoßkraft!! Um seinen Anschauungen Nachdruck zu geben,  greift er auf Beispiele taktischen Unsinns aus der Kriegsgeschichte zurück. Etwa wie die Preußen 1806, ohne zu schießen, dem Gegner entgegenrückten, oder sich im feindlichen Feuer nicht hinlegten! Aber nach der unnachsichtigen Kritik kommt die konstruktive Lehre: An konkreten Beispielen zeigt er, wie die Stoßkraft sich unweigerlich taktischen und technologischen Neuerungen anpassen muß.

Bis 1928 hatte Guderian noch keinen Panzer von innen gesehen. Doch im Sommer 1929 darf er eine Geländebesprechung durchführen, die eine Kampfgruppe mit Waffen im Einsatz umfaßt, wie sie für die späteren Panzerdivisionen üblich werden soll. Er ist dabei, die von J.F.C. Fuller aufgestellte Forderung zu verwirklichen, wonach ein moderner Seydlitz mit seinen schnell beweglichen Truppen und beweglicher Artillerie in Flanke und Rücken des Feindes stößt!

Wie General v. Blomberg stand auch Guderian den an die Macht strebenden Nationalsozialisten zunächst abwartend gegenüber. Für die Novemberrepublik hatte sich das deutsche Offizierkorps nie begeistern können. Der Kommunismus wurde von fast jedem Soldaten als Todfeind seines Landes erkannt. Als der Nationalsozialismus endlich mit seinem vorbehalthaltlosen Patriotismus die Macht errungen hatte, stellten sich die meisten jüngeren Offiziere bald bereitwillig in seinen Dienst.

Am 23. März 1933 schreibt Guderians Schwiegermutter, Frau Groene: “Nach all den Scheußlichkeiten der letzten Jahre bekommen Eure Jungens endlich ein Gefühl von Ehrfurcht und Größe.” Und Vater Groene: “Wie… herrlich!” Hitler gesprochen hat. Und er preist seinen “eisernen Willen, Tatkraft, und auch die schönen Worte für die Armee”. Ein Jahr später schreibt Guderians Frau an ihre Mutter: “…ich glaube nicht, daß wir in Deutschland einen besseren, mutigeren Führer finden konnten”. Auch ihrem Mann ist es inzwischen bewußt geworden, daß er in Hitler, im Gegensatz zu den orthodoxen Führungskräften der alten Armee, einen eifrigen Förderer seines Zieles, des Aufbaus einer deutschen Panzertruppe finden könnte.

Guderian hatte anfangs – wie in seiner Schrift Achtung – Panzer! dargestellt – die Panzerdivisionen vorzüglich als Verteidigung gedacht. Ihm schien damals die Bedrohung aus dem Osten, sowohl durch Polen als auch die Tschechoslowakei, größer als die aus dem Westen. Mit diesem Kriegsschauplatz im Sinne fordert er eine äußerst mobile Truppe. In richtiger Erkenntnis der Wirtschaftslage Deutschlands sind für ihn statt langdauernder Kriege nur begrenzte, kurze und scharfe Operationen möglich. Seinem alten Prinzip der Stoßkraft getreu, predigt er nun die Schwerpunktbildung mit Panzern, oder die Konzentration höchster Kampfkraft an der entscheidenden Stelle! Dazu das immer und überall gültige Prinzip der Überraschung! 

 

Mannesstolz vor Königsthronen 

Angesichts der unausbleiblichen Neider und Opponenten der “alten Schule” wird sein von Natur gegebener Optimismus oft schweren Prüfungen ausgesetzt. Zum Jähzorn neigend, war seine Duldsamkeit bei starrköpfigen Widersachern nicht immer die größte. Aber er war kein “Bulle”, wie einige seiner Gegner ihn hinstellen wollten, sondern durch und durch Mann der alten preußischen Gesinnung, der “Mannesstolz vor Königsthronen” bewies! Es war nur natürlich, daß er, dem seine Vorgesetzten so schwere Hindernisse in den Weg legten, mehr und mehr in den Bannkreis Hitlers gerät, der wie er mit der Zeit geht und bereit ist, überholte Konzepte über Bord zu werfen. Zudem findet Guderian eine bedeutende Unterstützung durch das N.S.Kraftfahrerkorps Adolf Hühnleins, der dafür Sorge trägt, daß Guderians Auffassung moderner Kriegführung schon in dessen Reichsmotorschulen gelehrt wird.

Die gegen Guderian gerichteten Widerstände rühren von drei verschiedenen Seiten:

  1. Vom Chef des neugeschaffenen Generalstabs, Ludwig Beck (später führend in der Verschwörung gegen Hitler). Beck war in seiner langsamen und zögernden Art das krasse Gegenteil von Guderians Typisch für seine Einstellung zu Guderians Plänen ist folgendes Gespräch zwischen den beiden: Beck: “Wie viele dieser Divisionen wollen Sie haben?” Guderian: “Zwei zu Anfang, später 20.” Beck: “Und wie wollen Sie diese Divisionen führen?” Guderian: “Von der Front her, über Funk.” Beck: “Unsinn! Ein Divisionskommandeur sitzt in zurückgezogener Stellung mit Karten und einem Telefon. Alles andere ist Utopie!”

 

  1. Die Kavallerie, die sich trotz ihrer schon im Weltkrieg klar erkennbaren hohen Verwundbarkeit gegenüber modernen Maschinenwaffen noch immer für notwendig hält. Allerdings zählte die Kavallerie auch fortschrittliche Offiziere in ihren Reihen, die, wie sich später herausstellte, Schneid und Geschwindigkeit früherer Reiterregimenter auf die neuen Panzerverbände zu übertragen wußten.

 

  1. Die Artillerie, ihrer bisherigen Verwendung gemäß mehr an stationäre Kriege gewöhnt, während Guderian eine hochbewegliche Artillerie fordert, die den raschen Panzerangriffen ebenso rasch zu folgen Bedauerlicherweise für Guderian waren die höchsten Kommandostellen der Wehrmacht von ehemaligen Artilleristen besetzt. Diese Männer waren ihrer ganzen Tadition nach wenig aufgeschlossen für Guderians revolutionäre Theorien der Kriegführung. Es war dieser Typ, der den Generalstab beherrschte, und mehr noch, durch seine Personalpolitik dafür sorgte, daß Männer gleicher Gesinnung wieder an die Schaltstellen der Macht vorrücken durften. Diese waren es dann, die offen oder versteckt gegen seine Pläne opponierten, genau wie sie aufgrund ihrer christlichen oder monarchischen Bindungen Hitler von vornherein ablehnten, obwohl sie ihr neugewonnenes Prestige und ihre Beförderungen beim Wachstum der jungen Wehrmacht wohlgefällig hinnehmen!

 

Es darf vermutet werden, daß Guderian mit seiner Ernennung zum Kommandeur der 2. Panzerdivision von entscheidender Stelle entfernt und kaltgestellt werden soll. Zum Glück für ihn hegt Hitler schon damals ein instinktives Mißtrauen gegen die reaktionären Mitglieder des Generalstabes. Und so war es möglich, daß die von Guderian begründete Organisation weiter wachsen konnte. Der Enthusiasmus seiner Schüler ergab eine ausgezeichnete Grundlage für den weiteren Aufbau der Panzerwaffe. Die von ihm ebenfalls geforderten Unterstützungsfahrzeuge auf Raupen werden ihm allerdings nicht bewilligt. Wegen der gespannten Rohstofflage waren der deutschen Wiederaufrüstung auf entscheidenden Gebieten Grenzen gesetzt. Das Fehlen dieser geländegängigen Fahrzeuge sollte sich im Herbst 1941 dann auch im russischen Schlamm für die deutschen Offensivaktionen verhängnisvoll erweisen!

Guderian sorgte dafür, daß die Deutschen in noch einem weiteren Bereich ihren Gegnern weit vorauseilten: Durch sein völlig neues, einmaliges Führungsverfahren! Für Guderian konnten nur solche Führer unmittelbaren Einfluß auf den Verlauf des Gefechtes ausüben, die ihren Verbänden “buchstäblich vorausfliegen und -fahren”. Als logische Folge dieser Forderung setzt er sich für die Entwicklung von Funkgeräten für jeden einzelnen Panzer ein. Als Ergänzung zu dieser modernen Befehlsübermittlung werden von ihm Netzsysteme zum Abhören des feindlichen Funkverkehrs geschaffen. Die so gewonnenen Informationen über feindliche Bewegungen sollten ihm später in scheinbar hoffnungsloser Lage oft eine wertvolle Hilfe sein.

In einem Aufsatz schreibt er: “Ein moderner Alexander wird seine Aufgabe nur lösen, wenn er die Errungenschaften der Technik in seinen Dienst zwingt und seinen Soldaten das Bewußtsein seelischer und stofflicher Überlegenheit über die Gegner einflößt, wenn er mit unerschütterlichem Blick auf sein großes Ziel sein Schwert schmiedet für die ihm vom Schicksal gestellte Aufgabe, die Ehre und Freiheit des Volkes zu schützen.”

Doch Beck ist nach wie vor gegenteiliger Ansicht, und seine ihm ergebenen Offiziere lassen eine Zersplitterung der Truppe zu, in Widerspruch zu Guderians Plänen, der stets auf höchste Konzentration bedacht ist. General Thomas z. B. lehnt die Theorie des “Blitzkrieges” ab, an die Guderian leidenschaftlich glaubt!

Inzwischen hat Guderian das Konzept der reinen Verteidigung für seine Panzertruppe aufgegeben und sie stattdessen mehr offensiv geplant. Inmitten seiner hektischen Arbeit schreibt er 1936 in aller Eile Achtung – Panzer!, z. T. auf früheren Vorträgen und Artikeln beruhend. Die Schrift wird fleißig in allen Abteilungen für Fremde Heere der Generalstäbe der Welt studiert. Guderians Schlußsatz: “Soviel aber ist zu erkennen, daß nur starke Völker auf die Dauer bestehen werden, wenn die nötige Macht dahintersteht… nur dem mutig Handelnden wird dereinst die Schlachtengöttin den Lorbeer reichen.”

Am 12. März 1938 darf Guderian zusammen mit Sepp Dietrich, dem Kommandeur von Hitlers  SS-Leibstandarte, die Spitze der deutschen Truppen beim Einmarsch nach Österreich führen, eine besondere Ehre für die neugeschaffene Panzertruppe. Guderian stand mit Sepp Dietrich auf freundschaftlichem Fuß, weil Dietrich ein Draufgänger war und ebenfalls die neuen Ideen der Kriegführung teilte. Hitler hielt Dietrich für “zugleich gerissen, energievoll und brutal”, nach Macksey “eine passende Beschreibung für die Mehrzahl der besten Krieger der Welt”.

Frau Guderian schreibt nach dem Einmarsch voller Begeisterung an ihre Mutter: “Man kann es kaum fassen… ein Reich, ein Volk, ein Führer!” Die durch eine hohe Ausfallquote bezeugten Fehler in der Verläßlichkeit seiner Fahrzeuge geht Guderian mit gewohnter Energie an. Mit Feuereifer macht er sich an die Aufgabe, seine ihm nun unterstellten drei Panzerdivisionen zu einer erstklassigen Truppe zu formen. Sein beständig wiederholtes Motto: Das strategische Tempo, d.h. schneller sein als der Feind und ihm so den Ausbau neuer Verteidigungslinien zu verwehren, ruft seine doktrinären Gegner wieder auf den Plan. Guderian macht sich nicht beliebter, wenn er mit ironischen Äußerungen kontert: “Man sagt, der Motor sei keine Waffe… daß man mit Motoren nicht schießen kann, ist bekannt!”

So wird es beim Kampf um die Vormachtstellung der Waffengattungen immer deutlicher, daß die Gegnerschaft im Generalstab nicht nur gegen seine Ziele, sondern zunehmend auch gegen seine Person gerichtet ist.

Im Oktober 1938 sieht es so aus, als ob er durch eine von Beck ausgehende Verschwörung der Traditionalisten auf einen Posten abgeschoben werden soll, der seinen Einfluß neutralisieren würde. Nach diesem Plan sollte er seine dynamische Energie an unbedeutende Nebenaufgaben vergeuden! Hätte Hitler nicht hinter ihm gestanden, hätte es trotz Guderians hohem Durchsetzungsvermögen wahrscheinlich nie eine deutsche Panzerwaffe von Bedeutung gegeben. Kein Wunder, daß Guderian dankbar von Hitler beeindruckt ist. Zwei, wenn auch auf verschiedenen Gebieten verwandte  Geister, die beide ihre Ideen mit revolutionärem Elan vorwärtstreiben!

 

Polen 1939 – Die Stunde der Wahrheit

Es kam der Polenfeldzug, für Guderian und die von ihm geschaffene deutsche Panzerwaffe die Stunde der Wahrheit! Zum Erstaunen der ganzen Welt erreichen sechs Panzer- und vier leichte Divisionen in wenigen Tagen, was die übrigen 45 Infanterie- und Kavallerie-Divisionen vermutlich nicht in Wochen fertig gebracht hätten. Getreu seinem Grundsatz “Geführt wird vorn!” fährt

Guderian mit der Spitze der 3. Panzerdivision in einem Befehlspanzer neuester Bauart mit Funkeinrichtungen zur Verbindung sowohl mit rückwärtigen Kommandostellen wie mit den  anderen Verbänden (seine beiden Söhne befinden sich ebenfalls bei der Panzertruppe). In Polen zeigen sich in der Realität des Kampfes zum ersten Mal die glänzenden Führereigenschaften des Schöpfers der deutschen Panzerwaffe. Die im Frieden seinen Männern eingehämmerten Grundsätze von “Feuer, Bewegung und schneller Nachrichtenübermittlung” bilden neben der Tapferkeit des deutschen Soldaten die Grundlage für die dramatischen Erfolge des deutschen Heeres.

Guderian löst seine Gefechtsaufgaben in dem schnellen Tempo, das er immer gefordert hatte. Seine in ständiger Bewegung befindlichen und selbständig operierenden Panzer lassen dem Feind keine Zeit, sich zu ernsthaftem Widerstand zu sammeln. Von höchster Bedeutung für das Selbstvertrauen seiner jungen Panzertruppe ist seine persönliche Führungsrolle. Guderian ist nimmermüde immer dort, wo es brennt und seine persönliche Initiative entscheidend ist. Durch seinen unerschrockenen und seine eigene Person um nichts schonenden Einsatz als Frontkommandeur erwirbt er sich den Ruf der Furchtlosigkeit in den Augen seiner Soldaten, die ihm als kämpferisches Vorbild grenzenlose Bewunderung zollen.

Er kann auch in Wut geraten, wenn z. B. der Kommandeur eines Panzerregiments an einem Fluß Halt gebietet, den er für zu stark verteidigt hält (der Divisionskommandeur Geyr v. Schweppenburg glänzte gerade durch Abwesenheit). Erst Guderians persönliches Eingreifen bringt den Angriff wieder ins Rollen. Bezeichnend für seine Art ist auch die Abfuhr eines Kommandeurs, der seine Truppen zurückgenommen hatte, als er die Nachricht vom Auftauchen polnischer Kavallerie erhielt. Guderian fragt ihn sarkastisch, ob er je davon gehört hätte, daß pommersche Grenadiere vor feindlicher Kavallerie ausgerissen seien!

Selbst nach dem überwältigenden Sieg der Deutschen Wehrmacht über Polen war es nur wenigen bewußt geworden, daß es in Wahrheit Guderians gegen die Mehrheit der deutschen Militärexperten durchgesetzte neue Ideen gewesen waren, die diese unerwartet schnelle Entscheidung herbeigeführt hatten. Bei einem längeren, zermürbenden Feldzug wäre die Gefahr im Westen, wo Franzosen und Engländer abwartend Gewehr bei Fuß standen, erheblich gestiegen.

Zu seiner Überraschung und Genugtuung erlebt Guderian am 11. Februar 1940 bei einem Planspiel des bevorstehenden Frankreichfeldzuges eine wohlwollende Einstellung v. Rundstedts gegenüber seinen Plänen, wahrscheinlich, weil sie Hitlers Zustimmung fanden. Es ist die Erfüllung seines Traumes. Halder wollte im Verlauf des Feldzuges die deutschen Panzer an der Maas anhalten, bis die Infanteriedivisionen nachgerückt waren. Doch Guderian besteht energisch auf einem massierten Überraschungsangriff, um den “Stoßkeil so tief zu gliedern, daß man keine Sorgen um die Flanken zu haben braucht.” In seiner großen Studie History of the Second World War schildert Liddell Hart die Unterlegenheit der deutschen Angriffsarmeen an Zahl und Waffen. Er gelangt zu der Ansicht, daß das Risiko eines Fehlschlages der deutschen Offensive beachtlich war und daß der Erfolg in hohem Maße dem dynamischen Willen eines Mannes zu verdanken war, der mit seinen neuen Ideen von tiefen Durchbrüchen seiner Panzerkeile die Grundlage für den deutschen Sieg schuf!

 

Sieg im Westen

In einer Tiefe von insgesamt 160 km stoßen am 10. Mai 1940 drei deutsche Armeekorps in die bis dahin für Panzer als ungeeignet angesehenen Ardennen. Innerhalb von nur fünf Tagen ist die Hälfte der den deutschen Verbänden an Zahl und Gefechtstärke deutlich überlegenen französischen Panzertruppen ausgeschaltet. Während dieser ebenso gewagten wie blitzschnell durchgeführten Angriffsoperationen lernen alle Dienstgrade den ungeduldigen Guderian kennen und bewundern.

“Der schnelle Heinz” kümmert sich um alle und jeden. Wie Macksey schreibt, “das Ergebnis war ein Gefühl unbedingten gegenseitigen Vertrauens, das die Voraussetzung für eine hervorragende Führung ist.”

Immer wieder zeigt sich das wahre Führertalent Guderians besonders in bedenklichen Situationen. Paul Dierichs urteilt über ihn: “Die völlige Beherrschung der Lage und das Vertrauen auf Führung und Truppe verbreiten das Gefühl der militärischen Sicherheit und der persönlichen Ruhe. Es gibt in dieser Umgebung keine Aufregung und erst recht keine nervösen Augenblicke.” Und wenn  Guderian einer Einheit ein so weitgestecktes Tagesziel setzt, daß seinen Offizieren der Atem vergeht, so weiß er “in knappen, klaren Darlegungen die Notwendigkeit dieses Einsatzes  klarzumachen. Er spricht in solchen Momenten faszinierend und überträgt seinen ungestümen  Drang nach vorwärts auf seine weitere Umgebung.”

Wie sehr die Meinungen der Frontkommandeure und der höheren Befehlsstellen oft auseinanderklafften, zeigt sich am 17. Mai, als v. Kleist den ihm unterstellten Guderian aufsucht  und ihm vorwirft, durch sein allzuschnelles Vorrücken eine zu ausgedehnte Flanke geschaffen zu haben. Aber statt den Befehl, sein Eiltempo zu stoppen, einfach hinzunehmen, fordert Guderian aggressiv die sofortige Ablösung von seinem Kommando. Rundstedt befiehlt ihm jedoch zu bleiben und erlaubt ihm, “kampfkräftige Aufklärung” zu treiben, seinen Korpsgefechtsstand jedoch am alten Standort zu belassen. Liddell Hart ergötzt sich darüber, wie Guderian die Befehle seiner Oberen auf seine Weise interpretiert und diese “Aufklärung” offensiv vorwärts treibt. Er läßt ein Telefonkabel zur Befehlsübermittlung nach vorn legen, um es so seinen Vorgesetzten unmöglich zu machen, seine weiteren Befehle an die Angriffsspitzen abzuhören!

Auch Hitler, der sich am selben Tage bei v. Rundstedt eingefunden hatte, wollte sich lieber mit sicheren Erfolgen begnügen, als das Risiko eines Durchstoßes ohne Stopp zum Kanal einzugehen. Zweifellos sprach bei ihm seine Weltkriegserfahrung mit, als es der erstklassigen kaiserlichen Armee in 4½ Jahren nicht gelungen war, Franzosen und Engländer zu Boden zu ringen. Zum Glück für Guderian erweist sich diesmal Halder als unerwarteter Bundesgenosse. Halder, ungehalten über diese übertriebene Vorsicht, plädiert für die Fortsetzung des Vorstoßes zur Küste.

Am 20. Mai, gegen Abschluß des nach Liddell Hart “atemberaubenden Rennens zum Kanal”, gelingt Guderians Korps als dramatischer Abschluß dieses Vorstoßes die weiteste Tagesleistung seiner Panzereinheit im ganzen Frankreichfeldzug: 90 km kämpfend vom Canal du Nord bis Abbeville! Den deutschen Panzerkräften steht es frei, entweder nach Süden oder nach Norden gegen Calais und Dünkirchen einzuschwenken. “Rennpferde machen”, wie Fuller einmal schrieb, “an der Zielmarke nicht halt”. Und Guderian hielt, so Macksey, “niemals ein galoppierendes Rennpferd zurück”. Wären Guderian und Reinhardt am 21. Mai sofort weiter auf Boulogne und Calais vorgestoßen, so hätten sie diese so gut wie unverteidigten Hafenstädte im Handstreich nehmen können. Aber OKH und OKW waren von ihrem eigenen Erfolg so überrascht, daß es keine diesbezüglichen Pläne und Befehle gab.

Als Dünkirchen nur noch 25 km entfernt und reif zur Einnahme liegt, erfolgt der berühmte Halte- Befehl für die deutschen Voraustruppen. Es gibt verschiedene Erklärungen für diese – wie sich später zeigen sollte – unselige Entscheidung der deutschen Führung. Es ist keine abwegige Behauptung, daß Deutschland den Krieg nicht erst mit Stalingrad oder Kursk, sondern bereits in dem Augenblick verlor, als man dem englischen Heer erlaubte, fast in Gänze zu entkommen und damit den Grundstock für Englands Durchhalten und die spätere alliierte Invasion zu bilden. Nach Macksey’s Meinung hatten Rundstedt und Kluge die Nerven verloren. Hitler soll unentschlossen gewesen sein, dann aber Görings großspurigen Vorschlag, seiner Luftwaffe die Ausschaltung der Hafenstadt zu überlassen, eifrig aufgegriffen haben.

Liddell Hart bringt dagegen eine andere Erklärung. Nach ihm – und seine Ansicht steht keineswegs allein – soll Hitler bewußt das britische Expeditionskorps entkommen lassen haben. Liddell Hart wörtlich: “Hitlers Eingriff rettete sie [die Engländer], als nichts sonst sie hätte retten können.” An anderer Stelle zitiert er Blumentritt aus Rundstedts Stab, der Hitlers Gründe wie folgt wiedergibt: “Er wollte einen vernünftigen Frieden mit Frankreich schließen, dann würde der Weg frei sein zu einem Übereinkommen mit England. Und dann setzte er uns in Erstaunen, als er mit Bewunderung vom englischen Empire sprach, und von der Notwendigkeit seiner Existenz, und der Zivilisation, die England der Welt gebracht hatte… Er sagte, daß er von England nur wolle, daß es Deutschlands Stellung auf dem Kontinent anerkennen solle. Die Rückgabe der deutschen Kolonien sei zwar wünschenswert, aber nicht wesentlich, daß er sogar England seine Truppenhilfe anbieten würde, wenn es sie irgendwo benötigen würde.” Er schloß mit den Worten, “daß es sein Ziel sei, einen Frieden mit England zu schließen, der seine Ehre wahren würde!” Und mit dieser fantastischen Einstellung (so darf bei nüchterner Beurteilung der durch Verschlagenheit und blindwütig- egoistische Raubkriege geprägten englischen Politik durch die Jahrhunderte festgestellt werden) wollte das deutsche Staatsoberhaupt einen Kampf gewinnen, in dem es für das deutsche Volk um Sein oder Nichtsein ging!

Guderian war sprachlos über den Haltebefehl. Auch Halder war entsetzt, aber beide wurden überstimmt. Görings Luftwaffe erfüllte nicht die so bombastisch von ihm ausgesprochenen Erwartungen. Ihr Eingreifen war kein Ersatz für eine Vernichtungsoffensive zu Lande. Briten und mit ihnen ein Teil der französischen Streitkräfte konnten dank einer von England glänzend improvisierten Rettungsaktion (und mit Hitlers Einwilligung) über den Kanal entkommen.

Auch im weiteren Verlauf des Frankreichfeldzuges, in dem er die “Panzergruppe Guderian” führt, kommt es zu wiederholten Auseinandersetzungen mit Vorgesetzten, die noch immer Ressentiments gegen seine vorwärtsstürmenden Panzer hegen. In einem Brief an seine Frau vom 15. Juni, ein Tag nach der Einnahme von Paris, schreibt er: “…der Kampf gegen die eigenen Oberen macht manchmal mehr Arbeit als der gegen die Franzosen… das Land ist in katastrophaler Verfassung… alles Vieh geht zugrunde…” Das aus diesem Brief sprechende Mitgefühl eines deutschen Generals steht in krassem Widerspruch zu den Mären von deutscher Brutalität. Es waren vielmehr unsere Gegner, die ihre Feldzüge und Flächenbombardements mit mitleidloser Grausamkeit gegen die  Zivilbevölkerung führten. Die Vernichtung des Gegners war für Guderian, wie allgemein für den deutschen Soldaten, nicht wie bei unseren Feinden ein Ausfluß von Haß, sondern eher vergleichbar mit der sauber gelungenen Operation eines tüchtigen Chirurgen.

Am 22. Juni erfolgt der Waffenstillstand. Der Name Guderian ist jetzt in aller Munde. Eine dankbare Nation erklärt ihn zu ihrem Volkshelden. Seine Panzergruppe allein hatte in 13 Tagen 250.000 Gefangene gemacht. Doch es ist bezeichnend für Guderians Charakterfestigkeit, daß diese Erfolge ihn nicht überheblich machen.

Am 27. Juni trifft er mit Ritter von Epp, dem Beauftragten für deutsche Kolonialfragen, zusammen. Die beiden weitschauenden Männer erörtern die sich nach dem Sieg über Frankreich und dem von England ausgeschlagenen Friedensangebot (seine Armee war ja gerettet!) ergebenden strategischen Möglichkeiten zur erfolgreichen Beendigung des Krieges. Eine Invasion Englands halten sie wegen der ungeheuren Überlegenheit der englischen Flotte für zu riskant. Wie auch Großadmiral Raeder wollen Guderian und Epp den für England lebenswichtigen Mittelmeerraum zur Operationsbasis machen, um es dadurch zum Frieden zu zwingen. Möglichst im Bündnis mit den Franzosen, die begreiflicherweise erbittert darüber sind, daß sie vom perfiden Albion im Stich gelassen wurden.

Mit aktiver oder passiver Beteiligung Frankreichs wären die Ausschaltung des nur schwach verteidigten Maltas sowie ein Vorstoß nach Ägypten höchst erfolgversprechend gewesen, ganz abgesehen von den Chancen eines energisch geführten U-Bootkrieges gegen Englands Lebensader. Erst viel später, als der Gegner dafür gerüstet ist, wird dieser Versuch, und dann vergeblich, unternommen. Bei Hitler fanden solche zeitgemäßen maritimen Pläne wenig Entgegenkommen. Und noch viel weniger bei dem eifersüchtigen Mussolini, der keinen deutschen Einfluß in “seinem” Raum wünschte!

Unternehmen Barbarossa

An jenem schicksalhaften 22. Juni 1941 – wegen der zuvor plötzlich hereingebrochenen Balkankrise um Wochen zu spät – tritt die Deutsche Wehrmacht mit ihren Verbündeten auf einer Frontbreite von 2.000 km zum Angriff auf die Sowjetunion an.

Nicht eine “friedliche” Sowjetunion, wie die Bewunderer des ehrbaren Genossen Stalin noch heute der Welt weismachen wollen! Es dürfte inzwischen aus zahlreichen in- und ausländischen Quellen bewiesen sein, daß Hitler mit dem bis dahin größten Unternehmen der Geschichte den  Angriffsplänen Stalins nur um wenige Wochen zuvorkam.

Guderian ist die gefährliche Überlegenheit der Roten Armee an Panzern, Artillerie und Flugzeugen bekannt. Trotzdem führt er auch in diesem Feldzug seine Panzergruppe von Sieg zu Sieg. Diesmal gegen einen im Vergleich zu den Franzosen ungleich härter kämpfenden Gegner. Hinzu kommen die Riesenentfernungen durch kräfteverzehrendes Gelände, oft mit nur Andeutungen von Straßen, und die damit verbundenen Schwierigkeiten des Nachschubs. Zu allem Überfluß war die deutsche Führung noch vorher gezwungen, beachtliche Kräfte auf den Balkan abzuzweigen, sowie Panzerdivisionen nach Afrika zu entsenden, um den geschlagenen Italienern zu Hilfe zu eilen!

Deutschland führt somit nicht nur den tragischen Zweifrontenkrieg. Es ist zusätzlich in weit entfernte Kriegsschauplätze verwickelt. Statt Guderians berühmt gewordene Strategie der Konzentration anwenden zu können, sind die Deutschen zu einer Verzettelung wertvoller Kräfte gezwungen. Der Angriff in die Weiten Rußlands erfolgt daher mit völlig unzureichenden Mitteln. Wie sich bald herausstellen soll, hatten Hitler und das Oberkommando die Franzosen überschätzt, die Kampfkraft Sowjetrußlands jedoch gewaltig unterschätzt!

Teils wegen dieser Fehlbeurteilung der Roten Armee versäumt es die deutsche Führung, die militärischen Operationen durch eine geschickte politische Strategie zu unterstützen. In blindem Vertrauen auf die besten Soldaten der Welt unterläßt man den Versuch, die durch Stalin unterdrückten Völker und seine zahlreichen Gegner als potentielle Freunde zu gewinnen. Eine für diesen alles entscheidenden Kampf viel zu starre, wirklichkeitsferne Ideologie dominiert, vermischt mit überholten imperialistischen Zielen. Die Wirkung zeigt sich bald in Form von starken, hinter  den Fronten operierenden Partisanenverbänden sowie einer weiteren Versteifung des sowjetischen Widerstandes.

Guderian befehligt diesmal fünf Panzerdivisionen, doch ist die Gefechtsstärke dieser Divisionen so ausgedünnt, daß er insgesamt zahlenmäßig weniger (wenn auch besser armierte) Panzer als in Frankreich zur Verfügung hat. In Frankreich war der Frontabschnitt für sein Korps nie größer als 40 km, in Rußland dagegen für seine Panzergruppe bis zu 160 km! Trotz aller Schwierigkeiten braucht er für die 440 km von Brest-Litowsk bis Bobruisk nur sieben Tage. Mit einem Tagesrekord von 115 km übertrifft er noch seine Spitzenleistung in Frankreich.

Doch trotz der riesigen Mengen an eingebrachtem Material und Gefangenen nach den großen Kesselschlachten sind die Sowjets noch immer nicht entscheidend geschlagen. Von Stalin mit rücksichtsloser Brutalität angetrieben, kämpfen sie hartnäckig weiter. Am 4. Juli schreibt Guderian an seine Frau: “… als Bremser hat er (v. Kluge) sich sofort äußerst wirkungsvoll bestätigt”, und dann, erste Zweifel an der Urteilskraft des deutschen Oberkommandos andeutend, “alles erstirbt in Ehrfurcht vor ganz oben, und keiner wagt etwas zu sagen. Das kostet viel unnötiges Blut!” Die Sowjets waren zu diesem frühen Zeitpunkt in großer Verwirrung, aber das deutsche Oberkommando nutzt diese Lage nicht aus. Während er sich in den ersten Feldzügen mehr zurückgehalten hatte, schaltet Hitler sich in Rußland immer mehr ein, bis zu direkten Befehlen für begrenzte Aufträge einzelner Panzerkorps. Wie Hoth sich ausdrückte, wurde durch diese Aufsplitterung “die  Panzerfaust zu einer gespreizten Hand” – das Gegenteil von “klotzen”!

Am 10. Juli fotografiert Guderian bei Tolotschino den ersten russischen T34, ein den deutschen Panzern eindeutig überlegener Kampfwagen, gegen den die deutsche PAK nichts ausrichten kann. Es ist die Zeit der ersten Krisenstimmung auf deutscher Seite. Dicker Staub hatte zu einer beschleunigten Abnutzung der Motoren in den deutschen Fahrzeugen geführt. Die deutschen Mechaniker können nicht so schnell arbeiten, wie Reparaturen nötig werden. Und das russische Eisenbahnsystem ist wegen der größeren Spurbreite erst nach langwierigem Umbau verwendbar.

In Anbetracht all dieser Widerwärtigkeiten zeigt sich Guderians unvergleichliche Führungskunst. Bewundernd schreibt sein Luftwaffenoffizier v. Barsewisch anläßlich einer Befehlserteilung am 11. und 12. Juli: “Wenn Guderian entscheidet, ist es, als ob der Kriegsgott selbst über die Walstatt reitet. Wenn seine Augen wetterleuchten, scheint Wotan Blitze zu schleudern oder Thor den Hammer zu schwingen.” Und am Abend hört er Guderian am Telefon, wieder mit den Widerständen des Oberkommandos kämpfend, ausrufen: “Es geht nicht um meinen Ruhm, sondern um das Deutsche Reich!”

Guderians und Hoths Operationen im Raum Smolensk dürfen zu den bewunderungswürdigsten des Ostfeldzuges eingereiht werden. Nur wenn die Panzer bis zu den Türen im Schlamm versinken, gibt es einen Stop. Sonst wird selbst in der Nacht nicht halt gemacht. Benzin und Munition werden knapp, Männer und Maschinen sind von Übermüdung gezeichnet. Aber Guderian ist überall.

Während Guderians Feldherrnkunst auf dem Höhepunkt ist, wächst die Lage den weit hinten gelegenen Stäben zunehmend über den Kopf. Die Panzerkommandeure haben ständig um Nachschub und Verstärkungen für ihre immer schwächer werdenden Verbände zu ringen. OKH und OKW waren nach den vielen deutschen Siegen gefährlich verwöhnt worden und wiegten sich in dem naiven Glauben, daß es immer so weiter gehen müsse. Sie wollten nicht einsehen, daß die Erfolge der deutschen Panzerkeile nahezu militärische Wunder waren. In den Stäben hatte man keine Ahnung, unter welch unsagbar harten Bedingungen die Frontkommandeure zu führen hatten. Keiner von ihnen, die in bequem eingerichteten Quartieren am Kartentisch saßen, hatte je ähnliches mitgemacht. Guderian dagegen ist fast jedem der ihm unterstellten 300.000 Männer von Angesicht bekannt.

Als es Anfang August 1941 immer deutlicher wird, daß die Kräfte der Wehrmacht nur für ein Ziel ausreichen, sind Bock, Kluge, Guderian, Hoth wie auch Brauchitsch und Halder für den Angriff auf das noch 300 km entfernte, kaum verteidigte Moskau. Doch Hitler sollte anders entscheiden. Für ihn hatten wirtschaftliche Aspekte Vorrang vor der militärischen Entscheidung. Statt Moskau einzunehmen, fordert er die Besetzung Leningrads und der Ukraine.

Alles wurde angehalten. In den höchsten Stäben, wo weder Kanonendonner zu hören war noch die Zeit drängte, entwickelt sich eine endlose Debatte über die einzuschlagende Strategie. Während die deutschen Angriffsverbände durch Befehle an Ort und Stelle gefesselt sind, erhält die Rote Armee erstmalig eine Chance, starke Verteidigungsstellungen auszubauen. Halder, der Chef des OKH, ist nahe der Verzweiflung. Ihm ist absolut klar, daß eine verfehlte Strategie in diesem gigantischen Ringen Deutschlands Niederlage einläuten wird. [Hier sieht der Autor, wie wir meinen, die Sache etwas zu oberflächlich. Halders wahres Gesicht und seine Einstellung zu Deutschlands Niederlage wird hier deutlicher! Anm. d. Scriptorium]

Trotz der Opposition seiner Generale befiehlt Hitler endlich nach kritisch langem Zögern die Drehung der Panzerverbände nach Süden, um Kiew zu nehmen. Halder bemerkt dazu, daß die Operation in der Ukraine zwar möglich sei, aber eine nachfolgende Offensive gegen Moskau ausschließe, da das deutsche Heer auf einen Winterfeldzug überhaupt nicht vorbereitet ist! Er weist auf die ungeheuren logistischen Schwierigkeiten bei der Härte des russischen Winters hin. Doch als Hitler dagegenhält, “meine Generale verstehen nichts von Kriegswirtschaft”, nickten, wie Guderian berichtet, die Anwesenden nur, “und ich stand mit meiner Ansicht allein”.

Das Ergebnis der Ukraineschlacht ist zwar allem äußeren Schein nach überwältigend: fast ½ Million Gefangene, mehr als 800 Panzer und 3.500 Geschütze! Doch während die deutschen Ausfälle an Mensch und Material nur kümmerlich ersetzt werden, fließt für die Rote Armee unaufhörlich Nachschub aus den Werken jenseits des Ural – und schon jetzt zum Teil aus den USA.

Die Richtungsschwenkung um 90° aus dem Kessel um Kiew zum Angriff auf Moskau stellt nach Macksey “eine absolut brillante Leistung in punkto Organisation und Führung – fast ohne Parallelen dar”. Die Tage werden kürzer, das Wetter hindert durch Nässe und Kälte. Guderian verfügt nur noch über knapp die Hälfte seiner Panzerstärke. Der Transport auf den verschlammten Wegen wird für  die kettenlosen deutschen Fahrzeuge fast unmöglich. Es fehlt an Treibstoff. Die Eisenbahn leidet Mangel an rollendem Material. Die deutschen Fronttruppen wissen, daß sie sich nicht nur in einem Wettrennen gegen die Sowjets, sondern ebenso gegen die Zeit und den russischen Winter befinden.

Wie stets ist Guderian an der Front, um die Truppe vorwärts zu treiben. Noch immer sind er und seine Männer davon überzeugt, daß dieses blutige Ringen nur durch erneuten Angriff zu Ende geführt werden kann. Oberstleutnant v. Barsewisch gibt einen Eindruck von Guderians urwüchsiger Art wieder, seine Soldaten anzusprechen: “Heute erschreckte Guderian die alten Wackelpapas von der Infanterie, die jetzt zu uns gekommen sind und unseren Kommandeur nicht kennen, fürchterlich… ’10 km glauben Sie mit Ihrem Bataillon nicht abschirmen zu können? Wie schade!

Denken Sie mal, ich habe eine offene Flanke von 300 km, in der nichts steht, und das stört mich gar nicht. Also bitte…’.”

Auf der Strecke nach Tula erleiden die deutschen Panzer bei der Begegnung mit überlegenen T34 und den massigen KWI schwere Verluste. Der Vormarsch wird zum Kriechtempo. In der Nacht vom 6. zum 7. Oktober fällt der erste Schnee. Nach jedem Neuschnee macht das anschließende Tauwetter alle Wege grundlos. Der Gegner kann sich immer leichter auf die nächsten Operationen der Deutschen einstellen. Änderungen der Stoßrichtung zur Erzielung von Überraschungsangriffen werden unmöglich. Sorgenvoll an die Lage seiner Soldaten denkend, schreibt Guderian am 21. Nov. an seine Frau: “Die Anforderungen an die Truppe sind enorm. Umso bemerkenswerter sind nach wie vor ihre Leistungen. Jede, aber auch jede Unterstützung von oben fehlt.”

 

Standhaft in der Katastrophe

Generalfeldmarschall v. Brauchitsch hatte kurz zuvor einen Herzanfall gehabt. Generalfeldmarschall v. Bock arbeitet trotz heftiger Magenkrämpfe bis zur Erschöpfung weiter. Im Norden fällt das Thermometer schon jetzt auf 30° unter Null. Die empfindlichen deutschen Motoren und automatischen Waffen versagen, wenn das Öl dickflüssig wird. Bei der grimmigen Kälte (bald bis zu -50°) mangelt es an allem: Warme Stiefel, Wollsocken usw. usw. Die Kampfkraft von Truppe und Fahrzeugen sinkt mit dem Fallen des Thermometers.

Am 30. November nimmt Rundstedt seine vorspringende, unter starkem sowjetischen Druck stehende Verteidigungslinie eigenmächtig zurück. Es ist der erste strategische Rückzug deutscher Truppen seit 1918! Auf die Aufforderung des OKW, seinen Entschluß rückgängig zu machen, fordert er verbittert seine Ablösung. Sein Nachfolger für die Heeresgruppe Süd wird v. Reichenau. Doch der Rückzug geht weiter. Der Widerstand in der deutschen Generalität gegen Hitlers starres Halten wächst. Selbst Sepp Dietrich hält mit seiner Kritik nicht zurück.

Durch seinen Meisterspion Richard Sorge in Tokio weiß Stalin, daß er von Japan im Osten keine Aktionen zu befürchten hat. Er kann folglich die frischen, für den Winterkrieg vorzüglich ausgerüsteten sibirischen Divisionen an seine Westfront werfen. In Erwartung der großangelegten sowjetischen Gegenoffensive nehmen Guderian, Hoepner und Reinhardt am Vorabend des 6. Dezember, ohne v. Bocks Befehl abzuwarten, ihre weit vorgeschobenen Angriffsspitzen zur Verteidigung zurück.

Der sowjetische Druck wird so stark, daß die Deutschen beachtliche Mengen an schweren Waffen und Material, selbst Verwundete und halb Erfrorene, zurücklassen müssen. Trotz allem gibt es keine Anzeichen von Panik. Doch die erste Niederlage im Rußlandfeldzug zeichnet sich ab. In einem  Brief vom 16. Dezember an seine Frau drückt Guderian seine Sorgen um seine Soldaten aus: “Nachts liege ich viel schlaflos und zermartere mir das Gehirn, was ich tun könnte, um meinen armen Männern zu helfen, die in diesem wahnsinnigen Winterwetter schutzlos draußen sein müssen… die Leute von OKH und OKW, die die Front nie gesehen haben, können sich keinen Begriff von diesen Zuständen machen. Sie drahten immer nur unausführbare Befehle.”

Es kommt zu weiteren Zusammenstößen mit dem Führerhauptquartier. Hitler verspricht Hilfe auf dem Luftwege und wiederholt seinen Befehl, die Stellungen, abgesehen von örtlichen Bereinigungen, zu halten. Jedoch die in den Weiten Rußlands eindeutig überforderte Luftwaffe kann den Nachschubbedarf der exponierten Fronttruppen nicht annähernd decken. Inmitten der allgemeinen Katastrophe muß v. Brauchitsch den Oberbefehl über das Heer abgeben. Aber an seine Stelle sollte nicht Guderian treten, wie einige klarblickende Offiziere im OKH es gewünscht hatten, sondern Hitler selbst!

Guderian gelingt es, eine direkte Aussprache mit Hitler zu bewirken. Die fünfstündige Unterredung, die am 20. Dezember stattfindet, verläuft völlig ergebnislos. Für Guderian bedeutet Bewegung immer Sicherheit, gleichgültig ob im Angriff oder in der Verteidigung. Doch Hitler weist seine Vorschläge jedesmal mit unpraktischen Einwänden zurück. Auch Guderians Forderung, die “Bürokraten” im OKW durch fronterfahrene Offiziere zu ersetzen, wird abgelehnt.

Am 24. Dezember 1941 geht Tschern verloren. Wiederholt kommt es zum Streit zwischen Guderian und v. Kluge, den ersterer später als “schwierigen Vorgesetzten” bezeichnet. Guderian kommt um seine Ablösung an, doch ist v. Kluge ihm mit dem gleichen Antrag gegen Guderian beim OKH zuvorgekommen, und Hitler ist gern bereit, diesen eigenwilligen Mann zu verabschieden. Es ist eine verhängnisvolle Tragik für Deutschland, daß gerade der Mann gehen muß, der in schier   auswegloser Situation sein Bestes geben konnte und dessen hervorragendes Führungsgeschick die großen deutschen Siege, unter Vermeidung unnötiger Verluste, ermöglicht hatte. Guderian opfert seine militärische Laufbahn, als er vor Moskau im tiefsten Unglück um die nach seiner Meinung bestmögliche Abwehrstrategie kämpft. (Liddell Hart glaubt dagegen, daß Hitler vor Moskau recht hatte, als er mit seinem eisernen Durchhalten eine panikartige Flucht der deutschen Truppen verhinderte.)

In Anerkennung seiner Verdienste veranlaßt Hitler die Schenkung eines 4.000-Morgen-Gutes im Warthegau an Guderian. Niemals zu Passivität neigend, hält Guderian, neben seiner neuen Tätigkeit als Landwirt, seine Verbindungen zu alten Waffengefährten aufrecht, darunter auch Sepp Dietrich von der Waffen-SS. Und Sepp Dietrich, der alte Haudegen und Freikorpskämpfer, hatte Hitler unerschrocken erklärt, Guderian sei vor Moskau Unrecht getan worden. Im darauffolgenden Frühjahr zeigt er in aller Öffentlichkeit seinem alten Kommandeur seine Hochachtung.

Anfang 1943 fängt man in höheren Befehlsstellen an, einen Mann zu suchen, der eine Wende der immer bedrohlicher werdenden Lage herbeiführen könnte. Man empfiehlt Hitler, Guderians Vorkriegsschriften zu lesen. Hitler ist beeindruckt genug, Guderian anzuhören. Am 28. Februar 1943 findet sich eine Eintragung im Tagebuch Schmundts, des Chefs des Personalamtes: “Der Führer verfügte die Schaffung der Stelle des Generalinspekteurs für die Panzertruppe. Zum Generalinspekteur wird Generaloberst Guderian ernannt.”

Es gab noch immer genügend Neider, die mit Mißfallen auf Guderians Ernennung blicken. Doch  die kämpfende Truppe begrüßt es einhellig, daß “der schnelle Heinz” wieder mit ihr ist. Auch Albert Speer ist froh, auf dem Rüstungssektor nun mit einem Mann von Guderians Fähigkeiten zusammenarbeiten zu können. Als erste Maßnahme besteht Guderian darauf, in seinem Stab nur fronterfahrene Offiziere zu verwenden, da er weiß, daß die Herren des OKH und OKW von den Realitäten oft meilenweit entfernt sind. Oberst Wolfgang Thomale, ein begeisterter Panzermann von ungewöhnlicher Tüchtigkeit, wird Guderians Chef des Stabes. Bei Thomales Dienstantritt zeigt Guderian wieder seinen gewinnenden Humor, als er Thomale grinsend erklärt: “Einer von uns muß reisen und einer muß arbeiten. Ich werde reisen.”

Obwohl mit einem wahren Berg von Arbeit überhäuft, arbeitet Thomale mit seltener Begeisterung für den Mann, den er als “Deutschlands besten und verantwortungsvollsten General” bezeichnet. Bei seinen zahllosen Inspektionen wird Guderian Deutschlands bedenkliche Situation immer bewußter, ebenso, warum es zu so vielen Rückschlägen in diesem Krieg gekommen war. Mit eiserner Energie bemüht er sich überall, den verfahrenen Karren wieder flott zu machen. (Ich empfehle zu diesem Thema das ausgezeichnete Buch von Max Klüver: Den Sieg verspielt, Druffel 1984.)

 

Ein Vorstoß der Verschwörer

Genau wie der populäre Rommel wird auch Guderian von den um die Beseitigung Hitlers bemühten  Verschwörern angegangen. Goerdeler sucht ihn auf, um ihn zur Mitarbeit zu gewinnen. Doch Guderian bleibt seinem Eid treu. Sein Entschluß wird ihm noch durch die Tatsache erleichtert, daß ausgerechnet Beck, den er wegen seiner zaudernden und schwerfälligen Natur für unfähig hält, das Haupt der Verschwörung sein soll. Aber er steht zu seinem Goerdeler gegebenen Wort, über ihre Zusammenkunft Schweigen zu bewahren.

Zu den Plänen der Männer des 20. Juli schreibt Guderian: “Bei der gefahrvollen Lage, in der sich das Reich… durch die Forderung [der Alliierten] auf bedingungslose Kapitulation bereits befand, mußte ein Weg gewählt werden, der nicht zu einer Katastrophe des Reiches und Volkes führte. Ich kam zu dem Schluß, das Vorhaben Dr. Goerdelers als schädlich und praktisch undurchführbar abzulehnen. Wie das gesamte Heer fühlte auch ich mich durch den Fahneneid gebunden.” Daß einer der Verschwörer Guderian angedroht haben soll, seine “Verwicklung” zu enthüllen, um ihn dadurch zum Mitwirken bzw. zum Schweigen zu erpressen, spricht nicht für die Putschisten, aber eindeutig für Guderians Charakter, der von solchen Schlichen unbeeindruckt bleibt.

Selbst nach dem Scheitern des Unternehmens Zitadelle, der großen deutschen Offensive bei Kursk, glaubt Guderian noch immer, daß er, mit der nötigen Autorität ausgestattet, die drohende Niederlage verhindern kann. Der erprobte Militärstratege versucht nun, durch gezielte politische Vorstöße auf einen Personalwechsel an höchster Stelle hinzuwirken. Er erreicht einen erfolgversprechenden Kontakt mit Goebbels. Goebbels ist von Guderian beeindruckt und scheint seinen Vorschlag für einen durchgreifenden Personalwechsel im OKW zu begrüßen. Aber so intelligent und einsichtig Goebbels war, er hatte nie den Schneid, seinen geliebten Führer durch unwillkommene Bitten oder Vorschläge zu verärgern.

Die Großoffensiven der Sowjets drücken die deutsche Front unaufhörlich gegen die Reichsgrenzen, ganze Armeen werden vernichtet, die durch Hitlers Verbot, die Front rechtzeitig zurückzunehmen, wie auch durch den Verrat der Verschwörer, überrollt oder eingeschlossen werden. Vermutlich durch die fatale Wirkung der Injektionen seines Leibarztes Dr. Morell – ganz abgesehen von der übermenschlichen Belastung in diesem Titanenringen – war Hitlers früher so beweglicher Geist zunehmend erstarrt. Von der hervorragenden Verteidigungskraft der deutschen Panzerverbände durch bewegliche Operationen, das “Schlagen aus der Nachhand”, will er aus purem Mißtrauen  nichts mehr wissen. In seinem Bemühen, kein Gelände preiszugeben, erzielt er bei enorm erhöhten Verlusten der ohnehin schon ausgezehrten deutschen Truppen das genaue Gegenteil! Hätte   Guderian als Generalinspekteur nicht all die technischen und organisatorischen Verbesserungen eingeführt, wäre das deutsche Ostheer schon viel früher zerfallen.

Am Abend des 20. Juli 1944 wird Guderian von Thomale unterrichtet, das OKH in Lötzen aufzusuchen, um das Amt des Chefs des Generalstabes zu übernehmen. Zeitzler war bei Hitler in Ungnade gefallen. Guderian stellt bei Antritt seiner neuen Diensttätigkeit fest: “Ich wäre in meinen Augen ein Schuft und Feigling geworden, wenn ich nicht den Versuch unternommen hätte, das Ostheer und die Heimat – Ostdeutschland – zu retten.”

Guderians Aufgabe wird zu einer Sisyphusarbeit. Er hat zwar die Verantwortung für die Operationen an der Ostfront, ist aber einer geradezu lächerlichen Bevormundung durch Hitler und das OKW ausgesetzt. Doch auch in dieser grotesken Stellung steht er seinen Mann. Vermutlich von Goebbels angehalten, bekennt er sich am 23. Juli in einer Rundfunkansprache zu dem “dem anständigen Soldaten geziemenden Weg der Pflicht und Ehre.” Er zitiert den Wahlspruch des von ihm und seinen alten Kameraden verehrten Feldmarschalls des 1. Weltkrieges, v. Hindenburg, “Die Treue ist das Mark der Ehre.”

Guderians Schritt ist für ihn keineswegs bloße Durchhaltepropaganda. Er ist entschlossen, sein Land über die eigene Person zu stellen. Mit seinem ihn auch jetzt noch nicht ganz verlassenden Optimismus hofft er, ein militärisches Remis herbeiführen zu können, das einen einigermaßen erträglichen Frieden ermöglichen soll. Wenn es ihm gelingt, die Ostfront zu versteifen, so hofft er, könnte vielleicht ein Sonderfrieden mit den Westmächten geschlossen werden.

Seine Erwartungen werden bald zuschanden gemacht, als Hitler nach dem Erfolg der alliierten Invasion dem westlichen Kriegsschauplatz den Vorrang gibt, “um die Ruhr zu schützen”. Hier schoß Guderians Optimismus einmal weit über das Ziel hinaus. Schon damals waren der Belege übergenug, daß die Alliierten sich durch nichts von ihrem gegen das Reich gerichteten brutalen Vernichtungswillen hätten abhalten lassen.

Die von Guderian aufgestellten frischen Verteidigungseinheiten für das Ostheer werden stattdessen zum Westen verlegt, die zum Teil schon auf Reichsboden schwer ringende Ostfront weiter entblößt. Guderian sieht sich gezwungen, auf seine alten Methoden der Umgehung unsinniger Befehle zurückzugreifen. Von Admiral Horthy hatte er kurz vor dem Zusammenbruch Ungarns eine politische Lehre erhalten, die ihm zu denken gab. “Sehen Sie, Herr Kamerad, in der Politik muß man immer mehrere Eisen im Feuer haben.” Die politischen Führer Deutschlands hatten, im Zwang ihrer unelastischen Ideologie, selten etwas von dieser pragmatischen Wendigkeit gezeigt.

Die Ölfelder von Ploesti waren verloren gegangen. Der Brennstoff für die beweglichen Einheiten wird schnell knapper und bringt diese Verbände fast zum Stillstand. Die einst so stolzen deutschen Panzerdivisionen sind nur noch ein Schatten ihrer selbst. Guderian hatte es fertiggebracht, die Sowjets bei Riga zum Halten zu bringen, um einen Korridor für das Durchschleusen der deutschen Truppen nach Ostpreußen zu schaffen. Sie sollten diese deutsche Vorpostenprovinz vor der erdrückenden sowjetischen Übermacht verteidigen helfen. Doch Hitler untersagt die geplanten Absetzbewegungen und verlangt das Ausharren der bald eingekesselten Kurlanddivisionen.

Die sich abspielenden Auseinandersetzungen im Führerhauptquartier werden zu Musterbeispielen für Zeitvergeudung und Bedeutungslosigkeiten. Im Januar 1945 verschlechtert sich das Klima der Besprechungen in OKH und OKW noch weiter, als man sich nach dem Scheitern der Ardennenoffensive nochmals mit Angriffsplänen im Westen trägt, während untrügliche Beweise für eine neue russische Großoffensive einlaufen. Guderian sucht die einzelnen Heeresbefehlshaber im Osten auf und muß nach Aussprache mit den Frontkommandeuren zu dem Schluß kommen, daß der Krieg unweigerlich verloren ist. Als Guderian den Bericht des Generalmajor Gehlen (Chef der Abteilung Fremde Heere/Ost) von der ungeheuren russischen Überlegenheit vorträgt, entgegnet Hitler wütend, Gehlen gehöre in ein Irrenhaus. Worauf Guderian ebenso heftig zurückgibt: “Dann sperren Sie mich gleich dazu!” Er weigert sich, Gehlen zu entlassen. Und er erklärt Hitler: “Die Ostfront ist wie ein Kartenhaus. Wird die Front an einer einzigen Stelle durchstoßen, so fällt sie zusammen.” Wenige Tage später bricht das Unglück über die Soldaten der Ostfront herein.

Die von Guderian aus dem Westen angeforderten Verstärkungen für die gegen einen grausamen und gnadenlosen Gegner kämpfende Ostfront werden nicht genehmigt. Statt dessen wird die 6. SS- Panzerarmee von den Ardennen nach Ungarn verlegt. Am 21. Januar 1945, nach den dramatischen Erfolgen der sowjetischen Stoßarmeen, wird Himmler zum Oberbefehlshaber der Heeresgruppe Weichsel ernannt. Aber auch mit Weltanschauungsstrategen läßt sich die rote Flut nicht eindämmen.

Das Niveau der Besprechungen im Führerbunker sinkt auf ein neues Tief beim Kampf der Frontkommandeure gegen die Verbohrtheit der Träumer – oder wie Rommel sie bezeichnet hatte – der Klubsesselstrategen. Anfang Februar war Guderian gerade von einem Gespräch mit dem japanischen Botschafter Oshima zurückgekommen. Erneut fordert er von Hitler die Evakuierung der Kurlanddivisionen auf dem Seeweg. Als Hitler sich wiederum weigert, stellt sich Guderian mit blitzenden Augen vor seinen Führer und verlangt energisch: “Es ist unsere Pflicht, diese Leute zu retten! Noch haben wir Zeit, sie abzutransportieren!” Der Dialog spitzt sich so zu, daß es fast zu einem körperlichen Zusammenstoß kommt! Am 13. Februar wiederholt sich diese dramatische Auseinandersetzung in der Reichskanzlei, diesmal über ein geplantes Angriffsunternehmen. Zum ersten Mal ist Hitler von einem seiner Generale eingeschüchtert. Hier hatte er keinen Jawohlsager vor sich, sondern einen Mann, der furchtlos für das eintritt, was er für richtig hält! Es ist eine akademische Frage, was für einen Verlauf der Krieg genommen hätte, wäre Guderian statt seiner mehr nachgiebigen Vorgänger von Anfang an Chef des Generalstabes gewesen.

Im Hinblick auf den bevorstehenden Zusammenbruch bemüht Guderian sich zusammen mit Speer, die materiellen Schäden zu begrenzen und Blutvergießen so weit wie möglich zu mindern. Die eigene Person stellt er immer mehr in den Hintergrund. Täglich tritt er weiterhin gegen die utopischen Pläne wirklichkeitsentrückter Politstrategen auf und kämpft unerbittlich für seine Offiziere und Soldaten!

Macksey schreibt über die letzte spannungsgeladene Besprechung am 28. März 1945, nach der es zu Guderians abermaliger “Beurlaubung” kommt: “… daß der letzte große Chef des Generalstabes seinem Auftrag treu blieb und bis zum Ende für seine Überzeugungen kämpfte.” Guderian war der einzige General, der noch in den letzten Tagen des Dritten Reiches seinem Führer Respekt abgetrotzt hatte. “Wenn Guderian sich entgegen seiner Einstellung als Soldat in die gewundenen Wege der Politik eingemischt hatte, so einzig aus dem einen Grunde: Deutschland kam zuallererst!”

 

Ein letztes Wort

Geben wir zuletzt Guderian selbst das Wort. Zum Schluß seiner Erinnerungen eines Soldaten schreibt er:

“In schwerer Zeit sandte mir ein Prinz meines Königshauses ein Bildchen Friedrichs des Großen,  auf welches er die Worte geschrieben hatte, die der große König einst in der Gefahr des eigenen Untergangs an seinen Freund, den Marquis D’Argens gerichtet hatte: ‘Nichts wird das Innere meiner Seele ändern, und ich werde meinen geraden Weg gehen und tun, was ich für nützlich und ehrenvoll halte.’ Das kleine Bild ging verloren, aber die königlichen Worte blieben mir im Gedächtnis haften und bildeten die Richtschnur meines Handelns. Wenn ich trotzdem den Untergang meines Vaterlandes nicht verhindern konnte, so möge man an meinem guten Willen hierzu nicht zweifeln.

Das Buch soll mein Dank an unsere teuren Toten und an meine alten Soldaten sein und ihren Ruhm der Vergessenheit entreißen.”

Und er richtet anschließend ein letztes, mahnendes Wort an seine früheren Waffenkameraden, das mit der Forderung schließt:

 

Schrifttum

“Drum auf ans Werk für Einigkeit und Recht und Freiheit für unser Deutschland!”

 

Adolph-Auffenberg-Komarow, Helwig, Die besten Soldaten der Welt; FZ-Verlag 1994.  

Carell, Paul, Unternehmen Barbarossa; Ullstein 1963.

Goebbels, Josef, The Goebbels Diaries; L. P. Lochner, Doubleday 1994.

Guderian, Heinz, Erinnerungen eines Soldaten; Motorbuchverlag 1994.

Guderian, Heinz, Panzer Leader (amerikanische Taschenbuchausgabe mit einem Vorwort von Liddell Hart); Da Capo Press 1996.

Liddell Hart, Basil, History of the Second World War; Putnam 1970.

Liddell Hart, Basil, The German Generals Talk; Berkley 1948.

Liddell Hart, Basil, Strategy; Praeger 1967.

Macksey, Kenneth, Guderian, der Panzergeneral; Econ 1976.

Plettenberg, Malte, Guderian – Hintergründe des deutschen Schicksals 1918-1945; abz-Verlag Düsseldorf 1950.

Venner, Dominik, Ein deutscher Heldenkampf; Arndt 1989.

 

Anhang

 Mit nachfolgenden Zitaten wichtiger Persönlichkeiten früherer Feindländer soll hier gezeigt werden, daß das von den Weltkriegs-Siegermächten als gültig und verbindlich hingestellte Geschichtsbild der Ergänzung bzw. Berichtigung bedarf.

In seinem Artikel “A biological view of our foreign policy” (Saturday Review vom 1. Feb. 1896) schreibt Prof. P. Chalmers Mitchell: “…wäre morgen jeder Deutsche beseitigt, es gäbe kein englisches Geschäft noch irgendein englisches Unternehmen, das nicht wüchse… macht Euch fertig zum Kampf mit Deutschland, denn Germania esse delendam.”

Dieselbe Zeitschrift vom 11. Sept. 1897: “…und wir könnten da zu Frankreich und Rußland sagen: Sucht Euch die Entschädigung selbst, nehmt in Deutschland, was Ihr wollt. Ihr könnt es haben.”

Henry White, US-Botschafter in London, 1910 im Gespräch mit dem konservativen Parteiführer Lord Balfour: White: “…wenn Sie mit dem deutschen Handel konkurrieren wollen, so arbeiten Sie härter.” Balfour: “Das würde bedeuten, daß wir unseren Lebensstandard senken müßten, Vielleicht wäre ein Krieg einfacher für uns.” (Allan Nevins, Henry White – Thirty Years of American Diplomacy, New York 1930, S. 257f.)

Francesco Nitti, italienischer Ministerpräsident, schrieb nach dem I. Weltkrieg: “…daß, wenn wir von den Deutschen gesagt haben, sie seien das Kriegsvolk Europas und der Krieg sei ihre einzige wahre nationale Industrie, wir damit eine vollendete Unwahrheit verbreitet haben und daß nicht Deutschland, sondern Frankreich das Kriegsvolk Europas ist. Denn wer weiß nicht, daß kein Volk der Erde so viele Kriege geführt hat wie Frankreich…” (Francesco Nitti, Die Tragödie Europas – und Amerika, Frankfurt 1924, S. 51, 54.)

Am 6. 8. 1914 sagte der französische Botschafter in Petersburg, Paléologue, zum italienischen Botschafter in Rußland, Carlotti: “Das, was ich Ihnen zu versichern berechtigt bin, besonders nach meiner gestrigen Unterhaltung mit dem Zaren, ist der Wille, der alle drei Mächte (der Entente) beseelt, der unversöhnliche Wille, Deutschland zu zerschmettern.” (Hölzle, Die Selbstentmachtung Europas, Göttingen 1975, S. 464.)

Der amerikanische Präsident Woodrow Wilson am 5. 9. 1919: “Gibt es einen Mann oder eine Frau – la jaßt mich sagen, gibt es ein Kind – das nicht weiß, daß der Samen des Krieges in der modernen Welt der industrielle und wirtschaftliche Wettstreit zwischen den Nationen ist?… dieses war ein Industrie- und Handeskrieg.” (Arthur Ponsonby, Absichtliche Lügen in Kriegszeiten, Seeheim 1967, S. 68.)

Der Herausgeber der Zeitschrift Nineteenth Century and After, F. A. Voigt, im September 1943 über das englische Verständnis der “balance of power”: “…der politische Anstrich derjenigen, die das Gleichgewicht bedrohen, ist völlig gleichgültig. Auch wenn Deutschland ein Modell von Demokratie gewesen wäre… ein despotisch regiertes Deutschland, das nicht zu stark ist, ist besser als ein liberales Deutschland, das zu stark ist.”

US-Senator Gerald P. Nye am 27. 4. 1941 über die Politik Roosevelts: “Wir werden von denselben Mächten zum Narren gehalten, die uns im (I.) Weltkrieg zum Narren gehalten haben…, wenn wir je in diesen (II. Welt-)Krieg verwickelt werden, so wird er von den künftigen Geschichtsschreibern nur mit einem Namen bezeichnet werden, ‘Der Krieg des Präsidenten’, weil jeder seiner Schritte seit seiner Rede in Chicago auf den Krieg hinlenkt.” (Sven Hedin, Amerika im Kampf der Kontinente, Leipzig 1942, S. 100f.)

Roosevelt zu Churchill während der Zusammenkunft im Atlantik im August 1941: “Ich werde vielleicht nie den Krieg erklären, aber ich werde ihn führen.” (Freund, Deutsche Geschichte, München 1979, S. 1375.)

Hamilton Fish, US-Politiker, über Roosevelt: “Roosevelt war ein entschiedener Internationalist und liebte es, sich überall einzumischen…. alles legte er darauf an, Polen zu überreden, ja nicht wegen der Rückgabe Danzigs an das Deutsche Reich – einer 95%ig deutschen Stadt – zu verhandeln, bis es zu spät war. Das war der Hauptgrund, der zum Krieg führte.” (Hamilton Fish, FDR, The Other Side of the Coin, New York, Vantage Press 1962 (deutsche Übersetzung: Der zerbrochene Mythos, Tübingen 1982, S. 36).

A. J. P. Taylor, englischer Historiker, 1962 über den Zusammenhang von deutscher Rüstung und Kriegsschuld: “Der Stand der deutschen Rüstung 1939 liefert den entscheidenden Beweis dafür, daß Hitler nicht an einen allgemeinen Krieg dachte und wahrscheinlich überhaupt keinen Krieg wollte.” (A. J. P. Taylor, Die Ursprünge des Zweiten Weltkrieges, Gütersloh 1962, S. 280.)

Duff Cooper, englischer Informationsminister, erklärte am 25. 4. 1940: “Der kommende Friedensvertrag muß weit härter und mitleidloser werden als Versailles. Wir dürfen keinen Unterschied machen zwischen Hitler und dem deutschen Volk…” (E. J. Reichenberger, Wider Willkür und Machtrausch, Göttingen 1955, S. 11.)

Lord Vansittart, Chef des Military Intelligence Service, sagte 1941: “Hitler ist kein Zufall. Er ist das natürliche Produkt einer Rasse, die von den frühesten Tagen der Geschichte an räuberisch und kriegslüstern war… durch die Gnade Gottes und zur Rettung der Menschheit werden wir die Erde von Deutschland befreien…” (Robert Vansittart, Black Record, London 1941, S. 14f.)

Ein wichtiger Zeuge über Krieg und Frieden in Europa ist der britische Politiker Winston Churchill; nachfolgend 14 Zitate von ihm:

“Seit 400 Jahren hat die Außenpolitik Großbritanniens darin bestanden, sich der stärksten, aggressivsten, beherrschenden Großmacht auf dem Kontinent entgegenzustellen… Es  handelt sich nicht darum, ob es Spanien ist oder die französische Monarchie oder das französische Kaiserreich oder das Hitler-Regime. Es handelt sich nicht um Machthaber oder Nationen, sondern lediglich darum, wer der größte oder der potentiell donminierende Tyrann ist.”

(in: The Second World War, Band 1.)

(Dazu die folgende Statistik: in den 300 Jahren von 1618 bis 1918 führte England 237 Jahre Krieg, davon:

gegen Frankreich: 10 Kriege, 73 Jahre lang;
gegen Spanien: 8 Kriege, 48 Jahre lang;
gegen Holland: 7 Kriege, 36 Jahre lang;
gegen Dänemark: 6 Kriege, 23 Jahre lang;
gegen Rußland: 4 Kriege, 7 Jahre lang;
gegen Deutschland: 4 Kriege, 17 Jahre lang;
gegen China: 3 Kriege, 9 Jahre lang;
gegen USA: 2 Kriege, 13 Jahre lang;
gegen Schweden: 2 Kriege, 6 Jahre lang;
gegen Ägypten: 2 Kriege, 2 Jahre lang;
gegen Türkei: 2 Kriege, 3 Jahre lang;

seit 1945, als die “bösen Deutschen” entwaffnet wurden, gab es schon wieder über 200 Konflikte, davon allein 1992 29 mit rund 6 Millionen Toten; Quelle: NID Nr. 12/93, S. 5.)

“Krieg kommt sehr bald! Wir werden dabei sein, und Sie werden dabei sein. Sie werden den Laden drüben [in den USA] schmeißen…” (1937 zum Großbankier Bernard Baruch anläßlich dessen Englandbesuches.)

“In diesen letzten Wochen vor der Entscheidung war es meine Hauptsorge, daß die britische Regierung trotz unserer Garantie davor zurüchschrecken könnte, einen Krieg mit Deutschland zu führen.” (1939 vor dem Polenfeldzug.)

“Dieser Krieg ist Englands Krieg. Sein Ziel ist die Vernichtung Deutschlands… Vorwärts, Soldaten Christi!” (am 3. September 1939 in einer Rundfunkrede.)

“Ich führe keinen Krieg gegen Hitler, sondern ich führe einen Krieg gegen Deutschland.” (1940 als neuernannter Ministerpräsident.)

“Das Kriegskabinett zögerte keinen Augenblick.” (bei Churchills Befehl, am 3. Juli 1940 die Flotte des besiegten französischen Verbündeten auf der Reede von Oran zu überfallen und zusammenzuschießen.)

“Das Deutsche Volk besteht aus 60 Millionen Verbrechern und Banditen.” (in einem Telegramm an den jugoslawischen Ministerpräsidenten im Frühjahr 1941 und später im Wortlaut in die Kriegserinnerungen übernommen.)

“Das ist das Ziel, von dem ich geträumt, das ich ersehnt und auf das ich hingearbeitet habe; jetzt ist es Wirklichkeit geworden!” (beim Kriegseintritt der USA im Dezember 1941.)

“Die Hungerblockade ist unwirksam geworden, und ich sehe nur einen Ausweg, den Gegner niederzuwerfen: das ist ein alles vernichtender und alles ausrottender Luftkrieg  mit ganz schweren Bombern von England aus…” (Äußerung zu seinem Privatkrieg gegen die deutsche Zivilbevölkerung nach dem Plan von Lord Cherwell alias Lindemann, der bei Churchill dieselbe Rolle einnahm wie Morgenthau bei Roosevelt.)

“Es gibt kein Ausmaß des Schreckens, dessen wir uns nicht bedienen werden…” (am 21. September 1943 im Unterhaus.)

“Wir müssen unserem Freund Stalin eine kleine Aufmunterung geben.” (zu Bombermarschall Harris, der auf die militärische Sinnlosigkeit der von Churchill befohlenen Zerstörung Dresdens hinwies.)

“Die Gebietsausdehnung [Polens] ist von hoher Bedeutung und findet die Unterstützung Großbritanniens und Rußlands… ich persönlich bin nicht gerade entsetzt [über] die gänzliche Vertreibung der Deutschen… Wenn die Polen Ostpreußen und Schlesien übernehmen, bedeutet das die Umsiedlung von 6 Millionen Menschen. Das läßt sich praktisch durchführen. Wir haben 6 oder 7 Millionen Deutsche getötet, so daß es in Deutschland noch für einige Platz geben sollte.” (am 15. Dezember 1944 im Unterhaus.)

“Machen Sie sich keine Gedanken über 5 oder mehr Millionen Deutsche… Stalin wird sich darum kümmern. Sie werden zu existieren aufhören.” (zum exilpolnischen Ministerpräsidenten.)

“Wir haben das falsche Schwein geschlachtet.” (Mitte März 1945, ein Monat nach der Konferenz von Jalta, über den “30jährigen Krieg von 1914 an” gegen Deutschland, den er am Ende als “unnötig” erkannte.)

Sir John Seeley, der klassische Historiker des englischen Imperialismus, in seinem Buch The Expansion of England, London 1883: “Aneignung von Territorien wurden unter dem alten Kolonialsystem die oberste nationale Angelegenheit… Das Trachten nach Reichtum führte zu Streitigkeiten…, so daß Handel zu Krieg führte und Krieg den Handel förderte… Wahrlich ist für England der Krieg durchweg eine Industrie, ein Weg zum Reichtum, das am meisten blühende Geschäft, die vorteilhafteste Kapitalanlage…”

Die englische Sonntagszeitung Sunday Correspondent schreibt im September 1989: “Wir sind 1939 nicht in den Krieg eingetreten, um Deutschland vor Hitler oder die Juden vor Auschwitz oder den Kontinent vor dem Faschismus zu retten. Wie 1914 sind wir für den nicht weniger edlen Grund in den Krieg eingetreten, daß wir eine deutsche Vormachtstellung in Europa nicht akzeptieren konnten.”

Eine weitere Geschichtsstatistik mag Aufschluß geben über die Kriegsbereitschaft europäischer Länder; an insgesamt 278 Kriegen zwischen 1480 und 1940 waren die folgenden Länder beteiligt:

England: 28%
Frankreich: 26%
Rußland: 22%
Türkei: 15%
Polen: 11%
Deutschland (einschl. Preußen): 8%

(aus: Prof. Quincey Wright, A Study of War, Band 1, S. 221.)

Das deutsche Volk sollte nicht als das aggresivste, sondern eher als das friedlichste unter den Völkern bezeichnet werden – sofern man es in Ruhe läßt. Der Verteidigungskrieg allerdings genoß bei den Deutschen ein hohes Ansehen und wurde durchweg mit hohem Einsatz und großer Tapferkeit geführt. Es war eine Selbstverständlichkeit, daß jeder Deutsche sich dieser Notwehr anschloß, nicht nur die schneidigen Wehrmachts-Leutnante Helmut Schmidt und Richard von Weizsäcker, sondern vor ihnen und mit ihnen der glühende Patriot und geniale Heerführer Heinz Guderian, dessen Wirken im vorliegenden Heft geschildert wird.

Eine Autobiographie dieses deutschen Generals,  Guderian

Erinnerungen eines Soldaten

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