Goetzen Gegen Thule-Ein Roman Voller Wirklichkeiten

Die militärischen Ereignisse entsprechen einem tatsächlichen Ablauf, ebenso die Zustände und Aussprüche in einem britischen Internierungslager...

 

 

WILHELM LANDIG

(Einst beim Sicherheitsdienst des Reichsführers-SS)

GÖTZEN GEGEN THULE

Ein Roman voller Wirklichkeiten

 

Im vorliegenden Buche wurden authentische Begebenheiten vor und hinter den Kulissen der Weltbühne, der geheimen Rüstungstechnik und sonstiger Ereignisse von heute zu einem auf den ersten Blick fantastisch erscheinenden Roman aufgetaut. Es scheint aller nur so: zwar sind einige Namen von Akteuren verändert, sofern sie mit gewissen Ereignissen verbunden sind, und auch die Hauptpersonen der Handlung sind frei erfunden. Die militärischen Ereignisse entsprechen einem tatsächlichen Ablauf, ebenso die Zustände und Aussprüche in einem britischen Internierungslager.

Wer aufmerksam liest, wird erkennen, wie hinter diesen wechselvollen Bildern mit einer raumgreifenden Szenerie, der Auseinandersetzung der Symbole und den sich überschichtenden Fronten in einem Kampfe auf den verschie- densten Lebensebenen, das Leben selbst den buntem Vorhang wob.

Der Verfasser

 

GEHEIME ORDER

 

Der Himmel über Drontheim war grau und verhangen. Der Nidelven floß träge durch sein gekrümmtes Bett und den Elvehavn hindurch, zwischen Bratoren und Lademoen in den plätschernden Fjord hinein. Die alte Stadt, die Wiege des norwegischen Reiches, zeigte nur wenig Leben und die Bäume im Park hinter der Fruekirke und im Kongsgaarden wiesen noch mit kahlen Ästen gegen die trübe Wolkendecke. Dennoch war dieses nachwinterliche Drontheim schön. Über der Stadt lag das Fluidum einer historischen Tradition und die alten Bauten zeugten vom Können alter nordischer Baukunst. Die Schiffswerften und Fabriken an anderer Stelle kündeten vom Fleiß und der Lebenskraft einer Siedlung, die wiederholt völlig nieder- brannte und dennoch immer unverzagt neu erstand. Der Hafen, sonst ein lebhafter Umschlagplatz der inter- nationalen Handelsschifffahrt und beliebte Anlegestelle für Norwegenreisende, war jetzt im fünften Kriegsjahre des zweiten Weltringens seiner Bestimmung entzogen. Im Elvehavn und im Ydrehavn lagen jetzt außer einigen norwegischen Fischfahrzeugen nur etliche kleinere Einheiten der deutschen Kriegsmarine. Die Mündungen der Geschütze zeigten in die offene Bucht hinaus und die schlanken Rohre der Vierlingsflak drohten abwehrbereit gegen die westliche Himmelshälfte. Auch von der Erhebung des Stadtteiles Baklandet, zu deren Füßen die alte norwegische Artilleriekaserne lag, ragten wie eine stumme Drohung die langen Stahlfinger der schweren Flak

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hoch. Den Einheimischen war das militärische Leben in der Stadt schon zur Gewohnheit geworden. Sie zeigten auch keine besondere Neugier mehr, wenn deutsche Fahrzeuge in den Hafen einliefen oder diesen verließen. Aber man konnte unschwer erkennen, daß sie keine besondere Liebe für die Besatzungsmacht ihres Landes zeigten, doch waren sie durchaus höflich und machten keinerlei Schwierigkeiten, Sie ließen sogar erkennen, daß sie von der Korrektheit und der Disziplin der Deutschen beeindruckt waren.

Aus diesem Grunde traten einige Einheimische sofort höflich zur Seite, als zwei deutsche Fliegeroffiziere im Hauptmannsrang aus dem Theatercafé an der Ecke der Prinsensgade und Erling Skakkesgaade herauskamen. Die Deutschen legten dankend die Hand an den Mützenschirm und schlugen die Richtung zur By-Brücke ein.

»Eigentlich hätten wir noch etwas Zeit, Günther«, sagte der eine von beiden, einen raschen Blick auf seine Armbanduhr  werfend.  »Hauptmann  Gutmann  kommt erst in einer Stunde mit dem Wagen!«

Der Angeredete, Hauptmann Recke aus Kassel, winkte mit der Hand leicht ab. »Es ist besser, wenn wir früher zum vereinbarten Treffpunkt kommen. Gutmann ist imstande und fährt ohne uns zum Flugplatz.«

»Du hast recht«, gab der zweite Offizier, Hauptmann Reimer, zurück. »Gutmann ist zu allem fähig. Er ist ein guter Kamerad, aber manchmal sehr seltsam.«

Sie überschritten die Kreuzung der Munkegaden und sahen  von  der  Domkirche  heraufkommend  eine  drei

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Mann starke Heeresstreife, welche straff grüßte. Diesmal hoben auch die beiden Offiziere die Hand zum deutschen Gruß, wie dies das Reglement seit etwa einem Jahr vorschrieb.

»Ja, die Etappe hätten wir noch fest in der Hand. Aber die Nachrichten von der Front, vor allem im Osten, sind nicht gerade ermutigend«, versetzte Recke nachdenklich.

»Jetzt kommt es wohl nicht mehr so sehr auf blankgewichste Stiefel an, Es geht schon verdammt hart auf hart!«

Reimer, der aus Linz stammte, nickte. »Das pfeifen die Spatzen schon von den Dächern, Aber es muß doch einen Sinn haben, daß wir noch hier im Norden liegen. Es ist vergleichsweise gesehen so, als wäre es jetzt fünf Minuten vor Zwölf.

Ob das Oberkommando der Wehrmacht mit einer Wende der Lage noch bis etwa zwei oder eins vor Zwölf warten will? …«

»Ich sehe die Sache so, als ob wir erst nach Zwölf wieder zum Zuge kommen sollen.« Recke dämpfte seine Stimme noch mehr. »Die offiziellen Hinweise auf die rasch im Aufbau befindliche Alpenfestung und die vorgesehenen heimlichen Stützpunkte auf Grönland lassen darauf schließen, daß gewisse Dinge noch nicht reif zum Einsatz sind. Nur so wäre der Zweck unseres Hierseins erklärlich.«

»Ich  wünschte,  du  hättest  recht«,  warf  Reimer  ein.

»Nämlich damit, daß wir überhaupt noch zum Zuge kommen.«

»So ein Pessimist bist du schon?«

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»Ja und nein! – Ich traue uns noch zu, daß wir die ganze Welt, die gegen uns steht, auf den Kopf stellen. Aber dazu brauchen wir genug Munition und Sprit und vor allem ein politisches Geschehen. Mit Startverboten und Munitions- beschränkungen kann man keine Siege mehr  erringen. Und in dieser Hinsicht sieht es sehr windig aus.«

»Warum erzählst du mir etwas, was ohnehin die ganze Staffel weiß?«

»Weil du daran bist, meinen Pessimismus mit Defaitismus zu verwechseln.« Reimer machte verkniffene Lippen.

Recke griff begütigend nach dem Arm des Kameraden.

»Ich weiß genau, wie du es meinst, Reimer! Wer könnte sich schon Tatsachen gegenüber verschließen? Dennoch – hoffe ich auf ein Wunder …«

»Es scheint, als ob wir nur noch die Hoffnung hätten. Wir haben sonst nicht mehr viel, mit dem man etwas anfangen könnte. Sie ist nur mehr ein flackerndes Flämmchen, aber auch ich trage dieses kleine Licht noch im Herzen.«

Beide schwiegen. Sie gingen über die By-Brücke und wandten sich links, dem Rosenborgbassin zu. Schon wieder zwischen Häuserzeilen entlanggehend, hörten sie noch immer das Kreischen der Möwen, die über das Wasser des Elvehavn strichen. Hin und wieder flatterten einige weiße Vögel über die Dächer des Stadtteils hinweg.

Vor der Bakkekirche blieben sie stehen. »Wenn Gutmann pünktlich ist, werden wir nicht mehr lange warten   müssen«,   nahm   Reimer   das   unterbrochene

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Gespräch wieder auf.

Recke nickte. »Gutmann ist ein Pedant. Wenn er nicht ohne eigenes Verschulden aufgehalten wird, kommt  er eher früher statt später.« Er nestelte an seinem Pelzkragen herum, um den Hals frei zu bekommen. Die Kälte hatte mit dem Weichen des Winters bereits wesentlich nachgelassen.

Sie waren erst zweimal vor dem Kirchplatz auf und ab gegangen, als ein Kübelwagen der Deutschen Wehrmacht aus der Bakkegaden in die Kirkegaden in rascher Fahrt einbog und mit jähem Bremsen vor ihnen stehenblieb.

»Ah, Gutmann!« Die Offiziere grüßten lässig. Hauptmann Gutmann winkte einladend. »Nur hereingehüpft, meine Herren! Zum Sitzen ist noch Platz genug im Wagen, nur die Beine müßt Ihr ein wenig anziehen. Es sind einige nette Kisten da, die ich wegen Euch nicht herauswerfen möchte.«

Recke stand als Erster im Wagen. Er besah sich die Ladung, die aus einigen kleinen Kisten bestand, aus denen fürwitzig einige Strohhalme herauslugten. In schwarzer Schablonenschrift stand »Nicht stürzen – Glas!« aufgemalt.

»Nanu, was ist denn das?« Recke versuchte mit der Nase zu wittern. Die Grimasse reizte zum Lachen.

Das sonst immer verschlossene Gesicht Gutmanns zeigte ein spitzbübisches Lächeln. »Ihr dürft dreimal raten!«

»Quatsch«, polterte Recke. »Himbeersaft wird es wohl nicht sein …«

»Und Gläser zum an die Wand werfen anläßlich Kaisers Geburtstag auch nicht«, lachte Reimer dazwischen. »Laß

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ab  von  Deinem  üblichen  geheimnisvollen  Tun,  lieber Gutmann! Was hat Dein Kübel geladen?«

»Drei Sternchen«, summte der Hauptmann am Lenker. Recke und Reimer sahen ihn dösig an.

»Ja wenn man eine lange Leitung hat«, grinste Gutmann weiter und tippte mit dem rechten Zeigefinger auf die Stirn, »dann bleibt es im Oberstübchen finster.«

»Ich hab’s!« Reimer gab Recke einen sanften Rippenstoß. »Kognak hat unser Sterngucker geladen.«

»Stimmt! – Kognak mit drei Sternchen. Echter französischer!«

»Da wundert es mich, daß der Zahlmeister so viel herausgerückt hat. Gewöhnlich, werden die besten Sachen so lange gehortet, bis sie dann endlich dem Feinde in die Hände fallen«, grunzte Recke.

»Vielleicht kam ein Führererlaß betreff Kognak«, spöttelte Reimer über den Zahlmeister. »Die Verpflegs- hengste geben so etwas nur aus, wenn sie eine Pistole vor der Brust haben oder selbst besoffen sind.«

»Der Gedanke mit einem Erlaß kann nicht stimmen. Erlässe enden nämlich zumeist in den Latrinen.«, philosophierte Recke.

»Denkt daran, daß Gottes Wege wunderbar sind«, sagte Gutmann scherzhaft. »Vor allem dürfte es der letzte Kognak von dieser berühmten Sorte sein.«

»Da hast du recht, Gutmann«, bestätigte Recke. »Von nun an haben wohl die Amis unter Eisenhower das Abonnement auf diese Marke übernommen. Seit dem Fehlschlagen  der  Ardennenoffensive  wird  diese  Quelle

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wohl verloren sein.«

Der Hauptmann am Vordersitz kniff die Augen zusammen. Brummig sagte er: »Laßt die verdammte Front aus dem Spiel! Dort haben sie beiderseits jetzt keine Zeit, um an das Saufen zu denken. Nur wir hier, am Arsch der Welt …«

»Na, so arg ist es wieder nicht’«, protestierte Reimer.

»Eine schöne Stadt in einem herrlichen Fjord, was wollt Ihr mehr? Tausende von Touristen träumen in ruhigen Zeiten davon, dieses schöne Norwegen mit seiner herben Landschaft besuchen zu können. Und Drontheim …«

»Schon gut, Reimer«, beschwichtigte Gutmann. »Sitzt Ihr schon richtig? – Dann also ab mit Vollgas!«

Während sich die eingestiegenen Offiziere noch räkelten, drückte der Fahrer auf den Gashebel und fuhr rasch an. In wenigen Minuten hatte der Wagen den Stadtteil Baklandet hinter sich gelassen, fuhr durch Lademoen, am Vorgebirge Ledehammeren vorbei und am Ufer des Stjördalsfjord entlang, dem Flugplatz in Vernäs zu.

Ein friedlicher Wind pfiff den Fahrenden entgegen. Sie drückten die Schirmmützen tief in die Stirne und schlugen die Pelzkragen der langen Ledermäntel wieder hoch. Während der Fahrer, auf den Weg achtend, mit großer Geschwindigkeit dem Ziele zustrebte, klemmten die rückwärts sitzenden Hauptleute ihre Beine gegen die leicht polternden Kisten, um ein Abrutschen der kostbaren Ladung zu verhindern.

Einigemale versuchte Reimer mit seinem Nachbarn eine

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Unterhaltung zu beginnen. Da ihm aber der Wind die Wortfetzen vom Munde riß, gab er sein Bemühen wieder auf. Von Zeit zu Zeit fuhren sich beide Offiziere mit dem Handrücken über das Gesicht, da ihnen der scharfe Luftzug das Wasser in die Augen trieb. Nur Gutmann war etwas besser dran, weil er unmittelbar hinter der Schutzscheibe vom Fahrtwind geschützt war.

Nach etwa dreiviertel Stunde Fahrt langten sie in Vernäs an. »Heute kommen wir als Weihnachtsmänner«, witzelte Reimer, als der Wagen auf dem Flugplatz hielt.

»Was heißt wir?«, meinte Gutmann. »Ich liefere meinen Kognak allein ab. Macht, daß Ihr hier aus dem Wagen kommt!« Er verzog sein Gesicht zu einem breiten Lachen.

»Sterngucker, Sterngucker!« rief Reimer scherzhaft warnend und schwenkte mit gleichbedeutender Geste einen Zeigefinger.

Er tippte mit der Rechten leicht an den Mützenschirm und sprang federnd aus dem Kübelwagen. Recke kam etwas behäbiger nach.

»Bis nachher«, grunzte Gutmann. »Tschüß!« – Er fuhr nochmals an und verschwand mit dem Wagen in einer Barackengasse.

Reimer vertrat sich etwas die vom gedrängten Sitzen klamm gewordenen Beine. »Nun liegen wieder einige langweilige Tage vor uns. Außer einmal guten Kognak und andauernd schlechten Rundfunknachrichten haben wir sonst nichts hier.« Seine Mienen drückten Mißmut aus.

Ein junger Offizier kam quer über das Flugfeld auf die Angekommenen    zu.    Er    hatte    eine    kurze    warme

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Fliegerjacke  an  und  auf  seiner  rechten  Kopfhälfte  saß verwegen das blaugraue Schiffchen mit der Silberpaspel.

»Gibt es Neuigkeiten von Belang?« rief ihm Recke entgegen.

»Natürlich«, rief der Leutnant zurück. »Der Adju hat durchgegeben, die beiden R mögen sich nach ihrer Rückkehr aus Drontheim sogleich bei ihm einfinden!«

Die beiden R waren Recke und Reimer, die ihrer Unzertrennlichkeit wegen und dem gleichen Anfangs- buchstaben ihrer Namen vom ganzen Fliegerhorst diese scherzhafte Bezeichnung bekamen.

»Hm, gar so natürlich ist das wieder nicht«, quengelte Reimer dazwischen. »Natürlich ist hier nur die Langeweile.«

Leutnant Weiß war ganz nahe an die beiden Hauptleute herangekommen. »Ich glaube, mit der Langeweile wird es in den nächsten Tagen vorbei sein. Heute Nacht kam ein merkwürdiger Vogel auf unserem Flugplatz an. Dort  – ganz hinten steht er!« Seine Rechte wies in den Hintergrund des Feldes. Die Hauptleute folgten mit den Augen der richtunggebenden Hand.

»Die zwei Maschinen, die ganz hinten stehen? –«

»E i n e Maschine«, betonte der Leutnant. »Es ist eine neue Konstruktion. Eine Do 635 mit zwei Rümpfen. Diese Zwillingskonstruktion wird im allgemeinen zweisitzig geflogen. Rechts der Funker, links der Flugzeugführer.«

»Das ist ja mächtig interessant«, sagte Recke. »Wollen uns das Ding mal aus der Nähe besehen!«

»Wenn ich nochmals erinnern darf – der Adju hat schon

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dringend verlangt!« warf der Leutnant zögernd ein.

»Nanu, dann gehen wir zuerst zum Adju«, entschied Reimer kurzerhand.

Einigermaßen neugierig geworden, schritten sie mit ausholenden Schritten dem Stabsgebäude zu. Der Leutnant trottete hinter ihnen her.

Unterwegs noch um sich blickend, fragte Recke: »Sind nicht einige Maschinen gestartet? – Der Platz sieht etwas schütter aus.«

»Drei Me 109 sind mit Order abgeflogen«, antwortete Leutnant Weiß. »Ebenso bereits ein Flugzeug von der Wetterstaffel. Die neue Do 635 ist übrigens auch der Wetterstaffel zugeteilt.«

Unmittelbar vor dem Stabsgebäude stießen sie auf einen hochaufgeschossenen jungen Leutnant, den die Haupt- leute noch nicht kannten. Er grüßte, sah aber sehr nieder- geschlagen aus.

»Wer ist denn das?« wandte sich Recke wieder an Weiß.

»Heute Nacht mit der komischen Do angekommen und zu uns versetzt. Hat einen Wurm am Herzen. Darum läuft er wie ein skalpiertes Bleichgesicht herum.«

»Hat wahrscheinlich irgendwie Mist gemacht«, meinte Recke leichthin.

»Die Schwalben zwitschern es anders«, gab der Leutnant leise sprechend zurück. »Hatte nämlich heute vormittag bereits ein kurzes Palaver mit ihm. Er erzählte, daß er bisher in Dänemark stationiert war, wo sie wohl mit ihren Kisten aufstiegen aber striktes Verbot für Luftkämpfe hatten.«

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»Eine merkwürdige Platte, die da aufgelegt und gespielt wird«, brummte Reimer.

Der Leutnant fuhr fort: »Er erzählte mir, daß er  zu einem Erkundungsflug startete und über See von zwei britischen Spitfire-Maschinen angegriffen worden sei. Einen der beiden Angreifer hätte er abgeschossen – es sei sein erster Abschuß gewesen –, den zweiten hätte er lädiert in die Flucht gejagt. Als er frohgestimmt, seinen Luftsieg durch Wackelflug bei der Landung anzeigend, ausrollte und sich bei seinem Kommandeur meldete, ließ ihn dieser vorerst eine volle Stunde im Vorraum warten, ehe er ihn empfing. Statt einer Auszeichnung und einem Lob bekam er einen Anpfiff, der sich gewaschen hätte. Der Komman- deur verstieg sich sogar, den armen Kerl mit dem Kriegsgericht zu bedrohen!«

»Das ist ja unglaublich!« empörte sich Reimer.

»Es scheint aber Tatsache zu sein«, bekräftigte Weiß seine Erzählung. »Es gab einen Krach, bei welchem der Leutnant Mohr den Kürzeren zog, wie es bei der unterschiedlichen Rangordnung auch gar nicht anders sein konnte. Der Enderfolg davon war die Versetzung zu uns. Jetzt hat der arme Kerl eine Wut im Bauch und versteht die Welt nicht mehr.«

»Ich auch nicht«, warf Reimer wieder ein. »Der ganze Laden ist schon ordentlich versaut!«

»Tatata«, machte Recke. »Reden ist Silber, Schweigen ist Gold! – Wir können allein keinen Stall fegen.«

»Leider«, flüsterte Weiß.

»Na, von unserem Horst aus wird weitergeflogen und

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wenn nötig, auch geschossen.« Mit diesem Satz wollte Recke das Gespräch schließen. »Wir danken Dir, lieber Weiß, Du bist unsere unentbehrliche lebende  Zeitung. Nun wollen wir sehen, was der Adju will. Tschüß, einstweilen!«

Auch Weiß grüßte und machte kehrt.

Wenige Minuten später standen Recke und Reimer vor dem Adjutanten.

»Das trifft sich gut, daß Ihr gerade gekommen seid«, begrüßte sie Hauptmann v. Wendt mit leicht näselnder Stimme. »Ich bin gerade zum Kommandeur befohlen. Werde Euch gleich anmelden, denn der Oberst hat schon mehrmals nach Euch gefragt!«

»Hoffentlich nichts Schlimmes?« fragte Reimer betreten.

»Nee, meine Herren. – Aber pst! – Geheime Kommandosache !«

»Hoffentlich etwas Vernünftiges«, nörgelte Recke. V. Wendt verzog die Brauen, so daß sein Gesicht einen arroganten, abweisenden Zug bekam. »Bei uns hier ist alles vernünftig, Hauptmann!«

Recke tat, als hätte er nichts gehört. »Sollen wir hier im Dienstzimmer warten?«

»Ich denke, das wird wohl am besten sein«, versetzte der Adjutant. Mit einer Mappe unter dem Arm ging er.

Recke setzte sich ohne viel Umstände auf den einfachen Tisch des Adjutanten, während Reimer vor der großen Norwegenkarte stehenblieb, die seitlich vom Fenster an der Wand hing. Auf dem Wandplan staken Markiernadeln und einzelne Fähnchen.

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»Sieht sehr hübsch aus«, murmelte Reimer und legte den Kopf schief.

»Das ist aber auch schon alles«, fügte Recke trocken hinzu.

»Man pflegt auch verlorene Posten anzukreiden oder zu markieren, Einfach aus dem Grunde, weil ein Punkt eben ein Punkt ist und nach der LDV bezeichnet werden muß.«

»Das gehört zu dem, was man gemeinhin Organisation nennt.«

»Ja, das auch.« meinte Recke leicht gereizt und hob eine Zeichnung vom Tisch hoch, die zwischen Geschäfts- stücken lag. »Diese Kriegsgliederung, an der unser O.I. stets mit Hingabe malt, gehört auch zur Organi- sationsarbeit. Dabei ist es doch nur ein ganz gewöhnlicher Papierkrieg, der nur den Papierkörben zuliebe geführt wird. Es ist zum Kotzen …«

Reimer lenkte ein: »Mir liegt es auch nicht, Recke! Hingegen hat alles in gewissen Grenzen ein Muß, von dem man nicht abgehen kann. Es ist hier nicht anders wie sonst im Leben; nur ein allzuviel ist ungesund. Laß den O.I. ruhig seine Aufstellungen kritzeln. Es ist besser, er zeichnet eine Staffelübersicht, die auch die Feuerkraft ausweist, statt daß er döst und nackte Mädchen auf Aktenstücke malt.«

»Du hast für alles Entschuldigungen.«, lachte Recke gutmütig. Dann nahm er die aufgefundene Gliederung zur Hand und betrachtete sie eingehender. »Das Plansoll der Gruppe ist auf dem Papier vorhanden, Aber unsere Tätigkeit entspricht nicht einmal der einer Staffel.«

»Wer weiß, was morgen ist?« dozierte Reimer altklug.

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Recke wurde eines weiteren Einwandes enthoben. Die Tür ging auf und v. Wendt erschien. »Die beiden R zum Kommandeur« sagte er schnarrend. Er ließ die beiden Aufgerufenen  an  sich  vorbeigehen  und  blieb  zurück.

»Hals- und Beinbruch« rief er ihnen noch nach.

Während Reimer gleichgültig weiterging, wandte sich Recke überrascht um. »Warum denn, Wendelin?« Er wußte, daß v. Wendt diesen Spitznamen nicht vertragen konnte und aus diesem Anlaß leicht bissig wurde. Darum fügte er abschwächend hinzu: »Hummel-Hummel!« Denn der Adjutant war ein Hamburger. Vor der Tür des Kommandeurs rückten die beiden Hauptleute noch ihre Koppel zurecht und strichen die Taschenklappen ihrer Ledermäntel glatt.

Als sie eintraten, stand der Kommandeur über seinen Tisch gebeugt und betrachtete angeregt einen Stoß Wehrmachtskarten. Eine obenauf liegende Karte, von deren Papierfläche sehr viel Weiß bis zu den Eingetretenen leuchtete – sichtlich eine Eis- oder Schneelandschaft –, schien sein Interesse gefangengenommen zu haben.

»Hauptmann Recke und Reimer aus Drontheirn zurück, Herr Oberst« Beide Offiziere hoben den Arm nach Reckes Meldung.

Oberst Troll, der Kommandeur des Fliegerhorstes, bewegte nur leicht den Kopf. »Moment mal, meine Herren! Kleinen Moment mal …« Er suchte weiter angeregt auf der Karte, bis er sichtlich einen Punkt gefunden hatte. Dann richtete er sich auf und sah die zwei Offiziere  durchdringend  an.  »Ich  habe  einen  Auftrag,

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meine Herren!« Er winkte mit der Hand und senkte leicht die Stimme: »Schauen Sie mal hier!«

Während die Angeredeten dieser Aufforderung nachkamen, fuhr der Oberst fort: »Also, meine Herren, ich habe eine G.Kdos. aus Berlin bekommen. Zur Durchführung des damit verbundenen Auftrages habe ich Sie ausersehen. Ich brauche dazu zwei Offiziere, auf die ich mich verlassen kann. Ihre Order ist geheim und Sie stehen ab sofort unter Schweigepflicht!«

Beide Hauptleute nahmen kurz Haltung an. »Sie können sich auf uns verlassen, Herr Oberst!« sagte Recke fest.

»Weiß ich, weiß ich. – Kommen Sie ganz zu mir her!« Der Kommandeur wühlte unter den Papieren neben dem Kartenstoß und vertiefte sich nochmals in ein Schriftstück, von dem der rote Aufdruck »Geheime Kommandosache« in die Augen sprang. »Sie starten mit einer neuen Maschine und führen auf einem Langstreckenflug Versuche mit einem neuartigen Navigationsgerät durch. Die Maschine, die Sie übernehmen werden, hat eine Reichweite von siebentausendfünfhundert Kilometer, jedoch ohne Bewaffnung. Da es sich um eine neue Konstruktion handelt, darf sie unter keinen Umständen in Feindeshand fallen. Sie verstehen mich, meine Herren! Jagdschutz kann ich Ihnen keinen mitgeben!«

Die Hauptleute hielten den forschenden Blicken des Kommandeurs ruhig stand. Keine Wimper zuckte.

»Also gut! – Ich habe Befehl gegeben, daß sich niemand vom hiesigen Personal mit der Maschine näher befassen darf. Für Sie gilt das natürlich nicht! – Wenden Sie sich

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jetzt nachher an Major Küpper, der die Maschine zusammen mit einem Funker hergeflogen hat, und lassen Sie sich näher unterweisen. Küpper fliegt übermorgen früh wieder mit einer Krähe zurück, während ein mitge- kommener Leutnant bei uns im Verband bleibt. Bereiten Sie sich weiters für einen langen Flug vor und denken Sie daran, daß Sie möglicherweise einige Zeit von hier abwesend sein werden. Eine vorübergehende Stationierung auf einem gewissen Stützpunk ist unter Umständen notwendig. So – und morgen um halb acht Uhr früh melden Sie sich bei mir, wo Sie Ihre Order erhalten werden. Karten bereite ich Ihnen persönlich auch vor. Alles sonst noch Notwendige – auch morgen früh!«

»Jawohl, Herr Oberst!« Die beiden Hauptleute klappten die Haken zusammen und grüßten. Dann wollten sie den Raum verlassen.

»Halt – noch etwas!« Der Kommandeur schnipste mit den Fingern der rechten Hand. »Sagen Sie Küpper,  er möge Sie genügend und eingehend über das Schattennavigationsgerät unterweisen. Sagen Sie ihm das so, daß niemand dabei zuhört. Strengste Geheimhaltung ist anbefohlen.« Seine Stimme wurde sehr eindringlich:

»Ich verlasse mich auf Sie, meine Herren! – Und nun – senden Sie mir bitte v. Wendt zu mir, ich werde mit ihm die Order ausfertigen!«

Er kam hinter seinem Tisch hervor und schritt auf seine Offiziere zu, die bereits vor der Türe seines Raumes standen. Er hielt ihnen seine Rechte entgegen. »Auf Wiedersehen!«

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Als Reimer mit Recke vor dem Stabsgebäude stand, schob er mit der linken Hand die Mütze in die Stirn und kratzte sich mit einer verlegenen Geste den Hinterkopf.

»Also gerade diesmal hätte ich nichts gegen Langeweile gehabt. Pardauz! – Es ist wohl schon so, wie der selige Wilhelm Busch sagte: Erstens kommt es anders, zweitens als man denkt …«

»Mir     macht     es     nichts     aus«,     erklärte      Recke.

»Meinetwegen erforschen wir sogar nochmals zum x-ten Male den Nordpol. Nach den weißen Flecken auf der Karte zu schließen …«

»Aha – gut, daß du mich daran erinnerst. Beinahe hätte ich nicht mehr daran gedacht. Jetzt bin ich schon wieder richtig neugierig, Ich gäbe etwas darum, wenn ich jetzt an Wendts Stelle sein könnte. Ob dieser Major – na, wie heißt er doch schnell … ?«

»Küpper. – Wird wohl auch nicht allzu viel wissen. Hat wohl die G.Kdos. gebracht – verschlossen versteht sich – aber sonst? …«

»Gehen wir also zu ihm!«, drängte Reimer.

»Gehen wir zu ihm«, äffte Recke. »Wo ist er denn überhaupt?«

»Ach so – hm …«

Ein Fenster des Stabsgebäudes stand leicht offen. Recke ging einige Schritte darauf zu und rief hinein: »Hallo – Oberleutnant: Berg! – Wissen Sie, wo sich hier der zugeflogene Major Küpper befindet?«

Während eine Stimme einige kaum verständliche Worte herausrief, kam vom Eingang des Gebäudes eine kräftige

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Stimme  dazwischen:  »Hier  ist  der  zugeflogene  Vogel, meine Herren!«

Die zwei Hauptleute wandten sich um und nahmen Haltung an. »Herr Major …«

»Keine Umstände, wenn ich bitten darf. Sie wünschen?«

»Auf Befehl von Herrn Oberst an Sie verwiesen, Herr Major! – Hauptmann Reimer und Hauptmann Recke …«

»Ah! – Darf ich Sie zu mir bitten?«

»Zu Befehl, Herr Major!«

Der Major, ein ebenfalls noch junger Fliegeroffizier mit dem Sturzkampffliegerabzeichen, E.K.1 und dem Deutschen Kreuz in Gold auf seiner Fliegerbluse, trat aus dem Hause heraus und ging auf das seitlich stehende Nebengebäude zu. »Wir wollen ungestört sein«, sagte er im Gehen.

Recke und Reimer tauschten Blicke, Der Major gefiel ihnen. Im Nebengebäude, das sie betraten, lagen die Unterkunftsräume der Staffeloffiziere. Der Major hatte es abgelehnt, ein besseres Quartier in Drontheim zu beziehen und sich eine feldmäßige Unterkunft am  Flugplatz erbeten. So erhielt er durch den Adjutanten den Raum eines auf kurzem Urlaub befindlichen Leutnants zuge- wiesen.

Nach der praktischen und bündigen Art alter Frontoffiziere holte der Major eigenhändig aus den benachbarten Zimmern zwei Stühle und gruppierte diese um den kleinen Fenstertisch.

Auf eine Handbewegung des Majors nahmen die beiden Hauptleute mit knappem Nicken Platz. Ohne Förmlichkeit

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begann dieser zu sprechen:

»Ich kann annehmen, meine Herren, daß Ihnen der Kommandeur bereits erklärte, unter strengster Beachtung aller Geheimhaltungsregeln einen besonderen Auftrag zur Durchführung zu bringen. Sie haben sein Vertrauen und –

«, der Major lächelte fern, »auch das des Ic und des NSFO. Sie verstehen ja, selbst im OKL …« Der Sprecher biß sich auf die Lippen, als hätte er bereits zu viel gesagt.

Recke sah sehr ernst aus. »Wir werden jeden Auftrag nach bestem Können und mit vollstem Einsatzwillen erfüllen, Herr Major! – Im übrigen hat uns der Komman- deur einen grundsätzlichen Flugauftrag erteilt, ohne noch das Ziel zu nennen. Die Order erhalten wir morgen früh…«

»Stop, Herr Hauptmann! – Sie müssen irren; die Order erhalten Sie erst beim Abflug verschlossen ausgehändigt. Sie meinen wohl richtiger die allgemeinen Anweisungen?«

»Der Kommandeur sagte ausdrücklich Order! Ich war erstaunt, da ich den Eindruck hatte, eine Maschine übernehmen zu müssen, ohne eingeflogen zu sein …«

»Natürlich müssen Sie sich einfliegen. Sie haben zwei Tage Zeit, sofern das Flugwetter bleibt. lch werde …« Der Major wurde durch ein starkes Klopfen an der Tür unterbrochen. »Herein!«

Im Türrahmen stand eine Ordonnanz. »Der Herr Major sofort zum Kommandeur!«

»Ah – Ich komme schon! Behalten Sie Platz, meine Herren, ich bin sofort zurück …« Er schritt rasch an dem Melder vorbei aus dem Zimmer, der hinter ihm die Tür

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schloß. Das Poltern von Stiefelsohlen auf dem Bretter- boden verhallte.

»Komische Sache«, murrte Recke. »Die wirbeln jetzt im Laden herum, als brächten sie eine umwälzende Wunder- waffe zum Einsatz. Von hier aus …«

»Besser etwas, als gar nichts«,  versetzte Reimer  und schlug die Beine übereinander. »Mein Schulfreund schrieb mir, daß die V2 bereits ihre erste Überraschungswirkung verloren hat und man in der Heimat schon mit Ungeduld auf neue und noch wirksamere Waffen wartet. Die andauernden Anspielungen im Rundfunk durch den Reichspropogandascheich lassen eine Tube erwarten, mit der man die ganze Ostfront einfach nur Weghusten braucht. Er schreibt aber auch, daß die Skepsis schon weit fortgeschritten sei und der Volkswitz schon von einer V6 spräche, die daraus besteht, daß ein Mann einfach einen Stein würfe und ein zweiter ›Bumm‹ dazu sagt.«

»Solche Armleuchter! Das sind wohl jene, die den an der Ostfront bereitgestellten Panzern an Stelle von Sprit Heu zuführen. Oder die Panzer gleich per Achse dem Iwan zuführen, wo sie dieser – allerdings ohne Liefer- und Gegenschein –, gleich gebrauchsfertig übernehmen kann. Hat sich was, der Volkswitz …«

»Ärgere dich nicht. Denke an die unsterblichen Worte des großen Wieners Richard Genèe aus der Fledermaus: Glücklich ist, wer vergißt, was nicht mehr zu ändern ist …«

»Quatsch!«

»Du solltest Dich wirklich nicht gehen lassen, sondern

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deine Gedanken unserem 3 S K zuwenden!«

»Was ist denn das schon wieder für eine Konstruktion?« Reimer lachte laut. »Drei-Stern-Kognak! …«

»Freue dich nicht zu früh darauf! Der wird jetzt erst mal von unserem Verpflegshengst richtig lange gebrütet, ehe ein Tropfen zum Ausschank kommt.«

»Dagegen gibt es ein Mittelchen«, gluckste Reimer. »Wir laden den Kerl zu einern kleinen Spazierflug ein und slippen und trudeln mit ihm in der Luft herum, bis er sich seine neidvolle schwarze Seele aus dem Leibe gekotzt hat. In diesem Zustand nachher sind solche unfreiwillige Akrobaten stets äußerst umgänglich!«

»Den bekommst du nie in eine Kiste hinein. Der sieht sich höchstens vom Flugzeug den Schwanz an.«

Nach einer Weile kann der Major wieder zurück. »Meine Herren, gegebener Umstände halber bekommen Sie einen anderen Kameraden als dritten Begleiter wie ursprünglich vorgesehen.«

»Nanu«, machte Reimer. »Ich dachte, die neue Maschine ist bloß zweisitzig?«

»Wer sagte das?« Die Stimme des Majors klang metallisch scharf.

Reimer legte die Ohren scharf zurück und hielt an sich. Wenn er Leutnant Weiß nannte, konnte dies möglicher- weise für diesen unangenehm werden. Obwohl er kaum mehr verriet, als jeder Wachsoldat wußte.

»Herr Major, meine Bemerkung bezog sich auf eine Mutmaßung,  als  ich  die  Maschine  im  Hintergrund  des

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Feldes stehen sah !«

»So?« Mißtrauisch sah der Major den Hauptmann aus Linz an. »Also – als dritten Mann bekommen Sie von hier Hauptmann Gutmann mit.«

»Ausgerechnet Gutmann? …« Beide Hauptleute sahen sich an.

Der Major spitzte. »Haben Sie etwas gegen Ihren Kameraden?«

Recke schluckte. »Nicht im Geringsten. Ein guter Kamerad, sehr verläßlich.«

»Aber?«, setzte der Major fort.

»Eigentlich kein Aber. Er ist nur einigermaßen ein Sonderling. Allerdings stets vorneweg!«

»Also nichts auszusetzen?«

»Nichts, Herr Major!«

»Hm.« Eine kleine Pause.

Plötzlich fragte Recke: »Unser Kommandeur sagte uns zuvor, er habe nur zwei Offiziere nötig. Mir ist nicht alles klar. Wenn Herr Major …?«

»Ein Irrtum des Obersten! Wenn Sie aber auf einer exakten Antwort Ihrer Frage bestehen, dann kann es für einen Ihrer Kameraden von hier sehr  unangenehm werden. Denn dann ist es, im Falle eines besseren Wissens, ganz klar, daß jemand die neue Konstruktion irgendwie kennt und trotz Verbot plauderte. Sie werden aber wohl kaum Wert auf eine Verfolgung der ausfindig zu machenden Person X legen. Oder?«

Recke und Reimer schwiegen verlegen.

»Verrat und Dummheit sind absolut getrennte Begriffe«,

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sagte der Major leisen Tones, wie zu sich selbst sprechend.

»Man darf nicht immer stur sein, wie es die Vorschrift eines alten Zopfes verlangt. Wir Flieger müssen auch die Kameradschaft hochhalten.«

»Sie sprechen uns aus dem Herzen, Major!« Recke sah Küpper warm an. Der Major brummte etwas. Ehe er jedoch neuerdings zum Sprechen ansetzen konnte, klopfte es. »Herein!«

Die Türe öffnete sich und Hauptmann Gutmann trat ein. Er grüßte und meldete sich.

»Haben Sie die Freundlichkeit, Hauptmann, von nebenan einen Stuhl herüberzuholen!« Major Küpper lächelte freundlich. Gutmann machte sofort kehrt  und kam gleich wieder mit einem etwas wackelig scheinenden Sitzmöbel zurück. Auf einen Wink nahm er neben Recke Platz und wartete auf die weitere Ansprache.

»Ich will mich kurz fassen und gleich zum Kern der Sache kommen«, begann Major Küpper unpersönlich und sachlich werdend. »Vor allem will ich richtig stellen, daß ich mit Absicht wie nebenbei die neu eingebrachte Maschine als eine DO 635 bezeichnete; eine Type, die mehr oder weniger noch unbekannt, aber dennoch nicht die letzte Neuheit darstellt …« Er brach kurz ab und lächelte die beiden zuerst gekommenen Hauptleute faunisch an. »So nebenbei kann man dann nämlich auch leicht feststellen, daß scheinbar unabsichtlich gemachte Bemerkungen ihren Zweck vollauf erfüllen. Meinen Sie nicht auch, meine Herren?«

Recke  nickte  steif  wie  eine  Puppe,  während  Reimer

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hüstelte und eine Grimasse schnitt.

Das anzügliche Lächeln verschwand wieder aus Küppers Mienen und seine Stimme wurde hart. Im Jargon der Frontsoldaten sagte er kurz: »Es geht nämlich die Welt einen Dreck an, was für ein Modell wirklich hier eingeflogen wird.«

»… geht die Welt einen Dreck an«, äffte Recke, einer alten Gewohnheit folgend, wie zur Bestätigung.

Der Major überhörte geflissentlich die Wiederholung.

»Da Sie ja nun der besonderen Geheimhaltung unter- liegen, meine Herren, erkläre ich Ihnen, daß die für Sie bestimmte Maschine eine von Junkers verbesserte und umkonstruierte Type ist, die dreisitzig ausgebaut wurde und eine noch größere Reichweite hat; nämlich acht- tausend Kilometer.«

»Sehr schön«, murmelte Reimer.

»Vom dreiköpfigen Bordpersonal. ist die Unterbringung des Funkers im linken Rumpf vorgesehen, also hinter dem Flugzeugführer, während im rechten normalerweise ein Bordmonteur mit einer zweiten Steuerung gedacht ist. In diesem besonderen Falle haben wir uns daher über die Sitz- bzw. Rollenverteilung einig zu werden!« Küpper sah die drei Hauptleute der Reihe nach fragend an.

»Wenn ich einen Vorschlag machen dürfte?« warf Gutmann, sich leicht vorneigend, ein.

»Ich bat ja darum«, ermunterte ihn Küpper höflich.

»Tja – ich meine, – nachdem meine Kameraden Recke und Reimer bei uns hier als die Unzertrennlichen gelten –«

»– Bieten Sie sich für den Platz des Alleinsitzenden an,

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nichtwahr?«

»Jawohl, Herr Major!«

»Sehr schön. Sehr kameradschaftlich. Das freut mich ungemein«,  meinte  Major  Küpper  anerkennend.  »Das Persönliche wäre also damit geregelt. Ich will daher sofort beginnen,  Sie  mit  den  technischen  Einzelheiten  dieser Konstruktion in der Theorie bekanntzumachen. Morgen früh  begeben  wir  uns  dann  zur  Maschine,  um  den praktischen  Unterricht anzuschließenund mit   dem Einfliegen zu beginnen. Soweit wäre das Ganze nicht allzu bemerkenswert. Jetzt aber die Hauptsache, meine Herren!« Der Major machte eine kleine Kunstpause und sah in drei  unbewegte                  Gesichter,     die       dennoch         Spannung verrieten.  »Der  Zweck  Ihres  Fluges  mit  der  Do-Ju- Konstruktion     ist      vor    allem                     außer   der          zusätzlichen Durchführung einer militärischen Aufgabe die Erprobung eines neuartigen Navigationsgerätes. Dieses Gerät – wir können es treffenderweise Himmelskompaß nennen –, ist eine neue Erfindung unserer Techniker in der Heimat und muß auf seine Brauchbarkeit in den Polarzonen erprobt werden. Ich nehme mir die Freiheit, Ihnen anzuvertrauen, daß  diese  Zonen  im  Zuge  der  jetzigen  militärischen Gesamtlage  in  naher  Zukunft  eine  erhöhte  strategische Bedeutung gewinnen werden. Wenn der Himmelskompaß die in ihn gesetzten Erwartungen erfüllt, dann wird unsere Luftwaffe          dem     Gegner          technisch wieder         um eine Nasenspitze, man kann sogar ruhig sagen – Länge eines Elefantenrüssels –, voraus sein.« Küpper belächelte seinen eigenen  Vergleich.  »Ich  will  nun  versuchen,  Ihnen  mit

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wenigen Worten das Prinzip dieser Navigationshilfe zu erläutern. Wenn Ihnen während der Ausführungen etwas unklar erscheint, unterbrechen Sie mich ruhig mit Fragen, meine Herren! Klar?!«

»Gerne – jawohl, Herr Major!« kam es zurück.

»Ich darf also fortfahren: Der Vorteil des neuen Gerätes hegt darin,  daß man  mit dessen  Hilfe die  Position  der Sonne zu jeder Tageszeit feststellen kann. Voraussetzung ist allerdings, daß irgendwo ein Stück blauer Himmel zu sehen ist. Es funktioniert aber auch in der Dämmerung, wenn sich die Sonne dicht unterhalb des Horizontes befindet. Mit der jeweiligen Bestimmung des Sonnen- standes kann man zusammen mit anderen  Messungen stets die Positionen des Flugzeuges leicht errechnen. Wie Sie ja wissen, ist der Magnetkompaß in den Polarzonen ein irritables Ding. Zu den gewissen Zeiten also hätten wir mit diesem Gerät im Polgebiet eine fehlerfreie Positions- feststellung ermöglicht, wodurch die Flugsicherheit wesentlich erhöht erscheint. Das Konstruktionsprinzip selbst ist etwa so, daß das während des Tages auf die Erde treffende Sonnenlicht zum Teil polarisiert ist. Das heißt also, daß die elektromagnetischen Schwingungen in einer Ebene am stärksten sind. Da sowohl die Sonne als auch der Beobachter in dieser Ebene liegen, ist es möglich, den Sonnenstand mit Hilfe eines Analysators zu bestimmen. Auf dem Erdboden durchgeführte Messungen ergeben ein Genauigkeitsresultat bis zu einem Grad. Vom Flugzeug aus ist eine minimal zunehmende Ungenauigkeit gegeben, was jedoch kaum von Belang ist. Dies ist begreiflicherweise auf

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die ungleichmäßigen Bewegungen der Maschine zurück- zuführen. Und um nochmals auf die Polarzonen zurück- zukommen; der neue Himmelskompaß ist für  diese Gebiete von  besonderem  Nutzen, weil  die  Dämmerung dort lange anhält – die gewissen Zeiten also –, und der bereits als irritabel bezeichnete Magnetkompaß zwangs- läufig Ärger und Sorge bereitet. Es ist sonderbarerweise der Fall, daß unser Himmelskompaß in der Nähe der Erdpole sogar genauer arbeitet als anderswo. Das hängt mit den eigentlichen Berechnungen der Flugrichtung an Hand der Messungen ursächlich zusammen. Soweit als kurze theoretische Einführung, meine Herren! Morgen werden wir uns dann über das Gerät näher unterhalten, die praktische Erprobung jedoch ist Ihnen dann anvertraut. Seien Sie  verantwortungsbewußt und  würdigen Sie  das Vertrauen!«

»Jawohl, Herr Major!« sagten alle drei Hauptleute gleichzeitig.

»Hm – und wegen zusätzlicher Verantwortung, hm – da werden Sie vor dem auftraggemäßen Start noch Näheres vom Kommandeur erläutert bekommen. Ich habe Ihnen nur den technischen Teil Ihrer Aufgabe beizubringen. Bereiten Sie sich darauf vor und treffen wir uns morgen früh, na – sagen wir, um halb acht, bei der Maschine. Für heute wollen wir es damit bewenden lassen. Ich danke Ihnen, meine Herren!«

Die drei Hauptleute erhoben sich. Küpper reichte Ihnen die Hand, als sie sich mit dienstlichem Gruß verabschieden wollten.

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»Wie grüßt man denn hier in Norwegen?« fragte  er noch.

Reimer grinste. »Um diese Zeit kann man schon God Aften sagen, Herr Major!«

»God Aften? – Wohl Guten Abend, nicht wahr?«

»Jawohl, stimmt!«

»Also … !«

Auszug aus Trilogie: Landig Wilhelm-Goetzen Gegen Thule-1971-1003S.pdf

Landig Wilhelm-Wolfszeit Um Thule-Roman-1980-449S.pdf

Landig, Wilhelm – Rebellen fuer Thule 1991, 624 S.pdf

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