Lernt Der Deutsche Nicht Den Feind Zu Durchschauen Dann Ist Er Verloren

…und die noch nie entlarvten Schwindelmächte hätten ewig weiter triumphiert und gesiegt, wie es ja die jüdische Schlauheit und Hinterlist im Kampfe gegen deutsche Redlichkeit, Ahnungslosigkeit und kindliche Treuherzigkeit seit jeher getan hat….

“…Wir muessen undere Irrenhaeuser voll laden mit anti-Semitischen Verrueckten und Verbrechern. Wir muessen anti-Semiten jagen bis zu den Grenzen des Gesetzes und danach sie vernichten. Wir muessen unsere anti-Semiten demuetigen und quaelen bis sie unsere Mitlaeufer werden…” (Rabbi Leon Spitz, American Hebrew, 01.03.1946)

 

D i e  G e s c h i c h t e

m e i n e s  „ V e r f o l g u n g s w a h n s “

Arthur Trebitsch

1923

 

Vorbemerkung.

Die Veröffentlichung der beifolgenden Schrift ist nicht irgendwie als Anklage oder Angriff aufzufassen. Gilt es doch hier nur an einem einzelnen Falle die seit Jahrhunderten gleichbleibende Kampfweise geheimer Mächte aufzudecken, von deren Existenz der harmlose Deutsche einiges, von deren Wirkungen er wenig, von deren wahren geheimen Zielen er so viel wie nichts weiß. Und so ist denn diese Schrift geradezu als ein Lehrbuch aufzufassen, in dem der ungläubige, ahnungslose Deutsche lernen soll, was sein größter Fehler ist: daß er Unterschiede in der geistigen Grundstruktur der Menschen mißachtend, den furchtbaren, den unverzeihlichen, den bald nicht mehr gutzumachenden Fehler begeht, den soge- nannten Nebenmenschen, der, dem beweglichen Geiste angehörend, weit besser als „Fernmensch“ bezeichnet werden könnte, nach seiner eigenen Art und Anlage zu beurteilen. Lernt der Deutsche nicht, heute, wo sich der ihm feindliche Geist unter den gut vorgetäuschten Gebärden gleicher Art in alle Verbände und Vereinigungen einzuschmuggeln wußte, den Feind durchschauen, die Mimikry entlarven, die Antitoxine in seinem schwer vergifteten Organismus gewinnen und heranzüchten, so ist er verloren. Dieser Einzelfall aber, mit allem was drum und dran ist, mag ihn sehen lehren. Damit aber ja alles Persönliche ausgemerzt werde, ja damit jede Möglichkeit fehle, daß in dem Text irgendwie ein Schlüssel erblickt werde, mit dessen Hilfe dem Unbeteiligten doch Namen und Zusammenhänge sich erschlössen, hat der Verfasser sämtliche in diesem absonderlichen Drama agierenden Personen dadurch unkenntlich gemacht, daß er die Namen der Männer, wie sie im fortlaufenden Geschehen genannt werden, fortlaufend durch Ziffern, die der Frauen alphabetisch durch Buchstaben bezeichnet hat.

Der Verfasser ist sich genau bewußt über die ungeheure Entrüstung, die diese Schrift in den betreffenden und arg betroffenen Kreisen hervorrufen wird. Er kennt die Überredungs- und Vergewaltigungskraft der beweglichen Geister auf die redlichen und arglosen Gemüter der Deutschen. Er meint vorauszusehen, daß die geheimen Mächte vorerst in gewohnter Meisterschaft dafür Sorge tragen werden, daß diese  Schrift nicht in die richtigen Hände gelange.

Er schreckt aber auch nicht  vor jenem äußersten Falle  zurück, wo  die geschlossene Phalanx der hier Angegriffenen in einem letzten Versuche, den sehend werdenden Deutschen doch noch der altgewohnten und so behaglichen Blindheit anheimzugeben, zum Angriff schreiten sollte. Ist er doch von der repräsentativen, ja geradezu symbolischen Bedeutung seines Schicksales für die Zukunft des deutschen Volkes durchdrungen: Denn wenn es den Widersachern gelingt, den ersten und, falls sie siegen, wohl auch zugleich den letzten wirklichen Erkenner und Durchschauer jener geheimen Mächte zu vernichten und all sein Tun und Denken den Deutschen verdächtig und unglaubwürdig erscheinen zu lassen, dann würde der Vernichtung des deutschen Volkes nichts mehr im Wege stehen. Dann aber würde der Herausgeber dieser Schrift nichts dagegen haben, mit seinem eigenen Untergange jener Vernichtung voranzuschreiten, die sein Leben und Wollen ja ohnehin zu einem sinnlosen, vergeblichen Bemühen gestempelt hätte.

W i e n ,  den 12. März 1920.

 

Heute, mehr als drei Jahre nach diesen seinerzeit furchtbar nervenzer- rüttenden und alle Kräfte in Anspruch nehmenden Erlebnissen, will ich nichts an dem Inhalte dieser Dokumente ändern. Ich bin mir sehr wohl bewußt, wie unendlich schwierig es ist, dem Gange der Geschehnisse zu folgen, namentlich durch das Verwirrende und Unplastische der Ziffern und Buchstaben für die Namen! Mir ist es aber nur darum zu tun, wie die Dinge waren, sie dokumentarisch zu bringen. So wird es sich etwa empfehlen, wenn der Leser Nr. 9 vorausliest, um die ersten Briefe besser zu verstehen! Es galt aber nicht einen Roman oder eine gestaltete Lebensgeschichte zu bieten, sondern Dokumente für Geschehnisse, die dem naiven Deutschen höchst unglaubwürdig erscheinen dürften! Lernt er nichts aus diesen von der lautersten Wahrheit und unbeirrbarster primärer Fassenskraft zeugenden Dokumenten, so wird er auch niemals im stande sein, das jüdische Geheimbundnetz zu zerreißen.

So wird denn die Mühe und Qual des Lesens gewißlich dereinstens gute Früchte tragen. In dieser Überzeugung lasse ich die Geschehnisse und Daten unverändert bestehen.

W i e n ,  den 1. September 1923.

1 .

D r e s d e n ,  den 23. März 1919.

A n  F r a u  A. ,  B e r l i n .

Es dürfte nun doch an der Zeit sein, die Situation zwischen uns beiden völlig zu klären. Zumal es ja anzunehmen ist, daß Sie bei Ihren mir allzu wohlbekannten Charaktereigenschaften vielleicht schon begonnen haben, „Maßnahmen zu ergreifen“, die nicht für mich, wohl aber für Sie selber verhängnisvoll werden könnten. Um dies zu verhindern, sei folgendes festgestellt.

Die Macht, der Sie sich nun endlich angeschlossen haben, paßt ja insofern ausgezeichnet zu Ihnen, als Sie beide den gleichen Gott anbeten: den Gott der Rache! Nun aber ist es mir genugsam klar, daß Sie in edlem Einklang mit Ihren Bundesgenossen sich an mir rächen wollen. Jene dafür, daß ich sie restlos durchschaue, Sie dafür, daß ich Ihnen vom ersten Tage an immer nur Liebes und Gutes getan habe, und es Ihnen allerdings nicht gelungen ist, meine Liebe und Güte zu einer für mein ganzes künftiges Leben verhängnisvollen Machtstellung auszunützen. Das muß natürlich gerächt werden!

Nun aber möchte ich Ihnen folgendes zur Verwarnung mitteilen. Ich habe die Vorgänge der letzten Zeit in all ihren so aufschlußreichen Details auf das genaueste zu Papier gebracht, dieses Dokument in zweifacher Abschrift wohlversiegelt an zwei Stellen hinterlegt mit dem  Auftrage, diese auf den ersten Wink meinerseits an eine geeignete Stelle gelangen zu lassen, die das Nötige mit diesen Enthüllungen allsogleich  vornehmen würde. Sollte mir demnach auf Grund von Aufklärungen, deren Provenienz ich sofort durchschauen würde, von der bewußten Macht oder aber auf Grund von böser Nachrede, Verleumdungen, anonymen Briefen oder Intrigen irgendwelcher Art Ihrerseits die geringste Unannehmlichkeit widerfahren – im nächsten Augenblicke würden meine Enthüllungen der Öffentlichkeit preisgegeben werden!

Nun aber bin ich nicht rachsüchtig. Ich werde niemals und niemandem Böses über Sie sagen. Wenn man mich nach Ihnen fragt, werde ich gelassen berichten, daß unsere Lebenswege sich in aller Freundschaft getrennt haben, sonst aber gewißlich nichts Nachteiliges über Sie hinzufügen. Ein Gleiches möchte ich Ihnen auf das dringlichste geraten haben, und lassen Sie sich auf den Lebensweg noch einen wirklich gutgemeinten Rat mitgeben. Gewöhnen Sie sich endlich ab, wie die Heilige Schrift es sagt: den Balken im eigenen Auge nicht, dafür aber um so verbissener und unnachsichtiger den Splitter im Auge des Nächsten zu erblicken. Wenn Sie so fortfahren wie bisher, alles, was Sie nicht restlos bejaht, zu verneinen, so werden Sie unbarmherzig wieder verneint werden und zur furchtbarsten Einsamkeit verdammt bleiben. Seien Sie demnach, wenn schon nicht aus angeborener Güte, die Ihnen freilich völlig abgeht, so doch wenigstens aus kluger Berechnung duldsam und freundlich, und es wird Ihnen mit Duldsamkeit und Freundlichkeit von seiten der Welt vergolten werden.

[Träum schön weider, lieber Deutscher!]

Was nun endlich das Pekuniäre anbetrifft, das mir wahrlich nicht weniger widerwärtig und beschmutzend erscheint als Ihnen, so ist es selbstverständlich, daß alles wie bisher weiterlaufen wird. Auch jene Summe aus der Erbschaft meines verstorbenen Bruders steht Ihnen nach wie vor, falls und sobald ich dieselbe bei den heutigen schwierigen Verhältnissen und namentlich der bevorstehenden Vermögenskonfiskation freibekommen sollte, zur Verfügung. Sollte in absehbarer Zeit durch die Unmöglichkeit der Geldbeschaffung und das Versiegen meines Bankguthabens eine Stockung in den monatlichen Zusendungen eintreten, so bitte ich Sie, dies gütigst entschuldigen zu wollen. Dies würde dann so bald wie irgend möglich nachträglich geregelt werden.

Zum Schlusse möchte ich Ihnen nur noch sagen, daß ich Sie vom ersten Tage in einer Weise durchschaut habe, die Sie wohl niemals geahnt haben. Meine Sehnsucht, aus Ihnen einen hellen Menschen zu machen, ist endgültig gescheitert, und es ist kein Zufall, sondern bedeutsames Symbol, daß gerade Sie nun gerade jener Macht verfallen sind, die durch mich bekämpft und wohl auch dereinstens zunichte gemacht wird.

Indem ich Ihnen wirklich ohne jeden Groll und ohne jedes Rachebedürfnis, die dem Erkennenden ja unverständlich sind, alles Gute auf Ihren Lebensweg wünsche, verbleibe ich

Ihr sehr aufrichtiger

2 .

B e r l i n – W i l m e r s d o r f ,  den 2. April 1919.

J u d a s !

Sie beklagen sich, daß ich meine Briefe ohne Anrede beginne. Hier haben Sie die einzige, die mir für Sie zur Verfügung steht. Wenn ich Ihnen zu voller Deutlichkeit noch ein letztes Mal schreibe, so geschieht es, um alles aufzuklären, was noch der Aufklärung bedarf.

Von den erwähnten versiegelten Briefen* bestehen nun schon zum Zwecke größerer Sicherheit zehn; dieselben befinden sich wohlversiegelt in den Händen deutscher Freunde, die sich ehrenwörtlich verpflichtet haben, von diesen Dokumenten keinen Gebrauch zu machen, außer unter gewissen Umständen. So brauchen denn Ihre Freunde von der israelitischen Allianz keine Angst zu haben, daß irgend etwas von ihrer Kampfesweise verraten wird, es sei denn, daß ich mich dazu gezwungen sehe. Dies wäre aber der Fall, wenn entweder Sie selber das geringste gegen mich unternehmen oder aber, wenn man von seiten Ihrer Verbündeten versuchen sollte, meiner Ehre, meinem guten Rufe und meiner Unantastbarkeit irgend zu nahe zu treten. Sollten diese Ihre Verbündeten den Versuch machen, mir auf dem Umwege über das Vermögen und Ansehen meines lieben Bruders Oskar Trebitsch den Garaus zu machen, so wird der erste Versuch solcher Art selbstverständlich genügen, daß die zehn versiegelten Briefe an die geeigneten Adressen innerhalb 24 Stunden gelangen. Um übrigens Ihr und Ihrer Verbündeten brennendes Interesse nach jenem Gelde, das, wie ich Ihnen schrieb, für Sie bereit läge, zu befriedigen, so will ich Ihnen zu endgültiger Aufklärung sagen, daß ich Ihnen dies damals mitteilte, um in – heute muß ich es sagen: närrischer und verfehlter! – Rücksichtnahme auf Ihren Hochmut, Ihnen die Annahme des Geldes zu erleichtern. Ich wußte, daß nichts Ihnen so leicht über das etwa Verletzende einer derartigen Zuwendung hinweghelfen könnte, als wie die Darstellung einer bereits abgeschlossenen und unabänderlichen Angelegenheit. Dies zu Ihrer Verständigung und Aufklärung.

Ich will nur noch kurz erwähnen, daß auch jede absonderliche

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* Diese Briefe sind identisch mit dem unter 4. Abgedruckten.

Erkrankung    sowie    ein    „plötzlicher     Überfall    von                         Spartakisten“ mich, respektive meine Freunde veranlassen würde, das Nötige zu tun.

Sie sehen, daß weder Sie noch Ihre Freunde das geringste von mir zu fürchten haben, wenn Sie mir nicht lästig fallen. Ich und die Meinen, wir kämpfen nicht mit den Waffen der Hinterlist und heimtückischer Foppe- reien, weshalb denn auch keinerlei Indiskretion zu befürchten ist. Die Briefe werden, wenn es nötig ist und die Zeit dazu gekommen, wieder spurlos aus der Welt verschwinden. Ich bin ja weder gehässig noch rachsüchtig gegen jene Mächte, die nun einmal mit den einzigen ihnen seit Jahrhunderten zu Gebote stehenden heimtückischen Waffen zu kämpfen gewohnt sind. Ja ich weiß sogar, daß es in ihrer Art ganz redliche Männer sein können, die einfach noch nicht einsehen können, daß mein Werk nicht Untergang und Vernichtung, sondern nur Erkenntnis und Hinstellen des Judentums an seinen richtigen Platz, der Welt zu bringen hofft.

Was endlich Ihre Bemerkung, Sie hätten meinen Brief an meine Frau geschickt, anbetrifft, und sich die Abschrift behalten, so möchte ich dies insofern richtigstellen, als Sie sich natürlich den Originalbrief behalten haben und meiner Frau wohl nur eine „für die reifere Jugend bearbeitete“ Abschrift eingesandt haben dürften.

Wenn ich noch immer gewillt bin, das bewußte Geld Ihnen seinerzeit und falls es mir möglich ist, zukommen zu lassen, so geschieht dies deshalb, weil es mir Vergnügen bereitet, daß der Judas zum Danke dafür, daß er durchschaut ist, die 30 Silberlinge einmal ausnahmsweise von der Seite bekommt, die er vergeblich zu verraten gesucht hat. Damit will ich natürlich mich keineswegs mit dem Gekreuzigten, sondern nur die in der Welt viel häufigere Verrätertat mit der des ewig wiederkehrenden Judas verglichen haben.

So wünsche ich Ihnen denn nach wie vor für Ihr weiteres Leben alles Gute als Ihr vollkommen aufrichtiger

3 .

B e r l i n ,  den 5. April 1919.

Ihre furchtbare Aufregung, von der mir 1 erzählt, ist mir geradezu unbegreiflich. Wenn meine Vermutungen Ausgeburten des Verfolgungs- wahnes sind, so fällt doch alles ohnehin in sich selber zusammen. Beruhen sie aber auf Wahrheit, so soll Ihnen doch beileibe nichts geschehen, und es ist ja nur dafür gesorgt, daß auch mir nichts geschehe. Daß Sie meinen letzten Brief dem 1 nicht vorweisen konnten, weil Sie ihn verlegt hätten, konnten Sie nur dem guten 1 weismachen, dem kindlichsten und harmlosesten aller Sterblichen. Tatsächlich befindet sich derselbe natürlich längst in den richtigen Händen, die ihn gierig befingern, nach neuen Schachzügen Ausschau haltend. Diesen Leuten aber möchte ich folgendes raten: Da Sie angesichts der dokumentarischen Tatsachen Ihre Freundin als Reisebegleiterin natürlich fallen lassen, so bleiben natürlich immer noch Sie, die unter falschem Namen in F. gewesen wären! Nun aber habe ich mich ja nie nach Ihrem Namen erkundigt, und wenn nun auch in den nächsten Tagen Hotelrechnungen, ärztliche Atteste, saldierte Rechnungen und weiß der Teufel was noch alles aufmarschieren sollte – von der Geschicklichkeit meiner Gegner im Konstruieren falscher Tatsachen bin ich genugsam durchdrungen, so daß es wahrlich nicht mehr nötig sein wird, solche Probestückchen vorzulegen. Nein, diese Partie ist verloren und ich würde sehr raten, sie wie der gute Schachspieler aufzu- geben und nicht noch bis zum endgültigen „Matt“ nach Kinderart noch die letzten verzweifelten Züge zu versuchen auf „Schlagtreffen“. Der Schlag wird mich nicht treffen, weder dieser noch irgend ein anderer. Denn Gott sei Dank ist gegen die Alliance israélite eine deutsche Allianz im Wachsen, von deren Macht und Ausdehnung sich die Gegner noch keinen rechten Begriff machen. Und also kann ich nur sehr ernst geraten haben, keinerlei Teufeleien und Hinterhalte zu versuchen und anzulegen; Sie selber aber beschwöre ich, das wahnsinnige Gerede bleiben zu lassen, mit welchem Sie einen Haufen harmloser Frauen in der schnödesten Weise verleumden, und darüber von Herzen froh zu sein, daß ich gewillt bin, so freundlich und ohne Lärm die Affäre begraben sein zu lassen. Und dringend kann ich nur raten, alles Böse und Gehässige zu vermeiden, denn es würde unrettbar auf Sie selber zurückfallen. Mein Charakter steht so rein und unantastbar da, daß jedermann sofort wüßte, wieviel es geschlagen hat, und Sie sich nur selber treffen würden mit dem törichten Versuche, sich dafür zu rächen, daß ich Ihnen nichts getan habe, nichts tun werde, allerdings aber gründlich verhindern werde, daß mir oder den Meinen das geringste widerfahre.

Ihr sehr aufrichtiger

4 .

D a r s t e l l u n g  d e r  B e z i e h u n g e n  d e r  F r a u  A.  z u r  I s r a e l i t i s c h e n  A l l i a n z .

Als Frau A. mir vor mehr als zwei Monaten mitteilte, sie sei in der Hoffnung, so wußte ich, daß dies der letzte entscheidende Schachzug in einem lang vorbereiteten Plane war. Weder damals noch heute lag mir viel daran, zu untersuchen, ob ich hiefür verantwortlich zu machen wäre. Da ich nun aber drei Vierteljahre mit der Dame befreundet bin, ohne daß je das geringste Anzeichen einer Schwangerschaft sich gezeigt hätte, da ich überdies allen Grund habe, an meiner Vaterschaft zu zweifeln, so nahm ich in aller Gelassenheit an, daß, um dies Ereignis herbeizuführen, das mich zu einem entscheidenden Schritte veranlassen sollte, fremde Beihilfe zugezogen worden war. Wie dem auch sei, ich nahm die Mitteilung gelassen zur Kenntnis und betonte, daß dies doch nicht das größte Unglück auf der Welt sei; es sei nur gut, wenn unserm herabgekommenen Vaterlande für Nachwuchs gesorgt werde, und überdies hege ich das brennendste Inter- esse daran, zu erfahren, ob ein Kind von mir mein Augenleiden erben würde oder ob dies unübertragbar sei. Bei meiner gelassenen Art, mich zu dem Ereignisse zu stellen, gelang es nicht, mich zu irgendwelchen abscheulichen und verbotenen Ratschlägen zu veranlassen. Überdies äußerte ich sogar meine Bereitwilligkeit, etwa nach zehn Jahren, wenn kein Mensch mehr an die Zusammenhänge denken würde, das zu erwartende Kind zu adoptieren, so daß auch nach dieser Richtung hin nichts Häßliches und Beschämendes bevorstand.

Diese meine Art schien nicht ganz den Erwartungen der Dame zu entsprechen. Sie teilte mir nun mit, sie sei doch entschlossen, einen andern Mann zu heiraten, der ihr, nebenbei bemerkt, schon sehr lange, länger als ich selber, freundschaftlich nahestand. Da ich ohnehin der Ansicht war, der zu erwartende Sprößling verdanke jenem Manne das Leben, nicht aber mir, fand ich diesen Plan begreiflich, äußerte indes mein Bedenken, daß es ihr gelingen würde, diesen Mann, der mir stets als sehr spießbürgerlich und hyperkorrekt geschildert worden war, zu einer Ehe zu veranlassen, zumal er von der Beziehung zu mir nach allem, was ich hörte, wohlunterrichtet zu sein schien.

In der Tat verlief das Unternehmen negativ. Der betreffende Herr verließ bald darauf Berlin für immer, und nun hielt die ratlose Frau nach anderem Ausschau, denn daß ich sie niemals im Leben heiraten würde, hatte ich ihr in einer erregten Szene so klargemacht, daß nach der Richtung hin wirklich nichts mehr zu erwarten war. Trotzdem ich nun die bedrängte Frau davor warnte, einen unerlaubten Eingriff vorzunehmen, erschien ihr dies als die einzig mögliche Lösung. Bei der trostlosen Verlogenheit unserer heutigen Gesellschaftsordnung aber mußte ich mich schwerseufzend dareinfügen, ihr nichts in den Weg zu legen, mochte ich auch noch so eindringlich abraten und verwarnen, denn die unglückselige Frau, der es nicht gelungen war, sich einen Gatten zu erlisten, sah sich nun wirklich vor der Gefahr, daß die ihr ohnehin übelgesinnten Verwandten ihres verstorbenen Mannes ihr gar das einzige geliebte Kind wegnehmen würden aus sittlicher Entrüstung. Man sieht, wie die schändlichen Verlogenheiten der heutigen Gesellschaftsordnung ganz eigentlich schuld daran sind, wenn die unglückseligen Frauen sich auf die einzig mögliche Weise vor Ehrlosigkeit und Schande bewahren.

Es wurde mir nun mitgeteilt, daß in Frankfurt an der Oder sich ein Arzt befinde, der ihr behilflich sein würde, und daß ihre Freundin Frau B. hinfahren wolle, daselbst ein Konzert zu geben, wobei sie unter falschem Namen als Begleiterin mit hingebracht würde, woselbst der nötige Eingriff getan werden würde.

Soweit standen die Dinge, bis sie mir eines Tages trübselig mitteilte, es gehe doch nicht; sie bekomme ja keinen Paß ausgestellt, was in der damaligen Belagerungszeit mehr als begreiflich war.

Die Beziehungen zu Frau A. waren im Laufe der letzten Zeit immer kältere geworden, zumal ihr Plan, mich durch das Äußerste zu fesseln, mißlungen war und sie immer mehr einsehen gelernt hatte, daß ich ganz und gar meinem Schaffen gehörte, keineswegs aber einer Frau mit gefährlicher Machtbegierde und einer Herrschsucht, vor der ich, je besser ich sie kennen mochte, immer mehr zurückschaudern lernte. War es ihr doch gelungen, mich mit einem Kreise harmloser und liebenswürdiger Menschen derart zu verfeinden und durch persönliche Manöver mich ihnen zu entfremden, daß ich immer mehr der Gefahr der Vereinsamung in ihrer Gesellschaft verfallen wäre. Meine nun einmal nicht zu brechende Selbständigkeit war es, die die guten Gefühle dieser Frau, soweit sie vorhanden gewesen sein mögen, bald in Feindseligkeit, ja Haß zu verwandeln drohte. Jedenfalls staunte ich sehr, war aber auch aufs schärfste auf der Hut und voll Mißtrauen, da sie mir eines Tages nun doch ankündigte, die Frankfurter Reise sei beschlossen und sie fahre mit ihrer Freundin in den allernächsten Tagen hin. Ich solle sie während dieser acht Tage, die sie abwesend sein würde, ja nicht telephonisch vorzeitig anrufen, da sie ihrem Mädchen gesagt habe, sie verreise mit mir, was vorerst recht plausibel klang.

Einige Tage nach der „Abreise“ empfing ich einen Brief mit dem Stempel Berlin, in welchem sie mir mit stark veränderter zittriger Handschrift die wirklich überstandene Operation mitteilte und durch die inzwischen zurückgekehrte Freundin, die den Brief in Berlin einwerfen würde, schöne Grüße übersandte.

Bald darauf telefonierte ich die Freundin an und erfuhr in den rührseligsten und larmoyantesten Tönen, wie schrecklich die Ärmste gelitten habe, und sie würde nun bald wieder nach Hause zurückkehren. Nach acht Tagen war sie wieder da, teilte mir ihre Ankunft mit matter Stimme am Telephon mit, und als ich sie besuchte, da konnte ich zwar kein schlechtes Aussehen feststellen, mußte aber die fürchterlichsten Schilderungen überstandener Qualen mitanhören; sie sei wegen ihres schwachen Herzens ohne Narkose operiert worden, hätte sich wie eine Verzweifelte gewunden und leide noch immer an sehr argen Blutungen. Sie tat sehr trostlos und niedergeschlagen und nannte mir die Summe von 1600 Mark, die Reise und Operation gekostet hätten. Nach einigen Tagen aber war sie noch verstörter, klagte über plötzliche Schmerzen, meinte, es sei der Blinddarm, der ihr immer zu schaffen mache, und erzählte, der Frankfurter Spezialist habe ihr Dr. 2 für alle Fälle dringend empfohlen.

Ich habe, was hier zu erwähnen von größter Wichtigkeit ist, mir Todfeindschaft der gesamten Judenschaft zugezogen, so daß ich, wenn immer ein Jude genannt wird und meine Person mit im Spiel ist, von einer leicht begreiflichen Ängstlichkeit und Überaufmerksamkeit bin; weiß ich doch seit Jahren, wie rätselhaft zusammenhängend alles miteinander verbunden ist, was sich mit dem Judentum berührt. Ich fragte erstaunt, was denn mit Prof. 3 sei, der sie doch Frühjahr und Sommer 1918 so fürsorglich behandelt habe und von dem ich so merkwürdig lange nichts gehört hatte. Sie lenkte auffallend rasch von diesem Namen ab und konnte mir schon am nächsten Tage mitteilen, daß sie bei 2 gewesen wäre, der sie auf das liebenswürdigste empfangen und jovial gebeten hätte, ihm doch alles zu erklären, was zu der Frankfurter Operation geführt hätte. Da sei wohl sicher ein Mann dahinter, der wie gewohnt sich seinen Verpflichtungen entziehen wolle, und ob er ihr nicht auch zu irgendwelchen scharfen Mitteln geraten habe; sie solle nur ganz offen sein … Auf diese Fragen, die meinem wachen Argwohn schon mehr als Fallen denn als Fragen erscheinen wollten, hatte sie vermutlich noch arglos erwidert: dem sei nicht so, der Mann hätte sich zwar nicht für den Vater gehalten, sich aber seinen Verpflichtungen nicht entziehen wollen. Da aber hatte 2 voll Zuvorkommenheit versichert, sie solle nur ganz offen sein, es sei doch selbstverständlich, daß jeder Arzt einer Frau in solcher Lage behilflich wäre. Dies Ablenken und diese Zuvorkommenheit bei einer doch wahrlich nicht unbedenklichen Angelegenheit erregte meinen tiefsten Argwohn. Ich ahnte sofort Böses gegen mich und beschwor sie, sich doch nicht mit dem jüdischen Arzte einzulassen, wo sie wisse, wie die Juden sich heute zu mir verhielten. Da fuhr sie entrüstet auf, schimpfte auf meinen blödsinnigen Verfolgungswahn und teilte mir übersprudelnd vor Erregung mit: Ich könne nur froh sein, daß sie sich von diesem Fachmann ersten Ranges habe untersuchen lassen; er habe eine gefährliche Verwachsung des Blinddarms mit dem Eierstock konstatiert und es sei allerhöchste Zeit, sie zu operieren. Wenn sie noch länger zuwarte, könnten lebensgefährliche Komplikationen eintreten. Bei dieser Eile des Verfahrens und meinem wachsenden Mißtrauen, hier stünde ihr eine mir wohlvertraute Gemeinschaft zu Diensten, mehr um sie gegen mich in die Hand zu bekommen als um ihr zu dienen, beschwor ich sie, ehe sie sich zu einer schweren Operation entscheide, sich doch von meinem lieben treuen Freunde und Hausarzte Dr. 4 ein einziges Mal untersuchen zu lassen. Dies würde mir eine unendliche Beruhigung geben, und wenn der es für nötig fände, möge dann immerhin der genannte Frauenarzt die Operation übernehmen.

Wenn man bedenkt – zur Ergründung der vollen Wahrheit, auf die es hier ankommt, muß auch dies verraten werden – daß die pekuniäre Belastung aller dieser Eingriffe einzig und allein mich traf, so wird man meinen dringenden Wunsch nach einer Überprüfung von vertrauenerweckender Seite wohl mehr als begreiflich finden.

Um so auffallender war aber die Wut und Entrüstung, mit welcher diese blödsinnige Zumutung, sich vom ersten besten Hausarzt untersuchen zu lassen, abgewiesen wurde. Wir schieden in Uneinigkeit, und schon am nächsten Tage konnte sie mir mitteilen, sie habe noch einen anderen Spezialisten befragt, der  den  Fall genau so beurteile wie 2, und beide hätten nur gehohnlacht bei der Erwähnung von Dr. 4. Da es nun aber mehr als üblich ist, einen Hausarzt zu Rate zu ziehen, wäre derselbe auch keine Autorität, so war mein Mißtrauen nicht mehr aus der Welt zu schaffen. Am nächsten Tage aber rief mich ihre Freundin telephonisch an, erzählte mir, wie entsetzlich dringlich der Fall sei, welche Lebensgefahr eine Verzögerung mit sich bringen könne und beschwor mich, die vielgequälte Frau nicht noch an ihrer Errettung zu verhindern. Und so wurde denn, trotzdem ich einen beschwörenden Brief schrieb und bei einem letztmaligen Besuche anzudeuten wagte, das ganze scheine mir ein Judasstreich zu sein – was wie gewöhnlich mit Achselzucken und dem Worte:

„Verfolgungswahn“ quittiert wurde – die Übersiedlung in die Klinik von 2 vorgenommen und die schwere Operation vollzogen, wo ich dann auch nach einigen Tagen meinen ersten Besuch in der Klinik abstatten durfte.

Ich traf die Patientin nun wirklich in sehr geschwächtem und erschöpftem Zustande an und bemühte mich, durch tägliche Besuche und liebreiche Freundlichkeit ihr die schwere Zeit tragen zu helfen. Ich lebte gerade damals in den aufregenden Vorbereitungen für meinen zweiten Vortrag* und mußte merken, mit welcher feindlichen Kälte die sich allmählich Erholende all meinen Erzählungen von den furchtbaren Feindseligkeiten und Intrigen, die ich zu überstehen hatte, mitanhörte. Ich merkte eine Wandlung und noch deutlichere Abkehr von mir und meinem Leben als bisher. Konnte ich bei Betreten des Zimmers sie eben noch in freundlich-heiterem Gespräche mit der Wärterin erblicken, so legte sich ihr Gesicht in böse und abweisende Falten, und bald darauf begann sie zu stöhnen, um mir ihr Leiden recht deutlich vor Augen zu rücken. Sie teilte mir das eine Mal mit, jene Frankfurter Operation sei dank der mangelnden Narkose ganz schlecht vorgenommen worden, 2 hätte nebenbei die Auskratzung nochmals gemacht. Am nächsten Tage aber schon wußte sie zu

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* „Deutscher Geist – oder Judentum“, gehalten im Blüthner-Saal zu Berlin am 20. März 1919.

sagen, das Gestrige sei Irrtum gewesen, sie hätte die Sache mißverstanden; es sei nichts Derartiges vorgenommen worden. Hatte schon dies meinen Argwohn bestätigt, so noch mehr die Antwort auf die Frage nach 3, der sie doch sonst behandelt habe und nun gar nichts mehr mit ihr zu tun habe. Derselbe sei sehr böse, daß sie sich von 2 habe operieren lassen. Gerade dieser Versuch, einen Zusammenhang zu verschleiern, machte mir das Bestehen eines solchen einleuchtend klar.

Um diese Zeit besuchte ich den Legations-Sekretär Grafen 5 von der ehemaligen österreichischen Botschaft und erfuhr, als wir über meinen ersten Vortrag* (Deutscher Geist – oder Judentum!) plauderten, neben ihm sei 3 gesessen, der mit tief entrüstetem und beleidigtem Gesicht davonge- gangen sei. Mir war es natürlich sehr auffallend, daß mir Frau A. von dieses Mannes Anwesenheit bei dem auch von ihr besuchten Vortrage nichts erzählt hatte, um so mehr als ich wußte, dieselbe hätte ihm schon in den Sommermonaten meine Schriften zu lesen gegeben und ihn auch auf das kommende Buch des gleichen Themas aufmerksam gemacht. Als ich nun, ganz argwöhnische Wachsamkeit, beim nächsten Besuche fragte, ob 3 bei meinem Vortrag gewesen sei, wollte sie davon nichts wissen, worauf ich ihr mit scharfer Beobachtung ihres Gesichtsausdrucks mitteilte, daß mir aber Graf 5 erst gestern erzählt habe, derselbe sei in der ersten Reihe neben ihm gesessen. Mit verstocktem und bösem Gesichtsausdrucke leugnete sie natürlich weiter, etwas davon gemerkt zu haben, und Zusammenhänge, die mir erst schattenhaft aufgedämmert waren, wurden für mich immer deutlicher und klarer. Recht auffallend aber wurden die Gespräche in den folgenden Tagen, wenn sie des öfteren sich nach pekuniären Dingen erkundigte. Da wir nun aber in einer Zeit leben, in der es für den Österrei- cher unmöglich ist, sich auf normale Weise Geld zu beschaffen, so wurde mir im Zusammenhange mit all dem Vorhergehenden bald völlig klar, worauf das Ganze hinauslief. Ich sollte im Auftrage jener so sorgfältig verschleierten und abgeleugneten Verbündeten über meine Geldbeschaffung ausgefragt werden. Außerdem drängte die schlaue Frau wegen des Geldes, das sie ihrer Freundin (Frankfurter Reise) schulde, und so mußte ich ihr denn klipp und klar sagen,

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* Gleichfalls im Blüthner-Saale, Berlin, 30. Januar 1919.

daß hievon momentan keine Rede sein könne, da ich selber in größter Geldverlegenheit sei infolge der heutigen Lage der Dinge.

Da aber kam mit abgewandtem Antlitz, aber mit bösem, lauernden Ausdruck, den ich in raschem Seitenblick sofort erfaßte, die Frage nach einer größeren Geldsumme, die ich doch in Österreich liegen habe und ihr zur dauernden Regelung ihrer pekuniären Schwierigkeiten zugesagt hatte. Nun aber war ich ganz und gar im Bilde: der edle weibliche agent provocateur hoffte so zu erfahren, daß ich widerrechtlich eine größere Summe beiseite gelegt habe, die ich der Vermögensbesteuerung auf diese Weise zu entziehen versuche. Hätte sie so etwas ihren Auftraggebern berichten können, dann hätte ich, der, wie gehofft und vermutet war, schon durch die Notwendigkeit jener Operation hätte zu Fall kommen sollen, nun endlich den moralischen Todesstoß erhalten, und die Möglichkeit, das Judentum zu bekämpfen, wäre mir genommen gewesen, worauf ja das ganze schlaue Manöver hinauslief. Ich aber hatte den Judas beizeiten durchschaut und konnte in aller Ruhe betonen, dies sei nicht, wie sie sich es vorstelle, das Geld sei in der Firma eingetragen, und wenn einmal wieder normale Zeiten kämen, würde es mir wohl möglich sein, auch solch größere Summe zu beheben. Ich aber hatte der Frau, der ich damals noch liebend vertraute, die Sachlage vor Monaten so geschildert, daß das Geld längst für sie bereit läge, um ihren mir wohlbekannten Hochmut durch dies fait accompli zu schonen und anzudeuten, die Sache sei für mich erledigt. Man bedenke den Abgrund der Gemeinheit und Gehässigkeit, der darin liegt, einen Mann mit dem zu Falle bringen zu wollen, was ganz eigentlich eine ihr zugedachte Wohltat gewesen wäre!

Aber mir war nun die Wandlung und der Zusammenhang völlig klar geworden. Von dem Tage an, wo diese hochmütige und herrschsüchtige Frau gemerkt hatte, daß auch der letzte Versuch, mich dauernd an sie zu fesseln, mißlang, hatte sie sich meinen Untergang zugeschworen. Kannte ich sie doch nach dieser Richtung hin genugsam aus Streitszenen, in denen sie mir zu versichern beliebte: sie würde mich in Berlin unmöglich machen und sich rächen dafür, daß ich ihr nie im Leben etwas Böses angetan hatte! Die überaus große Liebenswürdigkeit und Freundlichkeit aber, mit der ihre neuen Helfer (durch Vermittlung ihrer jüdischen Freundin, deren Schwester erst einige Tage vorher in demselben Sanatorium eine Entbindung über- standen hatte) sich ihrer annahmen und sie allmählich für sich zu gewinnen wußten, beschleunigten den Abfall und den Verrat an mir. Als ich dies alles endgültig durchschaut hatte, da stand es bei mir fest, mit diesem geradezu dämonisch bösen Weibe ein für alle Mal zu brechen, und als ich Montag, den 17. März, bei ihr erschien, da fragte ich nebenhin nach dem Namen des Frankfurter Arztes, was sie mit der höhnischen Frage, ob ich schon wieder verfolgungswahnsinnig sei und in dem wohl auch einen Juden vermute, beantwortete. Da aber sagte ich ihr ganz langsam, klar und deutlich: „O nein, das tue ich nicht. Das war kein Jude, denn er existiert überhaupt nicht. Du bist ja niemals in Frankfurt gewesen.“ War es mir doch inzwischen zu sonnenheller Klarheit geworden, daß die Ärzte sich entschlossen hatten, der Bedrängten zu „helfen“ unter der Bedingung allerdings, daß ich nichts von dieser Hilfe erfahre, und so mußte mir zu Ehren die Frankfurter Komödie aufgeführt werden, der ich doch wahrlich, ob Frankfurt oder Berlin, das Geheimnis der Frau unbedingt  gewahrt hätte. Aber freilich, es galt Zusammenhänge zu verschleiern, die noch für meine weitere Zukunft den Herrschaften unentbehrlich erschienen, und also war die erbärmliche Komödie mir aufgeführt worden. Frau A., in die Enge getrieben, nicht sehr geschickt im Lügen, sagte nur mehr mit haßerfülltem Ausdruck: „Jetzt aber schau, daß du rauskommst!“ was ich mit Vergnügen befolgte, ihr nur noch langsam und deutlich erklärend, daß ich sie mit all ihren Lügen immer und jederzeit durchschaut habe und nur geschwiegen hätte, weil ich mich für sie geschämt hatte und man furchtbar schwer den Mut aufbringt, einem Menschen zu sagen, daß und wie sehr man ihn durchschaue.

Nun war meine Beziehung zu dieser Frau abgebrochen und ich war darauf gefaßt, die furchtbarsten Gehässigkeiten und Racheversuche zu erleben. Was nun geschah, liegt in Briefen festgehalten, deren Abschriften den Besitzern dieses Schreibens jederzeit zur Verfügung stehen, wenn es jemals nötig sein sollte, dasselbe zu eröffnen, denn es ist nicht meine Absicht, diese furchtbaren Zusammenhänge aufzudecken, es sei denn aus Notwehr, wenn die Judenschaft je versuchen sollte, mir und meiner Ehre, meinem Ansehen und Vermögen oder aber dem meines lieben Bruders Oskar Trebitsch, der ja als Verwalter meines Vermögens hier in Betracht kommt, nahezutreten.

Hier will ich nur noch soviel sagen, daß auf meine Erklärung, ich besitze dokumentarische Beweise dafür, die Reise sei nicht angetreten worden, Frau A. ihre Freundin als Reisebegleiterin bereits fallen läßt (welche edle Freundin die Komödie von Reise, bejammernswertem Zustand, dringlicher Operation bei der Rückkunft u. s. w., u. s. w. mir so glänzend gut vorgemimt hatte, und für ihre Person ja unter anderem Namen gereist sein will, was natürlich heutigen Tages, wo Reisepaß mit Photographie vonnöten ist, undurchführbar erscheint.) Sollten nun ihre Helfershelfer, deren Übermacht wohl bekannt ist, auch noch so viele Papiere und Dokumente sich nun nachträglich beschaffen, für mich und jeden, der Zusammenhänge zu durchschauen vermag, ist die Wahrheit meiner obigen Darstellungen sonnenklar erwiesen. Dieser Brief aber, der zeigt, mit welchen Mitteln die Alliance israélite arbeitet, wenn es gilt, einen gefährlichen Gegner zu vernichten, soll nur dann durch Zusendung an maßgebende deutsch Gesinnte zur Veröffentlichung gelangen, wenn mich jene Macht durch ihr weiteres Verhalten dazu zwingen sollte, aus Notwehr zur Veröffentlichung zu schreiten.

B e r l i n ,  den 7. April 1919.

(gez.) Arthur T r e b i t s c h .

5 .

D a r s t e l l u n g  d e r  g e g e n  m i c h  t a t s ä c h l i c h  o d e r  a b e r z u m  Z w e c k e  d e r  E r r e i c h u n g  e i n e s  p s y c h o p a t h o l o g i –   s c h e n  Z u s t a n d e s  ( „ V e r f o l g u n g s w a h n s i n n “ )  v e r ü b t e n   A t t e n t a t e  i n  d e r  Z e i t  v o m  4 .  A p r i l  b i s  z u  m e i n e m V o r t r a g e  „ W i r  D e u t s c h e n  a u s  Ö s t e r r e i c h “  v o m  2 5 . A p r i l  1 9 1 9 .

Jeder Mensch, der absonderliche Dinge erlebt, die über das Maß des Gewöhnlichen und Alltäglichen hinausreichen, wird, falls diese Erlebnisse keine Zeugen oder doch nur ungenügende gehabt haben, in der peinlichen Lage sein, von den Leuten des Alltags, die keinen Einblick in eventuelle Motive und Zusammenhänge feindlicher Handlungen besitzen, für über- spannt, überreizt, ja geradezu für verrückt gehalten zu werden. So kann es denn denjenigen, die es darauf abgesehen haben, einen Menschen geistig zu vernichten, verhältnismäßig leicht gelingen, seine Glaubhaftigkeit und seinen gesunden Verstand bei den Menschen in Verruf zu bringen, zumal wenn jene alles, was gegen ihn unternommen wird, durch geschicktes Ineinanderarbeiten aller Beteiligten zu verschleiern und alle Spuren zu verwischen in der Lage sind.

Wenn ich nun darangehe, die Ereignisse eindringlich zu schildern, die nach meinem zweiten Vortrage „Deutscher Geist oder Judentum“ einsetzten, so bin ich mir völlig bewußt, Unglauben, Anzweifelung der Tatsachen, Mißbilligung, ja Bedenken gegen meine Wahrhaftigkeit und Beobachtungskraft bei allen jenen zu ernten, die da nichts wissen von der furchtbaren Macht des Judentums (Alliance israélite), seiner unnachsich- tigen Rachsucht, sobald einer wie ich die Grundfesten seines Daseins durch Einblick in seine Manöver zu gefährden versucht. Trotzdem ich mithin das hartnäckigste Anzweifeln der hier berichteten Tatsachen gelassenen Mutes voraussehe, halte ich es doch für meine Pflicht gegen das Deutschtum, demselben wenigstens die Möglichkeit zu geben, auf Grund der von mir dargestellten Ereignisse in die Kampfmethoden des Judentums Einblick zu gewinnen. Sollte dieser Versuch an der Ungläubigkeit, Trägheit des Erfassens, Phantasielosigkeit und Unterschätzung meines klaren Geistes scheitern, so will ich mich auch darein finden, mit dem beruhigenden Gefühl, meinerseits getan zu haben, was ich konnte, die

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verhängnisvollste  Macht,  die  das  Deutschtum  seit  einem  Jahrhundert gefährdet, ein einziges Mal restlos zu entlarven und zu durchschauen.

Als ich in meinem zweiten Vortrage „Deutscher Geist oder Judentum“ (20. März 1919) es klar aussprach, ich wisse sehr wohl, daß von diesem Tage an, wo ich die Zusammenhänge zwischen Freimaurertum, Judentum, Journalismus, Krieg und Untergang Deutschlands rückhaltlos besprochen hatte, auch mein Schicksal besiegelt sei und ich für mein ganzes Leben dem Gotte der Rache des Volkes Israel wohl ausgeliefert wäre, da hatte ich hinzugefügt: für mein Leben sei ich nicht besorgt, dazu seien die Juden zu schlau, um aus mir einen Märtyrer meiner ihnen gefährlichen Sache zu machen. Sie würden es wohl versuchen, mich dort, wo ihre Hauptmacht bestände, im Pekuniären also, zu ruinieren. Versuche dieser Art habe ich denn auch, wie die dieser Schrift beigegebenen Briefe an Frau A. (Nr. 1, 2, 3) sowie die Darstellung der geheimen Beziehungen dieser Frau zu der Alliance israélite (Nr. 4) kundtun, in der Folge zu entlarven gewußt.

Für all das Folgende ist es nun interessant und bezeichnend, daß, trotzdem in den soeben erwähnten Schriftstücken auf das nachdrücklichste von mir jener Frau und ihren jüdischen Helfershelfern versichert worden war, die erwähnten gefährlichen Briefe würden, falls man mich und die Meinen in jeder Beziehung unangetastet lasse, niemals veröffentlicht werden, man sich trotzdem entschlossen hatte, das Prävenire zu spielen und mich derart unschädlich zu machen, daß jene Briefe, falls sie doch einmal an die Öffentlichkeit gelangen sollten, auf alle Fälle gefahrlos und unglaubhaft geworden wären. Dazu gab es aber begreiflicherweise nur ein einziges Mittel: die Glaubwürdigkeit meiner Aussagen, die Erkenntniskraft und Wahrheit meiner Beobachtungen mußten derart entkräftet werden, daß jede wie immer geartete Veröffentlichung meinerseits gegen eine feste Mauer des Unglaubens, der Anzweifelung, ja der Mißachtung meines Geistes anprallen würde. Der einzige, aber zugleich wirkungsvollste Weg zu diesem Ziele war der, mich selbst für unzurechnungsfähig, mein Denken als gestört, kurz mich geradezu für wahnsinnig erklären zu lassen. Wäre es nun meinen Gegnern gelungen, dies durch ein geschicktes Ineinanderarbeiten aller ihnen zu Gebote stehenden Faktoren rasch zu erreichen, dann wäre wirklich für die Alliance israélite und ihren sträflichen Zusammenhang mit Frau A. nichts mehr zu befürchten gewesen, und die noch nie entlarvten Schwindelmächte hätten ewig weiter triumphiert und gesiegt, wie es ja die jüdische Schlauheit und Hinterlist im Kampfe gegen deutsche Redlichkeit, Ahnungslosigkeit und kindliche Treuherzigkeit seit jeher getan hat.

So wird es nun möglich sein, die „Attentate“, die ich im folgenden genauestens schildern werde, wohl eher für Scheinattentate zu halten, die mich psychisch derart irritieren sollten, daß sie mich vorerst in die Hände jüdischer Psychopathologen und von denen aus prompt und sicher in eine jener Anstalten verfrachtet hätten, von denen aus es keine Rückkehr in die menschliche Gesellschaft gibt oder doch nur eine durch das Stigma vorübergehender geistiger Störung belastete und erschwerte.

[admin: “… wir müssen unserer Psychiatrischen Anstalten mit antisemitischen Verrückten und unsere Gefängnisse mit antisemitischen Verbrechern füllen. Wir müssen Antisemiten verfolgen und bis an die Grenzen der Gesetze und darüber hinaus vernichten. Wir müssen unsere Antisemiten erniedrigen und quälen bis sie zu unseren Weggefährten werden …” (Rabbi Leon Spitz, American Hebrew, 01.03.1946)~admin]

Es ist klar, daß alles, was ich von da an geistig unternommen hätte, nicht mehr vollwertig gewesen wäre und ich den Kampf mit halben, weil angezweifelten Kräften, von niemandem unterstützt, von vielen als abnorm beargwohnt, bald hätte verzweifelt und in furchtbarer Ohnmacht aufgeben müssen. Man sieht, wie im Lichte solcher Einsicht all die folgenden Absonderlichkeiten einen guten Sinn bekommen und einen famosen Schachzug in dem Spiele derer darstellen, die genau wissen: einer von uns beiden, das Judentum oder ich, wird zum Schlusse zu Tode getroffen auf dem Kampfplatze sein Ende finden.

Nach dem Vortrage vom 20. März hatte ich mich, erschöpft durch die ungeheuren Anstrengungen, deren es bedurfte, diesen zweiten Vortrag über das Thema „Deutscher Geist oder Judentum“ überhaupt veranstalten zu können, für acht Tage nach Dresden zurückgezogen. Nur nebenbei will ich hier erwähnen, daß meine Post seit dem 30. Jänner, dem Tage meines ersten Vortrages über das angedeutete Thema, vollständig unter jüdischer Beobachtung steht und ich nachgewiesenermaßen nur solche Briefe bekomme, die jene mit psychologischer Wissenschaftlichkeit gegen mich vorgehenden Mächte als ihren Intentionen entsprechend ansehen, wofür zahlreiche Beweise jederzeit zu Diensten stehen. Habe ich doch sogar im Reichswehrministerium Briefe zur Überprüfung hinterlegt, welche, deut- schösterreichischen Inhalts, von mir nach Wien gesandt, als unstatthaft (!) von der Zensurstelle zurückgehalten worden waren und wohl nie in meine Hände rückgelangt wären, wenn ich mir nicht während der acht Tage meines Dresdener Aufenthaltes (21. März bis März) meine gesamte Post unter geheimer Chiffre hätte postlagernd nachsenden lassen. Als ich nun aber wieder zurückgekehrt war, schon gereizt und wachsam geworden durch Dresdener Erlebnisse, die hier aufzuzählen zu weitläufig wäre, da begann der entscheidende Kampf, der zu meiner geistigen Vernichtung führen sollte, und, ich kann es nicht anders sagen, mit Gottes Hilfe von mir siegreich bestanden worden ist!

[admin: GEZIELTES EINSCHLEUSSEN VON BEKANNTSCHAFTEN UND FREUNDSCHAFTEN UMD UEBLES ZU TUN.~admin]

Die acht Tage meiner Abwesenheit von Berlin waren jedenfalls von denjenigen, die die folgenden Scherze ausgesonnen hatten, zu Vorberei- tungen trefflich benutzt worden. An dem Stammtische in der zu meiner Wohnung gehörigen Weinstube, an welchem ich meine Mittagmahlzeiten einzunehmen pflege, befindet sich außer einem treuherzigen deutschen Ehepaare, einem Staatsanwalt a. D., Geheimrat 6 und Frau, den harmlo- sesten und redlichsten Menschen, die ich je getroffen habe, noch ein zweites, weniger einwandfreies Ehepaar, bestehend aus einem in Wien geborenen Bildhauer jüdischer Abstammung, der … 7 … -thal heißt und sich … 7 … -dal nennt, der den Titel Professor führt, ohne die Berechtigung dazu nachweisen zu können, und seiner Frau, einer geborenen Italienerin, welche mich vor meiner Ankunft in Berlin im Herbst 1918 in Wien gesehen und hier in Berlin bei dem Wirte 8 noch vor meiner Ankunft, als wären sie gute persönliche Bekannte, nach mir gefragt hatten. Zwar hatte ich dieselben niemals persönlich kennen gelernt, doch aber bewog mich diese Neugierde, als ich hierhergelangt, die Weinstube fast täglich frequentierte, mit dem Mann, der mir, als wäre er ein alter Bekannter, zuwinkte, ein paar Worte zu wechseln und so völlig arglos  die, wie es scheint, von dem Ehepaare gewünschte und vorbereitete Bekanntschaft anzubahnen. Herr 7 ist auch insofern eine problematische Erscheinung, als er tschechischer Untertan ist und trotzdem hier in den Zeiten des Aufruhrs mit der roten Binde am Arme in Wilmersdorf Wachdienste leistete, die allerdings – ich weiß nicht aus welchem Grunde – ein jähes Ende gefunden haben. Besagtes Ehepaar nun legte an mir und meinem Leben ein auffallendes Interesse an den Tag, ich saß bald, ohne eigentlich rechte Sympathie für sie empfinden zu können, an ihrem Stammtisch. Sie baten mich um Schriften, die ich ihnen borgte, ohne sie zurückzuerhalten, und sie besuchten meinen ersten Vortrag über das Judentum, den 7 mit großer Teilnahme gehört zu haben vorgab, obgleich sein Inhalt ja für ihn eher peinlich gewesen sein mußte. Auffallend an diesem Manne war es mir, wie er sich psychisch an mich heranzumachen versuchte, mir bald von einer Wahrsagerin erzählend, die merkwürdige Voraussagungen, die Wort für Wort einzutreffen pflegten, ihm gemacht habe, bald, wenn er meine vollständige Abneigung gegen jeden derartigen Aberglauben bemerkte, mit anderen Vorschlägen an mich herantrat. Mir wäre all dies nicht weiter aufgefallen, wenn nicht die seltsame Schadenfreude der beiden mich befremdet hätte, als mein zweiter Vortrag „Deutscher Geist oder Judentum“, der zuerst auf den 7. März angesetzt gewesen war, infolge des Streikes und des dadurch völlig ausgebliebenen Besuches verschoben werden mußte. Als ich mit unerschütterlicher Ruhe darauf hin verwies, dieser Vortrag werde nun eben am 20. März stattfinden, da war mein Argwohn gegen diese Leute schon rege geworden, der den Höhepunkt der Wachsamkeit erreichte, als der Mann nach wirklich stattgehabtem zweiten Vortrag mit Ahnungslosigkeit heuchelndem Angesichte mir versicherte, er hätte gar nicht gewußt, daß der Vortrag nun tatsächlich doch stattgefunden hätte. Da ich nun aber sehr gut beobachtet hatte, welche wache Aufmerksamkeit die beiden sowohl meiner Beziehung zu Frau  A., die sie durch mich auch hatten kennen gelernt, als namentlich den ganzen Vortragsangelegenheiten schenkten, so ahnte ich allmählich, daß diese beiden als Aufpasser und Spione, wenn nicht als Schlimmeres, in meinem Leben noch eine Rolle spielen sollten. Hatte doch die Frau nicht unterlassen, wenn ich mit ihr allein war, mit glühenden und verführerischen Blicken um sich zu werfen, ja mich ihrer völlig freien Weltanschauung in punkto Liebe zu versichern, wobei ich einen bösen Ärger ob meiner völligen Teilnahmslosigkeit für ihre Reize des öfteren beobachten konnte. Als ich jedenfalls nach meiner Dresdener Reise erholt und erfrischt zurückkehrte, da konnte ich an der Art dieser beiden, deren Anblick jedem Juristen rascher über ihr Wesen Aufschluß geben könnte als lange Beschreibungen, eine lauernde Feindseligkeit bemerken.

Schon während der Zeit von meinem ersten zu meinem zweiten Vortrage hatte ich oft an arger Mattigkeit zu leiden, wofür Herr 10 Zeuge sein mag, der mich damals gerade porträtierte und mit Staunen die von Tag zu Tag wechselnde Physiognomik, die zunehmende Mattigkeit meines Blickes, die wachsende Erschöpfung in meinem Wesen konstatieren konnte. Beim zweiten Vortrage selbst hatte ich eine von meinem Arzte Dr. 4 einige Tage vorher agnoszierte mächtige Schwellung der linken Ohrspeicheldrüse (Parotis), eine recht ungewöhnliche Erkrankung, die der Arzt staunend und kopfschüttelnd feststellen mußte. Die Schwellung ließ bald nach und auch die Müdigkeit verlor sich während meiner acht Tage Dresdener Aufenthaltes. Als ich aber zurückkehrte, da begann ich die ersten Tage an einem Blutandrang zum Gehirn, einer auffallenden Verstopfung der Nasengänge und abermals an der merkwürdigen Schläfrigkeit der früheren Tage zu leiden. Ein Kinderspiel aber blieben all diese  seltsamen und im Grunde schwer zu kontrollierenden Phänomene gegen das erste Ereignis, welches ich geradezu als Attentat bezeichnen muß, wenngleich ich heute gar sehr im Zweifel bin, ob – wie bereits erwähnt – das Attentat nicht mehr zum Zwecke einer psycho-pathologischen Beeinflussung meines Geisteszustandes, denn zu wirklicher Vernichtung geplant und ausgeführt worden war.

Ich hatte den bösen Blutandrang zum Gehirn, die unheimliche Verstopfung der Nasengänge stets mit meinem Allheilmittel Aspirin verhältnismäßig gut zu bekämpfen gewußt. So hatte ich in der Nacht vom zum 4. April mich mit Aspirin vor dem Einschlafen zu erleichtern gewußt, in der Nacht vom 4. auf den 5. April aber geschah, was hier einer eingehenden Schilderung unterzogen werden soll. Mir Überspanntheit, Wahnvorstellungen, Traumphantasien zuzumuten, ist eine völlige Unmöglichkeit bei dem nachgewiesenermaßen herrlich traumlosen Schlaf, der in meinem Leben die Regel ist. Ich kann mich nicht erinnern, im Laufe der letzten zehn Jahre mehr als drei- oder viermal geträumt zu haben. Da waren immer entweder eine Magenverstimmung oder aber ganz bestimmte tiefere seelische Erregungen schuld, die sich bei mir ab und zu in einen gleichnishaften, aber niemals beängstigenden Traum umzusetzen pflegen. Was ich aber in der Nacht vom 4. auf den 5. April erlebte, hatte so gar nichts Traumhaftes, war so sehr rein physiologischer Natur und von keinerlei Gedanken und Visionen begleitet, daß ich die Zumutung einer Halluzination mit voller Entschiedenheit als geradezu aberwitzig von mir weisen muß. Ich war in dieser Nacht in einen schweren, eher etwas betäubten Schlaf verfallen und erlebte, aufwachend und ruhig beobachtend, ein Ereignis, das ich in folgendem genauestens zu beschreiben versuchen will.

Mich schreckte aus dem Halbschlummer mit einem Male etwas auf, was ich am ehesten mit einer über mein Gesicht hinstreichenden heißen und schweren Welle vergleichen möchte. Das unheimliche Phänomen war mit einem entsetzlichen Wirbel im Hirn verbunden und – bei allem Entsetzen doch ruhig beobachtend – fühlte ich bald darauf mein Herz (dessen beste Beschaffenheit mir von einem ärztlichen Freunde vor Jahren als seltenste Gabe war gerühmt worden) in ein wildes Zittern und Zucken verfallen. Von der Bettwand abgekehrt, behielt ich Besinnung genug, meine Erregung zu bemeistern und keinerlei aufgeregte Bewegungen oder Atmungen vorzunehmen. Das Wirbeln im Hirn, das beängstigende Zittern des Herzmuskels ließ nach, und als ich völlig wach werdend, auffuhr, war das Entsetzliche vorüber und das Nachttischlämpchen andrehend, blickte ich verstört um mich und sah, nach allen Seiten Ausschau haltend, an der Wand über meinem Kopfe zwei Löcher, die ich die Tage vorher kaum beachtet hatte, die aber deutlich vierkantig nebeneinander gestanden waren, völlig verändert: sie waren wie von einem von außen kommenden Strom zugeschüttet, so zwar, daß man sie jetzt kaum mehr bemerken konnte und ich annehmen mußte, daß durch diese beiden Öffnungen, die ja gerade über meinem Kopfe angebracht waren, jener rätselhafte Strom auf mich eingedrungen sein mußte, da ja die Veränderung der Löcher, die mir nun infolge ihrer Veränderung eben erst recht zum Bewußtsein kamen, eine unbestreitbare Tatsache war. Sahen die beiden Löcher vor dem Ereignis etwa so aus: [kein Bild]

der mir zu erweisen schien, daß ein hindurchgegangener Luftzug die von meinem Zimmer aus scharfkantig gestemmten Öffnungen, etwa gut vorbe- dacht, zugeschüttet hätte. Statt mich nun zu erschrecken, brachte dieser Anblick, der durch seine Wirklichkeit einem Menschen meiner primären Art das Unheimliche ja wesentlich milderte und erklärte, mich eher zur Ruhe, und mit dem gelassenen Gedanken: wenn das ein Attentat gewesen ist, das durch diese Löcher auf dein Leben eindrang, so brauchst du dich nur umzudrehen und hast nichts weiter zu befürchten, legte ich mein Kopfkissen an das Bettende, drehte mich herum und verfiel nach einigem Grübeln in einen ruhigen Schlaf, der mich zur gewohnten Stunde erst wieder verließ. Ich glaube, die Ruhe und Geistesgegenwart, mit der ich dies vornahm, spricht gerade nicht für überreizte Nerven und besondere Ängstlichkeit, noch auch für phantastische Einbildungen irgendwelcher Art. Am nächsten Morgen betrachtete ich mir die Löcher nochmals genau und konnte nun bei ruhiger Überlegung mit aller Bestimmtheit konstatieren, daß sie jetzt beinahe unsichtbar und wie von innen zugeschüttet erschienen, indes in meiner Erinnerung immer deutlicher der Anblick der früheren, vierkantigen, schwarzgähnenden Löcher auftauchte. Um jedenfalls auch das Mädchen nichts merken zu lassen, legte ich des Morgens mein Kissen wieder an die gewohnte Stelle und war begreiflicherweise sehr gespannt auf das Benehmen des Ehepaares, das mir nun einmal als im Komplotte gegen mich stehend verdächtig geworden war. Auffallend war nun, als das Ehepaar erschien, daß der Mann, der immer unheimlich blaß, hohlwangig und herabgekommen aussah, so daß meine Freunde ihn „das grüne Gesicht“ zu nennen gewohnt waren, noch matter und eingefallener als gewöhnlich erschien, indes die Frau mit überreizter Lustigkeit von den Lustbarkeiten der vergangenen Nacht berichtete, die sie bis spät am Morgen durch alle möglichen Lokale geführt haben sollten, was der Mann nachhelfend bestätigte. Ich konnte mich des Eindrucks von Komplizen, die es in ihrem schlechten Gewissen für nötig finden, ein Alibi zu konstruieren, nicht erwehren, zumal die schnellen und prüfenden Blicke auf meine Person, die ich aus dem Augenwinkel beobachten konnte, sowie rasche Verständigungsblicke des Paares auffallender denn je zu Tage traten.

Am nächsten Morgen, Sonnabend, den 5. April, bedachte ich zum ersten Male, wie unheimlich isoliert und wehrlos ich doch in diesem Hause wohnte, da sich das ganze Hausgesinde des Tags über und bis spät in die Nacht unten in der Weinstube befand, so zwar, daß ein Besuch, der an meiner Haustür klingelte, nur Einlaß erhielt, wenn ich selber öffnete, da ja niemand das Klingeln vernahm und auch mein Klingeln in der Wohnung bei dem zumeist leerstehenden Stockwerke wirkungslos bleiben mußte, wenn das gesamte Hauspersonal sich unten in der Weinstube befand, was zumeist bis 5, 6 und 7 Uhr morgens der Fall war!! So war mir denn für den Fall böser Anschläge gegen mein Leben meine Wohnung geradezu als ein Ideal hierzu erschienen, und ich entschloß mich denn doch, für etwas mehr Sicherheit zu sorgen. Schon Sonnabend vormittags hatte ich mich in die gleich neben meinem Hause gelegene Schlosserei begeben, ein Vorhängeschloß anzubringen, welches wenigstens den Eingang zu meiner Türe sichern mochte, und merkwürdig, der Schlosser selbst konnte zwar nicht kommen, aber in dem Geschäftslokale stand ein Bursche, der sich mir als Maschinenarbeiter zur Verfügung stellte, das Schloß sofort anzubringen. Völlig arglos nahm ich den vertrauenswürdig Aussehenden mitsamt dem neuerstandenen Vorhängeschloß in meine Wohnung, woselbst er  mir dieses folgender- maßen anbrachte: [ kein Bild]

Nebenbei bemerkt gab ich dem wackeren Manne zwei Schlösser aus meinem Schreibtisch und meinem Kasten als Größenmaß mit, um mir sichere (Dosesche) Schlösser an ihrer Stelle anbringen zu lassen. Der Mann aber, der mir das Vorhängeschloß so sinnreich angebracht hatte, kam nicht wie versprochen am nächsten Morgen mit den eingekauften Schlössern zurück, sondern war auf Nimmerwiedersehen verschwunden, was mich recht sehr nachdenklich stimmte, als ein Freund, der mich Sonntag, den 6. April, abends besuchte und dem ich freudig das neue Schloß präsentierte, mir lachend bewies, daß er dasselbe von außen mit der Hand zu öffnen vermochte und es mithin nicht die geringste Sicherheit böte! Wenn man sich in die gewiß vortreffliche Psychologie meiner Gegner hineindenkt, ist es gar nicht so schwer sich vorzustellen, daß sie, meinen Wunsch nach Sicherung vorausahnend, einen „geeigneten Mann“ in die Schlosserwerkstätte entsendet hatten, das Schloß in „passender“ Weise anzubringen. Mag diese Deutung auch hypermißtrauisch erscheinen, das Folgende wird solche Annahme für berechtigt erscheinen lassen. Gleich am nächsten Morgen, Montag, den 7. April, bat ich den Schwager des Wirtes herauf und brachte unter eigener Aufsicht das Sicherheitsschloß derartig an, daß die Kette beim Einsenken ebenso gespannt wie im niedergesunkenen Zustande, nur eine kleine Spalte der Türe zu öffnen gestattete und nun wirklich als Sicherung gelten konnte. [kein Bild]

Als ich am Montag gegen 10 Uhr nachts (nach dem Theater) in meine Weinstube zum Abendessen kam, erfuhr ich etwas recht  Sonderbares: Herr 8, der Wirt, der ansonsten in unermüdlicher Tätigkeit sein Geschäft betreibt, hatte trotz des Wochentages ab 5 Uhr nachmittags in seinem an meine Wohnräume anstoßenden Speisezimmer mit seiner Frau den Besuch jenes wackeren bereits erwähnten Ehepaares 6 empfangen und war volle fünf Stunden mit diesem Ehepaare und seiner Frau beisammengesessen, hatte mit ihnen erst den Tee und später das Abendbrot eingenommen, was alles ich von dem Ehepaare 6 persönlich erfuhr, die nach 10 Uhr erschöpft und ermattet von dem allzu langen Beisammensitzen und Schwatzen herunterkamen und sich bei einer Flasche Wein von den Strapazen des langen Besuches erholten. Sie betonten selber, wie ermüdend es gewesen wäre und wie merkwürdig man ihnen zugesetzt habe, auch zum Abendessen oben zu bleiben, daß ihnen die Wirtsleute beim Fortgehen auch meine Wohnung gezeigt hätten, die ja ganz reizend und gemütlich sei. War mir all dies schon recht sonderbar erschienen, so kam ich des Nachts, als ich mich auskleidete und ein Blick auf die Wand mir eine neuerliche Veränderung der beiden Löcher darzeigte, auf einen sonderbaren Gedanken, der in den Ereignissen des folgenden Tages seine Bestätigung finden sollte. Da nun nämlich das Vorhängeschloß, das geschlossen zu halten ich den strengen Auftrag gegeben hatte, nicht mehr ohne weiteres offen stehen konnte, so erschien mir das auffallend lange Beisammensitzen mit dem Ehepaare unmittelbar anstoßend an den Vorraum, der während dieser Zeit, wo doch die Hausleute so nahe zur Eingangstüre saßen, ruhigen Gewissens offen gelassen werden konnte, als ein Zeitraum, der zu irgendwelchen Veränderungen in meiner Wohnung trefflich geeignet sein konnte. Die Löcher an der Wand aber waren in der Tat verändert, sie waren weder vierkantig wie im Anfang, noch zugefallen und fast unsichtbar wie nach jenem seltsamen Ereignis, es waren nunmehr zwei unregelmäßige belanglose Löcher, wie sie eben dort zurückbleiben mögen, wo einmal zwei Wandhaken in die Wand geschlagen gewesen sein mochten. Diesen dritten Anblick* gewähren die beiden Öffnungen auch heute noch. Der nächste Morgen aber sollte mich in erschreckender Weise davon überzeugen, daß dieser lange Nachmittag bei zugänglicher Eingangstür wohl auch zu anderem gedient hatte als zur Verschleierung des Vergangenen: zur Vorbereitung neuer Überraschungen für mich!

Denn als ich am nächsten Morgen durch den scharfen Klingelzug der Briefträgerin aufgeschreckt aus dem Bette sprang und meine Post in Empfang nahm, da gewährte ich mir selbst, einen Augenblick darauf in mein Zimmer zurückgekehrt, einen sonderbaren Anblick. Aus nicht weniger als drei Stellen meines Körpers rann in ziemlicher Heftigkeit das Blut, und zwar an den Zeigefingern meiner rechten

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* Die mysteriösen Löcher an der Wand (3. Stadium) wurden von meinen Freunden genauestens beaugenscheinigt. Zwar brachten dieselben aus der Lochtiefe eine bräunliche Masse hervor, die entweder Lehm oder Kitt, sicherlich aber weder Kalk noch Mörtel noch Ziegelsteinabfall war, so daß sie schon ein bißchen unsicher in ihren Urteilen zu werden begannen; dann aber inspizierten sie den Boden unter den Löchern und wiesen mir triumphierend nach, daß hier wochen-, ja monatelanger Staub gleichmäßig und unverändert liege. Damit sei jeglicher Argwohn für sie behoben. Dieses „Untersuchungsergebnis“ ist unendlich bezeichnend für die Psychologie von Menschen, die suchen und – nicht finden wollen, denn da ihnen meine ganzen Berichte ja als Hirngespinste erschienen, war ihnen der befremdliche Lehm oder Kitt aus dem Innern der Mauer ausgesprochen lästig. 1 versuchte es mit Rabitzmauern zu erklären (aus welchen natürlich Portland-Zementstaub, aber sicherlich weder Lehm noch Kitt zum Vorschein käme!), aber wie beseligt atmeten sie auf, als sie den harmlosen Boden agnoszierten, der sie der Mühe und Lästigkeit weiterer Nachforschungen, dem Unbehagen ob der Verpflichtung, nun doch für die

 

und linken Hand sowie an einer scharfen Querschnittwunde meines linken Unterschenkels, was mich im ersten Moment begreiflicherweise recht verdutzt machte. Die heftigen Blutungen an den Fingern fanden bald und unschwer Erklärung. Die Kanten des Vorhängeschlosses waren so scharf, daß ich beim Darüberfahren mit dem Finger die messerartige Schärfe empfinden konnte, ja die Blutspuren meiner eigenen Verwundungen an den scharfen Rändern noch festzustellen vermochte. Nun aber war ich tags zuvor dabei gewesen, als das Vorhängeschloß umgeschraubt worden war, hatte selber des öfteren probeweise die Kette auf- und niedergleiten lassen, ohne die geringste Verletzung davonzutragen, ich ebensowenig wie der Schwager des Wirtes, Herr 9, der die Anschraubung vorgenommen hat. Ich bin gern bereit, ein Dutzend beliebiger Vorhängeschlösser einem Skeptiker vorzulegen, um zu beweisen, was mehr als selbstverständlich ist, daß kein Mensch die Ränder der Rinne, in welcher die Halbkugel auf- und niederläuft, scharfkantig fabriziert, was ja vollständig sinnlos wäre, da das Metall darunter leiden würde und zu einer scharfen Schneide nicht der geringste Grund vorliegt. Ich selber mußte, nachdem ich meine Finger hatte tüchtig ausbluten lassen und der herbeigerufene Dr. 4 die drei Wunden rasch verbunden hatte, mit einer Feile rundum die messerscharfen Kanten abfeilen, damit weder ich noch ein anderer sich weiterhin daran verletze. Mir war es sofort sonnenklar, daß der vorhergehende Nachmittag zu diesem sinnigen Schabernack verwendet

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Untersuchung der Nebenwohnung zu sorgen, wohltuend enthob. Gerade aber die Tatsache, daß keine Spuren irgendwelcher Veränderungen jener Löcher zu finden waren, ist für mich der Beweis einer sorgfältig vorbereiteten und in all ihren Spuren mit peinlicher Akkuratesse verwischten Arbeit. Wer aber ein Loch in die  Mauer schlägt und nicht will, daß Mauerstaub sichtbar zu Boden fällt, der braucht nur während der Arbeit unter die Löcher ein scharfkantiges Metall oder einen Steinkörper recht fest an die Wand zu drücken (eventuell mit Stoff überspannt), der allen Abfall auffängt, der dann langsam und sorgfältig mit dieser improvisierten Unterlage entfernt werden kann, so daß auch nicht das kleinste Stäubchen zur Erde fällt. Es ist klar, daß derjenige, der ein derartiges raffiniertes Attentat vorhat, auch schlau genug ist dafür zu sorgen, daß seine Arbeit keine sichtbaren Spuren auf dem Boden zurückläßt. Wer diese Schrift liest und etwa gar eines meiner Bücher kennt, wird mir wohl genug klare Beobachtungsgabe zutrauen und in den dreifach veränderten Löchern keinerlei Hirngespinste erblicken, sondern das, was es war: ruhige, scharfe Beobachtung eines aufmerksamen, kühlen Beobachters.

 

worden war. Weniger verständlich indes blieb die tiefe Schnittwunde im Bein, die auf dem kurzen Wege vom Bette zur Tür, auf welchem ich ja mit meinem Bein an nichts anderem als an meinem losen Schlafrock ange- kommen war, sich vollzogen haben konnte. So blieb mir denn als einzige Erklärung, daß diese Verwundung, für die Herr Dr. 4 ebenso wie für die beiden anderen jederzeit als Zeuge vernehmbar ist, nur im Bette selbst, und zwar beim Heraussteigen und über die Matratze mit dem Bein hinfahrend, geschehen sein konnte. Nun aber bedachte ich, nachdem ich diese Wunde mit einem Messer vertiefte und tüchtig hatte bluten lassen, daß ich nach dem ersten Attentate ja in umgekehrter Lage im Bette schlief, so daß jene Verwundung, die dem Beine nur zufällig beim Vorüberstreifen zuteil geworden war, bei umgekehrter Lage wohl schon des Nachts, und zwar in den Rücken, erfolgt worden wäre, dort nicht als Schnitt des vorüberstreifenden Beines, sondern wohl eher als Stich in den Rücken, der kaum hätte wahrgenommen werden können. Diese Erwägungen, verbunden mit der Rückerinnerung an das unheimliche  Ereignis vom 4. auf den 5. April, vermochte mich noch dermaßen zu beunruhigen, daß ich, um auf alle Fälle gesichert zu sein, mich entschloß, für jenen zwar unwahrscheinlichen, aber doch möglichen Fall einer Vergiftung das einzige im Bereiche der Möglichkeit liegende Gegenmittel anzuwenden. Da ich nun aber beinahe als Antialkoholiker lebe, so vertraute ich für einen derartigen Fall fest auf Alkoholwirkung, bestellte mir sofort nach Fortgang des Arztes bei meinem Wirte seinen besten Kognak im Werte von 100 Mark und trank, nachdem ich meine treue Freundin Frau C. zur Sicherheit zu mir gebeten hatte, einen vollen Viertelliter dieses schweren Kognaks in einem Zuge. Es war inzwi- schen Mittag geworden und ich hatte gerade nur noch Zeit, zum Kanapee zu taumeln und verfiel nun in einen stundenlang währenden bleischweren Schlaf, aus dem ich erst gegen 6 Uhr abends ohne jede Spur einer Alkohol- vergiftung oder sonstiger unangenehmer Folgen erwachte. Ich bin nicht genug medizinisch gebildet, dies zu erklären, glaube indes nur gehört zu haben, daß Alkoholvergiftungen in jenen Fällen nicht eintreten, wo der Alkohol im Körper ein Gift vorfindet, das er zu paralysieren habe; gebe es der ärztlichen Fachkenntnis anheim, den Fall nach der medizinischen Seite hin zu beurteilen. Es ist begreiflich, daß der Gedanke, einer Vergiftung entronnen zu sein, mich in einen psychisch erregten Zustand versetzte, der in meinem Benehmen meinen Freunden gegenüber wohl deutlich zum Ausdruck kam.

Nun aber ging mir denn doch vielerlei im Kopfe herum und auch der Zustand, daß ich selber stets die Tür meines Hauses öffnen mußte, weil ja kein Klingelzug die Wirtsleute erreichte, erschien mir so unhaltbar, daß ich noch am gleichen Tage für den nächsten Morgen einen Monteur bestellte, der die Klingel des Hauses bis zur Küche hinunterlegen sollte, die auf jeden Fall und namentlich, wenn mir selber in meiner Wohnung jemals etwas zustoßen sollte, das Herbeirufen von Menschen ermöglichte. Es ist von mir, wie mir wohl jeder zugeben wird, eine mehr als billige Forderung, in einer Wohnung, die ich als „mit Bedienung“ gemietet hatte, derart untergebracht zu sein, daß auf ein Klingelzeichen auch wirklich ein Mensch sich zeigt, so daß mein Verlangen nach einer tatsächlich wirkenden Klingel mehr als berechtigt erscheinen dürfte! Denselben Abend hatte ich jedenfalls mit der genannten Dame und meinem lieben Freunde, Herrn 10, noch in heiterster Weise verbracht, so merkwürdig schnell über die unangenehmen Wirkungen des Geschehnisses mir hinweghelfend. Nachdem ich aber am nächsten Morgen den Klingelzug bestellt und beim Weggehen darauf bestanden hatte, daß hinter mir das Vorhängeschloß wohl zugemacht werde, blieb ich bis gegen Mittag in der Stadt, mußte jedoch um halb zwei Uhr zurückkehren, da mich für diese Stunde Frau D., die gewesene Frau meines Jugendfreundes Dr. 11, der sie einige Wochen vorher – wie es scheint nach ehelichen Streitigkeiten – fluchtartig verlassen hatte, um nach Wien zurückzukehren, in der Weinstube erwartete.

Es wird nötig sein zum Verständnis des nun folgenden, über diese Dame einiges Erklärendes hier beizufügen. Frau D. ist der Typus der russischen Jüdin, als welche sie denn auch bei einem bekannten Schriftsteller ein Jahr vorher von einem Russen alsogleich agnosziert worden war (als Beleg ein Brief des genannten Schriftstellers). Diese Frau, die als Schauspielerin sowohl in Berlin als auch in Wien jahrelang tätig gewesen war, hatte den Zusammenhang mit ihrer russischen Heimat nie ganz verloren und so denn auch einige Jahre vor dem Kriege eine Schauspieltournee nach Rußland mit einem Jugendfreund unternommen. Den Krieg hatte sie außerhalb Deutschlands verbracht, wie ich glaube in Schweden oder Norwegen, in welcher Eigenschaft oder Mission ist mir nicht bekannt. Jedenfalls steht es fest, daß sie ihr russisches Judentum verleugnet und so auch mit meinem Jugendfreunde meinem ersten Vortrag beigewohnt hatte, der allerdings, wie ich im Laufe unseres Verkehres bemerken konnte, zu heftigen Zwistigkeiten zwischen den Ehegatten geführt zu haben schien. Sie liebte es, per „wir Christen“ von sich zu reden, so nach altgewohnter jüdischer Weise mit der Taufe ein unleugenbares Judentum wegzueskamo- tieren versuchend. Besagte Dame nun hatte mich bereits vor meinem zweiten Vortrage dringlich angerufen, um, wie sie sagte, mir über sich und 11 (den entflohenen Gatten) Auskünfte zu erteilen, was ich voll Freundlichkeit auf die Zeit nach meinem Vortrage verschob, dieweil mir schon damals die Intentionen dieser Dame eher als feindliche erschienen waren; witterte ich doch in ihr seit langem etwas wie eine russische Revolutionärin und ahnte in einer solchen den grimmigsten Haß gegen all mein Denken und Handeln. Meine Reise nach Dresden enthob mich damals eines Zusammentreffens, in diesen Tagen aber hatte mir Herr 8, der Wirt, mit bedeutsamer Miene bereits einmal mitgeteilt, daß jene Dame in der Weinstube gewesen wäre und vergeblich nach mir gefragt hätte. Nun aber hatte sie tags zuvor mich telephonisch angerufen und mit mir ein Stelldichein für jenen 9. April, halb zwei Uhr mittags, in besagter Weinstube verabredet. Als ich nun um halb zwei Uhr mich meiner Wohnung näherte, wollte ich doch – heute kann ich selber nicht mehr sagen, aus welchem dunklen Instinkt heraus – vorher einen Blick in meine Wohnung werfen, öffnete die Türe der Weinstube und bat Herrn 8, den Wirt, jemanden hinaufzuschicken, der mir das Vorhängeschloß entriegele. Er nahm dies zur Kenntnis, ich ging hinauf, wartete vor der Türe, läutete mehrmals heftig, niemand kam. Nachdem ich mehrere Minuten unwillig und wütend gewartet hatte, eilte ich wieder hinunter und äußerte voll Entrüstung gegen den Wirt mein Befremden, daß man mich vergeblich vor meiner eigenen Türe warten lasse. Jetzt aber erhielt ich nach einigem Zögern den sonderbaren Bescheid, der – wenn er auf Wahrheit beruht hätte – mir ja wohl sofort zuteil geworden wäre, es sei die Türe zum Oberstockwerk ins Schloß gefallen, der Schlüssel befinde sich in der Wohnung, und so könne nun niemand hinaufgehen, mir zu öffnen. Der Klempner müsse geholt werden, die rückwärtige Türe aufzusperren. Schon durch die Ereignisse der letzten Tage mißtrauisch geworden, merkte ich den flackernden, ausweichenden Blick des Wirtes, vermutete vorerst nur den Versuch, mich durch diesen Vorwand gleichsam dafür zu strafen, daß ich durch mein Vorhängeschloß den Leuten neue Schwierigkeiten bereitet hatte. Als ich aber hinaustrat und bedachte, daß mich um eben diese Stunde Frau D., die russische Jüdin, in dem Restaurant erwartete, da glaubte ich in dem Ganzen doch einen niederträchtigen Zusammenhang zu erblicken, meinte zu ahnen, daß mir, während ich unten wohl kontrollierbar mit der Dame sitzen würde, meine Wohnung verschlossen bleiben sollte, vermutlich zu etlichen Vorbereitungen, die da mit Hilfe jener Frau vielleicht zu weiteren  Attacken gegen mein Leben oder doch gegen meine Sicherheit hätten führen können. Und als ich, dies blitzschnell erwägend, wieder vor die Türe trat, nachdem ich den Wirt sehr ernst um sofortige Eröffnung der rückwärtigen Türe gebeten hatte, war mein Ingrimm so groß, mein Wunsch, eine etwaige Teufelei zu entlarven, so mächtig, daß ich – als ich eine zum Zwecke öfterlicher Reinigung an den Balkon meiner eigenen Wohnung angelegte Leiter erblickte – rasch entschlossen diese Leiter zu meinem eigenen Balkon emporklomm, über die Brüstung sprang, mit einigen Hieben des Ellenbogens die Scheiben der Balkontüre zerbrach und durch diese Öffnung nun mit raschem Sprunge in meine Wohnung einstieg. Ich gebe gern zu, daß dies Benehmen ein ungewöhnliches war. Wie ich nachher erfuhr, hatte es auf der Straße großes Aufsehen erregt und die Leute waren zum Wirt gestürzt, ihn vor dem Einbrecher zu warnen. Ich gestehe aber offen, daß mir dies Aufsehen eher recht war, weil ich so erhoffte, daß sich jene Leute, die sich bisher mit Attentaten auf meine Person erlustiert hatten, sich denn doch etwas ängstlich fühlen würden. Kaum war ich in meiner Wohnung, so kam vom Wirte heraufgeschickt das Töchterlein merkwürdig rasch mit dem Schlüssel zu mir, das ich mit einigem Befremden fragte, wieso sich denn der Schlüssel so schnell gefunden habe. Hierauf kam die sonderbare Antwort, der Klempner wäre sofort dagewesen. Als ich nun aber fragte, warum sie denn dann nicht etwas früher gekommen wäre, kam die noch sonderbarere, noch unwahrscheinlichere Antwort, der Schlüssel hätte erst zum Klempner gebracht werden müssen zum Zwecke der Anfertigung eines zweiten!! Diese verlegen gegebene Auskunft des wohlinstruierten Mädchens war eine so blödsinnige, die Tatsache der vom Klempner geöffneten Tür so unwahrscheinlich bei dem raschen Auftauchen des durch die eingeschüch- terten Leute nach oben gesandten Mädchens, daß mir diesmal mit voller Sicherheit mein Argwohn als berechtigt erschien und erscheint. Erwähnen will ich nur noch, daß die äußerst gutmütige und harmlose Schwägerin des Wirtes von der ganzen Sache nichts wußte, da man sie wohlweislich um die erwähnte Zeit weggeschickt hatte. Ich bedurfte einer halben Stunde, um mich zu verbinden, denn ich hatte mir am Ellenbogen eine große Schnittwunde zugezogen, und als ich gegen zwei Uhr die Weinstube wieder betrat, da war Frau D., die mich zum Rendezvous bestellt hatte, nicht da. Aus den Fragen an den vor Wut und Erregung zitternden Wirt konnte ich nicht entnehmen, ob sie dagewesen war, bin aber überzeugt, daß sie von meinem befremdlichen „programmwidrigen“ Benehmen bei der Ankunft unterrichtet, schleunigst  Kehrteuch gemacht hatte, um zu verduften, wie es derjenige tut, dem eben ein Plan in ärgerlicher Weise durchkreuzt worden ist. Wem all dies als Überkombination und Tüftelei erscheinen mag, dem möchte ich zu bedenken geben, daß Frau D. mir weder an diesem noch einem der folgenden Tage das geringste Lebenszeichen gab, wie es doch harmloserweise mehr als natürlich gewesen wäre, wenn sie, die mich zu einem Rendezvous gebeten hatte, etwa zufällig plötzlich verhindert gewesen wäre. Wer aus all diesen Zusammenhängen und dem totalen Stillschweigen dieser Frau die ganzen folgenden Tage keine Schlüsse ziehen will, der – das erkläre ich feierlich – ist nicht imstande, Zusammenhänge irgendwelcher Art zu durchschauen und mag seine eigene Phantasielosigkeit dafür verantwortlich machen, wenn mein Benehmen in diesen und ähnlichen Fällen ihm als verfolgungswahnsinnig erscheint. Als jedenfalls am nächsten Morgen der Elektriker erschien, der, von mir beauftragt, daranging, die Löcher in die Mauer zu bohren, um die Klingelzüge meiner Haustür und meiner Wohnung nach der unten befindlichen Küche zu verlegen, da war die Aufregung im Hause über diesen schon früher angekündigten Schritt meinerseits eine maßlose. Der Wirt zitterte und tobte geradezu als ich hinunterkam, schob seine unverkennbare Wut auf das völlig belanglose Lichtlein, das der Elektriker zur Legung seiner Leitung andrehen mußte. Es entstand ein furchtbares Streiten, Schreien und Durcheinanderhasten, und als ich gelassen nach oben ging, um die Arbeit zu beaufsichtigen und den Monteur zur Eile anzuspornen, da erschien die Wirtin, bleich vor Wut und Erregung, und es entspann sich ein mehr als heftiger Disput, in welchem ich mich vergeblich bemühte, die verstörte und tobende Frau zu beruhigen. Im Verlaufe des Wortwechsels aber gestattete sich die Wütende, mich mit dem, wie es scheint, wohlvorbereiteten Satze: „Mit Ihnen ist‘s ja überhaupt nicht auszuhalten, Sie sind ja geradezu verfolgungswahnsinnig“ zu apostro- phieren. Als dieses Wort gefallen war, da wußte ich, woran ich war. Frau A. hatte ja das Wort auch so gern gegen mich gebraucht und meinem Freund 1 bei einer der letzten Unterredungen geradezu angekündigt, sie würde mich als verrückt unschädlich zu machen wissen. Dies in Verbindung mit dem soeben Gehörten reifte meinen Entschluß – was ich im Kampfe gegen die Judenschaft die ganze Zeit über getan hatte, auch nun zu tun: das Prävenire zu spielen und mich in den Schutz ehrlicher deutscher Ärzte zu stellen, um so gegen alle etwaigen jüdischen Teufeleien gesichert zu sein. Denn aus Ereignissen meiner früheren Wiener Jahre wußte ich allzu gut, was jüdische Psychiater imstande waren, wenn es galt, einen geldmächtigen oder einflußreichen Mißliebigen aus dem Wege zu räumen (der Fall Girardi-Odilon – Baron Rothschild). In meinem Falle nun vollends, wo über der Alliance israélite gleich einem Damoklesschwerte noch immer jene Briefe schwebten, war es mehr als naheliegend, mich durch die Anzweifelung und bald darauf folgende tatkräftige Vernichtung meines gesunden Geistes für alle Zeiten unschädlich zu machen. Da ich die ungeheure Tragweite dieser Gefahren wohl überblickte, so lief ich mehr als ich ging zur Untergrundbahn, den Monteur bei seiner unbeaufsichtigten Arbeit lassend, und begab mich alsbald in ein sicheres und ungefährdetes Asyl, in die Redaktion der „Deutschen Tageszeitung“, von wo aus ich meine beiden Freunde Herrn 1 und Herrn 10 zu mir bat, alles Weitere zu beraten.

Ich machte ihnen nun klar, daß ich für die allernächste Zeit eine Attacke jüdischer Psychiater auf meine Freiheit, auf meine Gesundheit und auf meine ganze geistige Zukunft erwarte, und daß mich nur eines hievor retten könne: Prävenire spielen und mich in den Schutz ehrlicher deutscher Ärzte stellen, die mich auf meine geistige Zurechnungsfähigkeit hin untersuchen sollten, wodurch jedes spätere jüdische Manöver zunichte würde. Meine Freunde teilten meine Ansicht vollkommen und setzten sich mit Sanitätsrat 12 ins Einvernehmen, der, von dem Ernst der Lage ebenso durchdrungen wie wir, seine Hilfe versprach. Ich hatte nicht das Bedürfnis, mich vor einer Untersuchung nach Hause zu begeben, und schlief die gleiche Nacht bei Herrn 10. Hiemit begann eine lange Reihe von Nächten, die ich wie ein Obdachloser von Quartier zu Quartier, von Flucht zu Flucht recht kümmerlich und nervenzerrüttend verbrachte. Schon am nächsten Tage, Freitag, den 11., sprach ich mit 10 persönlich bei 12 vor, der für den gleichen Abend den Psychiater Dr. 13, die Doktoren 14 und 15, den mir persönlich bekannten Grafen 16 zu sich lud, um mir Gelegenheit zu geben, einerseits jene Gedanken zu entwickeln, die – wie ich es scherzhaft ausdrückte – „Ursache“ meiner geistigen Erkrankung sind, anderseits aber zu untersuchen, ob mein  Sensorium nicht vielleicht doch durch die Aufregungen der letzten Zeit gelitten hätte. Bei dieser Sitzung erlebte ich die große Freude, die mir immer zuteil wird, wenn ich redlichen deutschen Männern meine Gedanken entwickeln darf, daß die Anwesenden sowohl von meinen erkenntniskritischen als auch von meinen soziologischen neuen Gedanken über das Judentum sehr erbaut und befriedigt erschienen; im Verlaufe des Abends jedoch wurden in meiner Gegenwart die mannigfaltigsten und gewagtesten Theorien und Hypothesen auf dem Gebiete der Geisteswissenschaften besprochen, und die anwesenden Ärzte fanden wohl Gelegenheit, sich davon zu überzeugen, daß gerade ich, dem primäre Fixation Ausgangspunkt alles Erkennens ist, für keinerlei gewagte Hypothesen, Mystizismus und spiritistischen Hokuspokus irgendwelcher Art zu haben bin, so zwar, daß etwaige Darstellungen, als leide ich  an  phantastischen Wahnvorstellungen, von diesen Herren nach dieser Untersuchung gewißlich nicht mehr geglaubt werden können. Den drastischesten Beweis meiner Teilnahmslosigkeit an allem „Überirdischen“ erbrachte ich, da ich, ermüdet durch die aufregenden Ereignisse der letzten Tage, während die Herren sich redlich bemühten, phantastische Dinge vorzutragen, mit dem Aufgebot aller Kräfte nicht verhindern konnte, in einen wohltuenden Schlaf zu verfallen: ein sicherstes Symptom dafür, daß mein Gehirn für alle das Reale überschreitenden, vorgeblich wissenschaftlichen Gedanken unzugänglich ist. Als ich, durch irgendein meine Teilnahme wiedererweckendes Wort neubelebt, mich wieder an der Unterhaltung beteiligte, verlief der Abend noch sehr anregend, und meine auf der soeben entwickelten erkenntniskritischen Grundansicht den anwesenden Herren dargelegten Vermutungen schienen volle Billigung gefunden zu haben. Wir schieden in bester Stimmung, und der Psychiater Dr. 13 empfahl mir, nur ruhig alles darzustellen, was ich Absonderliches in den letzten Tagen erlebt haben mochte.

Gestärkt und erfrischt durch die soeben erfahrene Sicherung, begab ich mich dies eine Mal noch nach Hause und schlief  verhältnismäßig ruhig, obgleich ich für die allernächste Zeit gefährliche Attacken voraussah. In der gleichen Nacht aber fand ich zu Hause eine Karte von Baron 17 vor, in welcher er mich noch für den nächsten Nachmittag zum Tee zu sich bat. Zwar hatte ich bei diesem Manne über ein Jahr lang keinen Besuch gemacht; ich hielt ihn aber für einen alldeutsch gesinnten Mann und vermutete in dieser Einladung etwas Freundliches, vielleicht etwa auf Grund meiner in diesem Winter stattgehabten Vorträge, von denen ich ihn jedesmal durch Zusendung von Vorprogrammen verständigt hatte. Erst später erfuhr ich, daß seine Frau eine amerikanische Jüdin sei, die mit ihrem Vermögen vieler Millionen ihm ein glanzlos gewordenes Wappen hatte wiedervergolden helfen. Ich verließ an diesem Tage, Sonnabend, den 12. April, frühzeitig und geradezu fluchtartig meine Wohnung mit dem unbehaglichen Gefühle, es könnte jeden Augenblick die erwartete psychiatrische Attacke ausgeübt werden. Als ich nun um 5 Uhr bei 17 zum Tee erschien, war ich noch vollständig ahnungslos; nur daß mich der Hausherr mit eigenartiger Beflissenheit neben Frau E. placierte, einer mir flüchtig bekannten Berliner Jüdin, fiel mir auf. Dieselbe fing nun auch mit merkwürdiger Zuvorkommenheit an, mich über Geschehnisse auszufragen, von denen sie gehört haben wollte. Zwar fühlte ich sofort, daß diese Frau nicht die geeignete sei, ihr mein Herz auszuschütten, und lehnte jede Aussprache ab, war aber doch noch so ahnungslos, in der ganzen Situation noch nicht „die sich öffnende Falle“ zu erblicken, sondern bat den Hausherrn vor der Verabschiedung, mir, falls es meine momentane peinliche Lage, über die ich ihm gern Auskunft geben würde, erfordern sollte, für die kommende Nacht eine Unterkunft zu gewähren; meine Erklärungen würden das Sonderbare dieser Bitte gewiß rechtfertigen. Daß ich in 17 einen Alldeutschen vermutete einerseits, anderseits aber der Reichtum und die Großzügigkeit seines Haushaltes machten mir diese Zumutung annehmbar, die denn auch mit freundlichem Entgegenkommen angenommen wurde. Nachdem ich am gleichen Abend noch Herrn Rittmeister 18 aufgesucht, ihn in meine Lage eingeweiht und vom Übernachten bei 17 verständigt hatte, begab ich mich nach vorheriger telephonischer Anfrage gegen 10 Uhr in sein Haus, woselbst ich zu meiner unangenehmen Überraschung außer dem Ehepaare 17 Herrn und Frau 19 antraf, die mir seit langem aus der Berliner Gesellschaft bekannt  waren,  mit  denen  ich  jedoch  wegen  einiger  unfreundlicher „Mißverständnisse“ ihrerseits keinen Verkehr mehr unterhielt. Erwähnen will ich nur nebenbei, daß Herr 19 früher anders hieß, Sohn eines jüdischen Bankiers ist, aber im Wesen und Exterieur und als früher aktiver deutscher Offizier wirklich ganz und gar nichts Jüdisches hat, freilich aber dafür jene in meinem Buche „Geist und Judentum“ sattsam beschriebene Überkompensation nach der arischen Seite hin deutlich zur Schau trägt. https://archive.org/details/Trebitsch-Arthur-Geist-und-Judentum

Das Zusammentreffen war mir auch insofern peinlich, als mein Nachtasyl, von dem ich glaubte und hoffte, die Gastgeber würden es auf meine Bitte geheim halten, hiedurch leicht an die große Glocke gehängt werden konnte, wo Mißdeutungen (im Sinne: Verfolgungswahn) dann natürlich nahe lagen und nahegelegt werden konnten. Trotzdem ließ ich mich, als der Hausherr mich mit freundlichen Worten aufforderte, doch zu schildern, was mir denn in letzter Zeit so Sonderbares passiert sei, dazu verleiten, in kurzen Worten die drei früheren Begebenheiten zu erzählen, was von den Anwesenden scheinbar mit vieler Teilnahme und großem Interesse angehört wurde. Recht plötzlich sprang das Gespräch dann auch aufs Politische über und Herr 19, dessen Frau eine Schweizern ist, der sich viel in Österreich, wo er eine Jagd gepachtet hat, aufhielt, fragte, ob ich denn nicht in nächster Zeit einen Vortrag über den Anschluß Deutsch-österreichs vorhabe. Als ich dies bejahte und ein Vortragsprogramm vorwies, erbat er sich dasselbe auf das dringlichste und betonte, daß doch eigentlich in Österreich niemand diesen Anschluß wolle, was mich gegen seine und des Hausherrn Gesinnung allerdings recht sehr mißtrauisch machte. Hausherr und Hausfrau rieten mir mit beschwichtigenden Worten, mich nur alsbald zur Ruhe zu begeben, die ich doch nach den vorangegangenen Aufregungen nötig habe. Herr 17 lobte nebenbei in einem mir damals noch unverständlichen Zusammenhang das „attische Salz“ (sprich: jüdischen Witz) der Frau E. (die ihn vermutlich auf alle meine Mitteilungen auf das humoristischeste vorbereitet hatte) und dann schlugen die Herrschaften mir vor, ein Adalinpulver zu nehmen, welches auch der Hausfrau in Fällen von nervösen Erreungen stets die trefflichsten Dienste geleistet hätte. Das Ehepaar 19 verabschiedete sich, der Hausherr zeigte mir noch die Toilette, mit der Bitte leise zu sein, da seine Kinder nebenan schliefen, und führte mich in den für mein Nachtquartier bestimmten Raum. Dies aber war ein höchst merkwürdig improvisiertes Zimmer, da es, hinter dem Speisezimmer liegend, nur durch eine von einem weggeschobenen Schrank ansonst verschlossene Tapetentür zugänglich, vermutlich als Speisekammer zu dienen pflegte und nur mir zu Ehren als „Fremdenlogis“ ausgestattet war. Es ist klar, daß das hochherrschaftliche Haus gewißlich über ein oder zwei ehrliche und komfortable Fremdenzimmer verfügte, indes dies schmale Gelaß, das zwischen Bett und Fenster kaum 30 cm Bewegungsraum enthielt und auch nur ein notdürftiges eisernes Waschbecken simpelster und gewöhnlichster Art beherbergte, wie gesagt ansonsten kaum einem Gaste zugedacht gewesen sein dürfte. Aber auch das fiel mir damals, erschöpft und hergenommen, wie ich es durch die Ereignisse der letzten Tage nun einmal war, noch immer nicht auf, und als mir der Hausherr nicht ein, sondern zwei weiße Pulver ungleichen Formates und ein Glas Wasser überreichte, war ich noch immer eher ahnungslos und schluckte Pillen und Wasser guten Mutes hinunter. Auffallend war mir in dem Zimmer vorerst ein merkwürdig kalter Luftstrom vom Fenster her, gegen den ich indes nichts unternehmen konnte, da das Fenster durch keinerlei Handhabe zu öffnen oder zu schließen war. Der Diener, den ich noch rief, um mir ein hartes Kissen zu verschaffen, hatte meinen Revolver gesehen, den ich wie gewohnt unter dem Kissen hatte und der, wie ich nachher begreifen lernte, sehr dazu beitragen konnte, mich vor der Welt etwa als gemeingefährlich hinzustellen. Indes schlief ich guten Mutes in dem ungewohnten und unbehaglichen Verschlag, anders läßt sich der Raum nicht gut bezeichnen. Ich erwachte aber gegen Mitternacht durch eine offenbar durch den stets einströmenden kalten Windzug veranlaßte Leibesnot, die mich hinaustrieb, nach der Toilette zu suchen. Ich machte im Mittelraum Licht und näherte mich dem mir vom Hausherrn bezeichneten Toilettenraum. Wer aber beschreibt mein Erstaunen, als ich denselben verschlossen fand und mich nun mitten in der Nacht in einem fremden Hause ratlos in einer Situation sah, die zu den peinlichsten Folgen führen konnte. Als ich nun rasch entschlossen in meinen Verschlag zurückkehrte, da blitzte mir mit einem Male der volle Zusammenhang all dieser Absonderlichkeiten auf und ich wußte klar und bestimmt: dies war nicht mehr und nicht weniger als die von Frau A. und der Judenschaft gegen mich vorbereitete Falle, aus der ich den geraden Weg ins Irrenhaus nehmen sollte, von wannen es dank ärztlicher Hilfe für mich wohl keine Rückkehr unter die Lebendigen gegeben hätte!! Und als ich nun, nachdem ich die Waschschüssel zu einer ersten Befreiung meines Unterleibes verwendet hatte, mich recht warm mit den Decken meines Bettes gegen die Kälte schützte, da sah ich im Dunkeln der schweigsamen Nacht hell und deutlich alle Zusammenhänge der sonderbaren Situation. Das attische Salz der Frau E. waren die vorbereitenden Erklärungen für meine sonderbaren Berichte, das seltsame Gelaß mit dem einzigen Ausgang und dem rasch vorstellbaren Kasten war die Falle, und die Regungen der Leibesnot, die sich bald immer heftiger einstellten, waren die Wirkungen eines der beiden Pulver, die mich, wenn das zweite Pulver erst wirken würde, hinaustreiben, verzweifelt umherirren und wohl in diesem sonderbaren Zustande in die Hände entsetzt herbeistürzender Diener treiben sollten, die mich gewißlich sorgsam fest- genommen hätten, das Weitere rasch herbeigerufenen Ärzten überlassend. So rückte ich mir denn die Waschschüssel unter das Bett, wartete gelassen die von Stunde zu Stunde dringlicher werdende Leibesnot ab und war gespannt auf die Wirkung des zweiten Pulvers. Das aber schwor ich mir zu: Einschlafen wollte ich in dieser Nacht nicht und keine Macht der Welt, keine noch so qualvolle leibliche Bedrängnis sollten mich vor die Türe der Falle hinaustreiben, mich, dem Schuhe und Kleider von sorgsamer Dienerhand geraubt worden waren, so daß ich in hilflosem und lächerlichem Zustande in dem fremden Hause umhergeirrt wäre. So beschäftigte ich mich denn mit den mir gewohnten Atemübungen, die mich  einerseits psychisch beruhigten, mein alle Zusammenhänge erfassendes Denken erleichterten und mich mit gespannter Aufmerksamkeit auf die Wirkungen des zweiten Pulvers achten ließen. Nachdem einige Stunden vergangen waren, die diarrhösen Erscheinungen nach einigen Wiederholungen nachgelassen hatten, da hörte auch plötzlich, wie von Zauberhand veranlaßt, der kalte Luftstrom auf, der wohl in dem genial vorbereiteten Manöver nicht mehr vonnöten war. Nun aber fühlte ich allmählich die betäubende und unbehaglich herzerregende Wirkung des zweiten Pulvers in meinem Körper sich vorbereiten. Zu meinem Glücke hatte ich Aspirin bei mir, dessen herrliche kopfentlastende Wirkung ich so oft für mein krankes Auge erprobt hatte; so trank ich denn vorerst ein Glas Wasser mit 1 g Aspirin, welches gegen die unbehagliche Herzerregung und Betäubung des Gehirns seine guten Dienste leistete. Das Wachbleiben jedoch wurde mir mit herannahendem Morgen immer schwerer und schwerer, und so ließ ich noch drei Aspirintabletten auf der Zunge zergehen und langsam hinuntergleiten, die mich, wie ich bestimmt überzeugt bin, der ärgsten Wirkungen jener Pulver enthoben. Meiner ganzen Willenskraft bedurfte es indes, nicht einzuschlafen, und als der Morgen schon dämmerte, da geschah etwas, was mir, wenn ich nicht ohnehin über die Situation völlig im klaren gewesen wäre, entschieden die Augen geöffnet, ja aufgerissen hätte: vor meinem Verschlag wurden seltsame und unheimliche Töne laut, die, würden sie auf ein betäubtes schlafendes Hirn, auf ein erregtes, unruhiges Herz eingedrungen sein, wohl mit furchtbaren Angstträumen verbunden gewesen wären und dem Gepeinigten wohl Entsetzensschreie entlockt hätten, die sicherlich hilfsbereite dienstbare Geister herbeigerufen und zur Beruhigung des armen Verstörten, zur Festnahme des etwa sich Wehrenden unweigerlich geführt hätten!! Fand ich doch des Morgens unter meinem Bett schwere Decken, die gewißlich dazu bestimmt waren, die Schreie eines sich Wehrenden rasch zu ersticken. So aber konnte mir die mit wissenschaftlicher Seelenkunde ausgedachte Teufelei nichts anhaben. Ich lachte der unheimlichen kreischenden Töne, setzte meine Atemübungen fort und erwartete mit voller Gelassenheit den nächsten Tag. Der edle Hausherr war jedenfalls über meinen guten Schlaf recht befremdet, hatte er doch gesehen, wie ich die Pillen gutgläubig hinunterschluckte, und mußte er doch über den langen, durch nichts gestörten Schlaf seines lieben Gastes wohl staunen. Es war halb zehn Uhr morgens, als der Hausherr selbst, meine Schuhe in der Hand, meine Kleider auf dem Arm, mein Zimmer betrat, verstörten Angesichts und von mir mit den Worten begrüßt: „Ich danke Ihnen für Ihre Gastfreundschaft, ich habe eine vorzügliche Nacht verbracht und fühlte mich bei  Ihnen sicher wie in Abrahams Schoße. Zum Zeichen dafür aber, wie sicher ich mich fühle, gestatte ich mir hiemit, Ihnen meinen nun nicht mehr nötigen Revolver zu überreichen.“ Der Hausherr ergriff die Waffe, machte Kehrteuch und verließ mich in einer Stimmung, um die ihn wohl kein redlicher Mensch beneiden kann. Ich machte mich nun in aller Ruhe zurecht, schwor mir zu, in diesem Hause keinen Bissen zu mir zu nehmen, sondern nur den einen Weg zum Telephon hinzugehen, daselbst meine Freunde und zwei Ärzte anzurufen und bis zu deren Erscheinen an derselben Stelle sitzend regungslos zu warten, was ich denn auch tat. In der Bibliothek waren Hausherr und Hausfrau in mehr als verstörtem Zustande mit den arglosen Kindern versammelt, man wollte mir die Hand bieten, man wollte mich zum Frühstück laden, vergebens. Ich bat sehr ernst und sehr langsam um das eine, hier sitzen zu bleiben und zu telefonieren, so lange es mir beliebe. Eingeschüchtert durch mein Verhalten, wagte sich niemand mir zu widersetzen, und ich rief in rascher Folge Herrn 18, Herrn 10, meinen Hausarzt Dr. 4 und den Psychiater Herrn Dr. 13 an. Inzwischen war im Hause ein unbehagliches und verstörtes Herumgeschieße aller der in diesem Komplott Eingeweihten zu bemerken. Der Diener und die Hausfrau forderten mich nochmals auf das freundlichste auf, doch zum Frühstück zu kommen, was ich schweigend abschlug. Die Hausfrau, der Hausherr irrten verstört in der Bibliothek herum, er näherte sich mir, wollte mir mit käsigem Lächeln die Hand reichen, weil er ausgehen müsse, was ich verweigerte mit der Bemerkung, wir zwei hätten uns wohl nicht mehr die Hände zu reichen, und ich wisse, für wen ich ihn von diesem Tage an zu betrachten habe, worauf er verwirrt und verstört das Gemach wieder verließ, ohne indes aus dem Hause zu gehen. Boten wurden entsandt und kehrten wieder, auch eine weibliche Stimme bat am Telephon den Hausherrn zu sprechen, was ich mit der Bemerkung, er sei ausgegangen, glattweg verweigerte. Die Unruhe im Hause wuchs, die meinige nicht minder, und erlöst wurde ich von der qualvollen Spannung, als Rittmeister 18 als erster eintrat, von mir sofort in Empfang genommen wurde und nun als mein Schutz bei mir saß, in rasender Hast in die wesentlichsten Zusammenhänge eingeweiht. In rascher Folge erschien nun Dr. 4, Dr. 13 und 10, der indes wieder fort mußte, da sein Dienst ihn rief. Nun aber hatte der Hausherr einen verzweifelten Entschluß gefaßt, mehr taumelnd als gehend näherte er sich unserer Gruppe, und ich, der ich in fliegender Hast inzwischen auch die Ärzte informiert hatte, konnte nicht umhin, in der höchsten Erregung, wie sie durch alle vergangenen Erlebnisse mehr als begreiflich war, mit ausgestrecktem Finger auf ihn hinzuweisen und zu rufen: „Schauen Sie sich doch das Verbrechergesicht an, meine Herren, bevor Sie anhören, was dieser Mann Ihnen zu sagen hat.“* Mit keinem Worte der Abwehr oder Entrüstung wagte der Hausherr mich zu unterbrechen und bat nur die Ärzte, sich mit ihm in ein Nebengemach zu begeben, er wolle ihnen alles erklären. Inzwischen blieb ich mit Rittmeister 18 allein, und das Ungeheuerliche begab sich, daß die beiden Ärzte, ohne Konfrontation mit mir, 17 eine halbe Stunde lang mit anhörten. Es ist klar, daß der Diener inzwischen vorgefunden hatte, was ich in meiner Falle angerichtet hatte, und naheliegend, daß der Hausherr mein sonderbares Verhalten aufs geschickteste sich zu Nutze zu machen versucht hatte. Wer indes noch an der Wahrhaftigkeit meiner Aussagen und Kombinationen zu

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* Jedem, dem die Tat des angesehenen und reichen Baron 17 unwahrscheinlich erscheint, gebe ich zu bedenken, daß das Wort „Verbrechergesicht“, ihm vor Zeugen entgegengerufen, eine schwere Ehrenbeleidigung involviert. Da ich heute noch auf freien Füßen bin, kann sich der Herr nicht ausreden, daß er dies als von einem Unzurechnungsfähigen nicht für Ernst genommen hätte. Ich will aber nicht glauben, daß dieser Herr aus Feigheit dem simpelsten Gebote der Ehre nicht entsprochen hat. Viel einfacher und einleuchtender: Hätte er mir, wie es jeder Mann von Ehre in solchem Falle tun mußte, seine Vertreter geschickt, so hätte ich die Angelegenheit sofort einem Offiziersehrenrate übergeben. So aber mußte 17 wohl befürchten, daß die Untersuchung, die dann hätte angestellt werden müssen, zu seinen Ungunsten ausgefallen und die Notwendigkeit, ihm Satisfaktion zu geben, von jedem Ehrenrate abgewiesen worden wäre. Ich glaube in diesem Umstande mit dem vielen anderen, was ich schon angeführt habe, einen der sichersten Beweise für die absolute, wissentliche Mitschuld des Genannten an jenem Verbrechen in Händen zu haben. Wer sich diesen Gedankengängen entzieht, der will ganz einfach die unzweideutigen Zusammenhänge nicht sehen, und kann als unaufrichtiger und verlogener Beobachter (der nicht beobachten will) nicht ernst genommen werden.

 

zweifeln wagt, dem sei nur eines gesagt: 17 hat laut Aussage des Dr. 4 lügnerischerweise behauptet, ich hätte ihn um jenes Schlafmittel gebeten. Ich glaube, es gibt keinen Psychologen der Welt, der aus diesem Versuche, sein Mitwirken und Mitwissen an der Verabreichung jener „harmlosen“ Pulver aus der Welt zu schaffen, nicht sonnenklar erkennt, daß hier ein Attentat auf meine Freiheit, meine Gesundheit, meine Ehre und meine geistige Zukunft mit diabolischer Schlauheit und wissenschaftlicher Gründlichkeit vorbereitet worden war, dem Judentum zu Ehren und zur Errettung vor meinen gefährlichen Enthüllungen. (Jene zehn Briefe, vor denen die Alliance israélite ja wohl in begreiflicher Erregung zittern mochte und auf deren Nichtveröffentlichung meinerseits man sich lieber nicht verließ und sie durch meinen prompt  herbeigeführten Wahnsinn doch lieber auf alle Fälle wesenlos machte.) Nur so aber läßt sich der ohne die Tragweite meines Wissens unverständliche, ungeheure Apparat begreifen, der an diesem Tage und den folgenden aufgeboten worden war, einen schlichten Privatmann zu vernichten.

Ich ging nun mit meinen beiden Ärzten fort, die ich vergeblich beschwor, mich ins Reichswehrministerium zu begleiten, wo ich mich in den Schutz bekannter Offiziere gegen all das Fürchterliche stellen wollte. Die beiden Ärzte machten einen so verstörten und verwirrten Eindruck, daß ich noch heute nicht recht weiß, was alles 17 gesagt oder versprochen hat, sie mir, wenn auch nur vorübergehend, abspenstig zu machen. Erwähnen will ich nur, daß Frau A. sich – nachdem sie meinen Freunden gegenüber die Drohung ausgesprochen hatte, man würde mich ins Narrenhaus sperren und sie würde dafür Sorge tragen, daß ich unschädlich gemacht würde, da man sonst die Gemeinheiten alle glauben könnte, die ich wider sie in meinem Briefe (Nr. 2) vorgebracht hatte – an diesem Sonntagvormittag, dem 13. April, vom Sanatorium 2 wieder nach Hause begab („geheilt“ durch die Unschädlichmachung des, wie sie vermuten mußte, nunmehr erledigten Widersachers). Allerdings erfuhr mein Freund 1, der sich telephonisch bei ihr erkundigte, daß sie sich an dem gleichen Abend, wieder erkrankt, hatte ins Bett legen müssen, was mit der Nachricht des  gegen mich mißlungenen Attentates in Verbindung gebracht, wohl eine mehr als begreifliche Folgeerscheinung dieser schweren Enttäuschung sein dürfte. Dies aber erfuhr ich von dem genannten Freunde, als ich mich Sonntag nachmittags zu  ihm  geflüchtet,  um  dort  zu  beraten,  wohin  ich  mich  nun wenden solle, den zu erwartenden weiteren Verfolgungen zu entgehen.

Bevor ich die nun kommenden Ungeheuerlichkeiten berichte, die darlegen, wie alles gegen mich derart verschworen zu sein schien, daß der Unbelehrte wirklich an Verfolgungswahn glauben muß, um so viel Unwahrscheinlichkeiten zu begreifen, bitte ich den ahnungslosen Deut- schen noch recht sehr zu bedenken, was es heißt, seit Jahren unter den wachsamen Augen der Alliance israélite zu leben, von ihr bespioniert und belauert zu werden, seit Monaten derart unter jüdischer Postkontrolle zu stehen (hiefür zahlreiche strikte Beweise), daß jeder meiner Schritte bekannt, jede meiner persönlichen Beziehungen beobachtet, jede meiner Lebensmöglichkeiten daher genauestens im voraus berechnet war. Dadurch nun aber, daß man mir zahlreiche Briefe glattweg unterschlug, hatte man mit raffiniertem Geschick meine Beziehungen zur Welt derart eingeengt und auf wenige Möglichkeiten beschränkt, daß das Folgende, in diesem Lichte betrachtet, nichts Wunderbares hat, sondern sich nur Zug um Zug wie eine gut vorbereitete Schachpartie abspielte, die allerdings in lustiger Weise von meinen Gegenschachzügen durchkreuzt und gehindert worden ist. Und mithin ist es unnötig, zum vollen Verständnisse des Folgenden einen von meinen Gegnern eben zur Verschleierung ihrer Manöver schlau ausgesprengten Verfolgungswahn zu strapazieren, und wer mir durch die folgenden Irrwege mit wacher Aufmerksamkeit und einem Manne gläubig zugekehrt, dessen ganzes vergangenes Denken und Schaffen wohl ein beredtes Zeugnis ablegt für offenen Sinn und ein klares, unbeirrbares Erfassen, folgt, dem wird sich ein Panorama infamer Schlauheit und Tücke entrollen, wie es in der Welt zwar nicht neu ist, aber doch wohl zum ersten Male vor aller Augen entlarvt und ins grelle Licht der Sichtbarkeit gestellt worden ist. Wer aber bedenkt, wie gut der jüdische Organismus funktioniert, wie tadellos die Leukozyten einen eingedrungenen fremden Körper in wohlorganisiertem Gewimmel zu umdrängen, unschädlich zu machen und zu vernichten gewohnt sind, den wird all das Folgende nicht wundern können und er wird sich doch wohl lieber entschließen, all das Seltsame zu glauben, als einem Manne die Klarheit des Denkens und Schauens nach einer Seite abzusprechen, der jederzeit bereit ist, hiefür vor deutschen Fachmännern in jeder Richtung hin jede beliebige Probe abzulegen.

Mein Freund 1 ist seit dieser Saison mit einer jungen Dame eng liiert, die er beinahe als seine Braut betrachtet und von der insofern zu Frau A. geheime Fäden führen, als Frau B., ihre (jüdische) Gesanglehrerin, auch mit dieser jungen Dame verkehrt, wodurch Zusammenhänge unschwer festzustellen sind. Mein lieber Freund 1 besprach nun mit dieser jungen Dame, daß ich die nächsten Tage ruhig in ihrem Hause verbringen solle und daß sie ihre Mutter auch auf meine Ankunft vorzubereiten habe. So verbrachte ich denn noch denselben Sonntagabend mit meinem lieben Freunde in gemütlichstem Alleinsein, indes die junge Dame ihre Mutter in einer Gesellschaft aufsuchen ging, sie auf alles Folgende vorzubereiten. Herr 1 wird jedermann gern bezeugen, daß dieser Abend, den wir zu zweien verbrachten, zu den harmlos gemütlichsten und behaglich vertrautesten Stunden zu zählen ist, die wir zwei je verbracht haben, und daß wir beide feststellten, wie schön und gemütlich es wäre, derart als zwei Männer von keines Weibes Willen getrübt und durchkreuzt in heiterster Gemeinschaft die Stunden zu verplaudern. Wenn alles Folgende im grellen Widerspruche zu meiner damaligen behaglichen Stimmung steht, so wird es denn doch besser sein, die Erlebnisse dafür verantwortlich zu machen als mein sehr gesundes Gehirn, das wahrlich aus keinerlei anderen als real erlebten Motiven heraus auf die Welt unfreundlich zu reagieren gewohnt ist.

Schon lange  hatte mir das Verhalten der jungen Dame  zu denken gegeben, und bei den wirklich warmen freundschaftlichen Gefühlen, die mich mit 1 verbinden, versuchte ich, ihn ganz zart und vorsichtig zu warnen: ich hatte und habe das Gefühl, daß dieses Mädchen in seinem Leben eine ähnliche Rolle zu spielen bestimmt sei wie Frau A. in dem meinen, und ich suchte meinem lieben Freunde plausibel zu machen, daß ich selber mehr als drei Vierteljahre gebraucht hatte, die gefährliche Frau zu durchschauen, weshalb es denn auch ihm, dem weitaus Gutgläubi- geren, Harmloseren und Unmißtrauischen ohne Verwarnung wohl auch schwer fallen würde, so bald das böse Wollen in einem Weibe zu durchschauen.* Die junge

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* Nebenbei sei erwähnt, daß, sobald ich Berlin verlassen hatte, diese, offenbar nur „mir zu Ehren“ gestiftete Verlobung jäh abgebrochen worden ist.

Dame kehrte von ihrem Besuche noch vor der Mutter zurück, erzählte, es sei alles in der Ordnung und abgemacht und bereitete mir mit Hilfe des Dienstmädchens das Fremdenzimmer für die Nacht vor, wobei mein lieber Freund 1 in scherzhafter Ironie über alles wachte, um meinen durch die Erlebnisse der vorigen Nacht regen Argwohn in bezug auf Wasser, Versperrbarkeit u. s. w. zu vertreiben. Spät in der Nacht hörte ich die Frau des Hauses heimkehren, für die seltsamerweise ein Kanapee ins Speise- zimmer gestellt worden war (von der Tochter noch vor ihrem Weggehen hineingetragen). Nun scheint es mir zwar wenig üblich, daß vornehme Damen ab und zu auf einem improvisierten Lager nächtigen, jedenfalls fühlte ich mich seltsam beunruhigt und empfand in dieser Nacht zum ersten Male das, was – ich lasse es gelassen dahingestellt sein – entweder ein Reizzustand meines durch die vorigen Erlebnisse gepeinigten Gehirns oder aber eine absonderliche Wirklichkeit gewesen sein muß. Das erste, was ich in dem Schlafzimmer tun mußte, war, die vielen schweren Decken, die vorbereitet waren, zu entfernen und mich luftig zuzudecken und dann nachts, als die sonderbare Wellenempfindung, die näher zu beschreiben ich auf eine ärztliche Befragung lieber hinausschieben möchte, mich überkam, worauf ich das fest geschlossene Fenster öffnete und die frische Luft hereinließ, was jedenfalls eine recht natürliche,  harmlose und vernünftige Maßnahme, sei es gegen eine Überreiztheit des Gehirns, sei es gegen eine reale Schädlichkeit im Raume, sein dürfte. Punkt 3 Uhr morgens – ich hatte meine klingende Uhr unter dem Kopfkissen – wurde es plötzlich im Gange licht. Zur gleichen Zeit hörte ich vor dem Hause ein stehendes Auto rattern, ich fühlte mich unbehaglich, machte Licht und wartete. Die Schritte im Gange machten vor meiner Türe halt. Vielleicht war das Licht bemerkt worden, jedenfalls verging nicht allzu lange Zeit und das ratternde Auto fuhr davon. Das Licht im Gange verlosch. Ich aber war durch all das Sonderbare sowie durch die fortgesetzte unbehagliche Wellenempfindung derart beeindruckt und mißtrauisch geworden, daß ich mir fest vornahm, durch die Erlebnisse der vorigen Nacht gewitzigt, am nächsten Tage das Prävenire zu spielen und durch mein Verhalten zu erfahren, ob wirklich in diesem Hause Böses gegen mich ersonnen wurde. Ich dachte mir: wenn diese Wellen, die ich zu verspüren meine, keine Einbildung sind, sondern eine wohlvorbereitete Beeinflussung meines Gehirns, die vielleicht wie tags zuvor zu meiner Unschädlichmachung führen soll, dann müßte das Verhalten meiner Gastgeber, wenn ich mich tags darauf krank stellen würde, wohl erweisen, inwiefern meine Vermutungen auf Wahrheit beruhten. So machte ich denn bei geöffnetem Fenster weiter meine tiefen Atemübungen, hielt mich möglichst wach und blieb des Morgens ruhig liegen, bis endlich gegen 10 Uhr jemand an meiner Türe klopfte und nach meinem Begehren fragte. Nun aber spielte ich den Schwerkranken und Ermatteten, sagte, ich fühlte mich sehr schwach und müde, verweigerte Speise und Trank und merkte zu meinem großen Erstaunen, daß mein Benehmen draußen keinerlei Verwunderung erregte: das Mädchen ging fort, berichtete, was sie gehört hatte, und es verging wieder eine Stunde oder mehr, in der man mich ruhig liegen ließ, ohne für den Gast besondere Besorgnis an den Tag zu legen. Natürlich mußte ich glauben, daß mein Zustand den Erwartungen entsprach … Nach längerer Zeit klopfte es wieder an meiner Türe. Diesmal war es Fräulein F. selber. Ich wiederholte meinen traurigen Bericht und abermals ließ man mich ein Stündchen allein. Ich hatte gebeten, meinen Freund 10 anzurufen, was mir verspro- chen worden war. Nach einem neuerlichen Stündchen klopfte es wieder, ob ich denn nicht aufmachen könne, was ich nun verweigerte mit dem Versichern, ich würde warten, bis mein Freund käme, ich sei zu schwach und müde, um aufzusperren. Und nun geschah etwas so Merkwürdiges, daß ich mich nicht wundern würde, wenn ein besonnener Leser ungläubig den Kopf schütteln wollte. Ich hatte mich inzwischen fertig angezogen und so wieder ins Bett gelegt, der Dinge harrend, die da kommen sollten. Nun aber schien man im Hause anderes zu planen, noch vor der Ankunft des trotz meiner Bitte noch immer nicht angerufenen Freundes. Ich hörte vor meinem offenen Fenster, das in der ebenerdigen Wohnung auf den Hof des Hauses hinausging, ein sonderbares Geräusch wie das Anlegen einer Leiter, hörte flüsternde Stimmen und, auf alles Böse gefaßt, sprang ich zum Fenster, lugte vorsichtig hinaus und sah – das Fräulein F. ohne Kopf- bedeckung und zwanglos mit höhnischem Lächeln mit einem wildausse- henden Burschen mit aufgewirbeltem Schnurrbart plaudern, der im nächsten Augenblicke mit vor böser Erregung funkelnden Augen auf der am Hause angelegten Leiter zu mir emporkletterte. Mein Zorn über dieses teuflische Manöver kannte nun keine Grenzen. Ich ahnte, was des Burschen Aufgabe gewesen war: den vermut- lich im Halbschlafe Liegenden durch die plötzliche Erscheinung und sein ingrimmiges Aussehen zu entsetzen, die verriegelte Türe zu öffnen und nun meinen Abtransport wohl zu veranlassen, ehe meine Freunde von dem Vorfall auch nur benachrichtigt worden wären. Mit der vollen Kraft meiner Lunge donnerte ich den Emporklimmenden an, der nun doch den Mut verlor und sich schleunigst zurückzog. Ich rief lautschallend so lange, bis alle Fenster des Hofes voll von Gesichtern waren und Fräulein F. vorzog, sich schleunigst zurückzuziehen. Aber sonderbar, nicht eines dieser Gesichter zeigte Befremden oder Erstaunen über die ungewohnte Situation. Die Leute lachten und winkten einander zu, als wäre dies ein nicht weiter befremdliches und näher zu untersuchendes Ereignis. Keine Frage wurde laut und nur aus einem gegenüberliegenden Fenster rief mir ein Bursche höhnisch zu: „Na, bleib nur drin in deiner Klappe.“ Ich selber stellte mich mit gekreuzten Armen und lachend an das Fenster, um so den – wie es schien – eingeweihten Bewohnern des Hauses meine Angstlosig- keit zu beweisen, und allmählich merkte ich, daß die Leute sich wieder von den Fenstern zurückzogen, und hörte, wie das durch mein plötzliches, sehr kräftiges In-die-Erscheinung-treten denn doch beunruhigte und  in seinem Plan gestörte Fräulein nun endlich die von mir gewünschte Nummer meines Freundes anrief. Daß derselbe bei seinem Kommen natürlich von den Damen empfangen, mit Freundlichkeiten überschüttet und derart „aufgeklärt“ wurde, daß er nur mehr mit überlegenem Lächeln meine Mitteilungen – n i c h t mit anhörte, versteht sich für den Psycho- logen von selbst, der da weiß, daß jeder Anschlag, der, schlau ersonnen, zunichte geworden ist, in ähnlichen Fällen natürlich durch treuherziges Benehmen, „Ahnungslosigkeit“ und Verwischen aller bedenklichen Spuren am besten aus der Welt geschafft werden kann. Mit inniger Besorgnis kam man nun und bot mir Speisen an, die ich in Gegenwart meines Freundes nun mit großem Appetit und von Herzen gern verzehrte. Ich wollte aber das Haus nicht früher verlassen, bis mein Freund 1 käme, den ich nun doch über manches aufklären wollte. So schloß ich mich denn hinter meinem Freunde 10 wieder ab, der draußen noch angelegentlich mit den liebenswürdigen Damen des Hauses konversierte. Nun wurde das Verwischen aller bestehenden Spuren fortgesetzt. Ein braver alter Mann kam und nahm die Leiter fort; als sei nichts Ungewöhnliches geschehen, begann Fräulein F. ostentativ Klavier zu spielen, und siehe da, nach einigen Minuten ertönte vor meinem Fenster liebliche Guitarrenmusik, die nun wirklich in überwältigender Harmlosigkeit mich davon  überzeugen mußte, in welch freundliches Idyll ich mit meinen finsteren Phantasien hineingeraten war. Nachdem die beiden schönen Konzerte vorüber waren, blieb ich unverdrossen eingesperrt, verweigerte die liebenswürdige Aufforderung der Damen vor meiner Türe, in den Salon zu kommen, und wartete. Als sich die Zeit näherte, da mein Freund 1 kommen sollte, hörte ich plötzlich vor meiner Türe sehr laut und offenbar so, daß ich es hören sollte, die Worte: „Herr 1 kommt heute bestimmt nicht mehr.“ Nun wußte ich, woran ich war: Fräulein F. wollte natürlich vermeiden, daß ich als erster dem 1 das Vorgefallene schildere, und ich wußte allzu gut, daß, von ihren Schilderungen präpariert und vorbereitet, alle meine Erzählungen nur ein ungläubiges Lächeln und die wachsende Überzeugung eines nicht mehr zu verkennenden Verfolgungswahns erregen würden. So wartete ich denn noch einige Zeit, hörte auch im Salon leises Plaudern, wo inzwischen 1 und 10 angelangt waren, jedenfalls auf das liebenswürdigste bewirtet und von den Damen in behaglichste Plauderei verwickelt. Interessant war es nur, daß, wie mir später berichtet wurde, dem 1 erzählt worden war, ein alter Mann wäre zu mir heraufgeklettert, um mich zu „retten“, was ja die rechtzeitige Herbeirufung meines Freundes viel leichter bewerkstelligt hätte! Und daß mithin der junge Bursche mit dem aufgewirbelten Schnurr- bart, der mich wohl hatte erschrecken sollen, einfach weggelogen wurde. Die tiefe Bekümmernis über mein trauriges Schicksal, die die junge Dame 1 gegenüber an den Tag legte, stand nun freilich in seltsamem Wider- spruche zu dem bösen höhnischen Grinsen, das ich mit eigenen Augen gesehen hatte, als sie in wenig damenhafter Weise ohne Kopfbedeckung, als gehörte sie wohl vertraut mit zum Hausgesinde, mit dem gefährlich aussehenden Burschen lächelte und flüsterte. Natürlich gab ich es voll- ständig auf, meinen Freund je von der Wahrheit dieser Dinge zu über- zeugen, hatte aber die sichere Überzeugung mit mir genommen, daß mein schweres Unwohlsein und Ermatten bei den edlen Damen des Hauses auf alle Fälle keinerlei Befremden erregt hatte. Noch am gleichen Nachmittage begab ich mich ins Reichswehrministerium, wohin nun auch meine Freunde kamen, die untröstlich waren über mein sonderbares, geradezu bekümmerlich krankhaftes Benehmen und mit mir nun berieten, wo ich nun für die nächsten Tage eine vor Anfechtung sichere Unterkunft finden könnte. Nach langem Hin und Her entschloß sich 1, Herrn und Frau Professor 20 anzurufen, gemeinsame Bekannte, die in Dahlem eine Villa mit Fremdenzimmer besaßen. Die Frau hatte in den früheren zwei Jahren viel mit mir verkehrt und war bei Vorlesungen und Geselligkeiten aller Art oft in meinem Hause anwesend gewesen. Die gute Beziehung zu derselben hatte jedoch dank der Unverträglichkeiten der Frau A. gelitten, so zwar, daß ich den ganzen Winter kaum mit ihr in Beziehung stand. Nun aber nach dem Abbruch meiner Beziehungen zu Frau A. schien mir nichts mehr im Wege zu liegen, die alten Bande neu zu knüpfen. 1 telephonierte, er käme mit zwei Freunden noch desselben Abends zu Besuch und, wie ich aus dem Verlaufe des Späteren klar entnahm, war man sich in jenem Hause dank des wohlorganisierten Zusammenarbeitens aller an meiner Vernichtung mitbeteiligten Kräfte nicht einen Moment im Zweifel darüber, wer der eine der mitgebrachten Freunde wohl sein würde … Denn daß 1 die ganze letzte Zeit treu um mich besorgt war, wußten die Leute, wie es denn für das gut geleitete Komplott leicht war, jeden meiner Schritte voraus zu berechnen und entsprechende Maßnahmen zu treffen. So durchschaute ich damals die Situation noch lange nicht, sondern begab mich in behaglichem Schutze meiner lieben Freunde nach einem stärkenden Mahle noch am Abend desselben Tages (14. April) in der neuerlichen Hoffnung, nun endlich das ersehnte Asyl gefunden zu haben, in die ländliche Stille Dahlems, mich beseligt erfreuend, daß noch Sterne am Himmel stehen, die unveränderlich blinken und nichts wissen vom bösen Wollen und Tun der armseligen Menschen. Empfangen wurden wir mit vollkommener Herzlichkeit. Was mir aber sogleich auffiel, waren die zahlreichen Gäste, die „zufällig“ anwesend waren. Von diesem Zufall war ich indes nicht mehr überzeugt, als das Gespräch merkwürdig rasch auf das Thema meiner Vorträge überging und in auffallender Weise meine Freunde und auch ich nach der politischen Gesinnung geradezu ausgefragt wurden. Ich bin bei Norddeutschen gewohnt, daß sie in völliger Ahnungslosigkeit überall mit ihrer Überzeu- gung herausplatzen, ohne sich im geringsten darum zu kümmern, ob es Freunde und Gesinnungsgenossen sind, die ihre Ansichten teilen, oder ihre Feinde, die ihr Denken und Wollen heim- tückisch belauern. Erst am nächsten Tage erfuhr ich Näheres über den anwesenden Vater und Sohn. Es war ein katholischer Deutscher, der einen Juden adoptiert hatte, welcher als Jurist ein ganz besonderes Interesse an meinem Thema „Geist und Judentum“ zu nehmen schien. Der Name der beiden Herren wird im Hause 20 unschwer zu erfahren sein. Außerdem war ein Unteroffizier, ebenfalls Katholik, anwesend, der zur Einquartie- rung gehört, die in Dahlem liegt, und auch dieser sprach, als der genannte Vater mit seinem Sohne fortgegangen war, noch eingehend mit mir über die Trennung von Staat und Kirche. Ich merkte deutlich, daß es darauf abgesehen war, meine Pläne und Gedanken auszuforschen. Mit überströ- mender Herzlichkeit bot mir die Hausfrau für unbeschränkte Zeit ein Asyl an, und auch der Hausherr, der mir in früherer Zeit nicht sehr wohl gewogen war, schien freundlich und wohlwollend für meine schwere Lage Teilnahme zu empfinden. Außerdem war noch im Hause ein kleines, schwarzäugiges Persönchen anwesend, die erst gekommen wäre und viele Lebensmittel mitgebracht hätte, so daß man meinen Besuch  leicht aushalten würde, wie mir die Hausfrau mitteilte. Dieser rätselhafte Gast war eher schweigsam und kam mir erst in seiner Anwesenheit zum Bewußtsein, als die Hausfrau sagte, das Fremdenzimmer könne sie mir nicht geben, da eben dieses Fräulein es bewohne, aber ihr eigenes Zimmer würde sie mir zur Verfügung stellen. Dies war mir nun wirklich äußerst peinlich, und ich beschwor die Hausfrau, mich doch dort schlafen zu lassen, wohin sie sich zurückzuziehen gedachte, was sie um keinen Preis duldete, sondern mich mit der herzlichsten Freundlichkeit des Abends in ihr eigenes Schlafzimmer geleitete, das an jenes von der erwähnten Person bewohnte Gastzimmer anschließt. So mußte ich mich denn dreinfügen, nahm mir aber fest vor, meinen Aufenthalt abzubrechen, da ich unmöglich dulden konnte, daß die Hausfrau meinethalben derartig in ihrer Bequem- lichkeit gestört würde. Als ich im Zimmer allein war, war mein erstes für frische Luft zu sorgen. Das ging indes nicht leicht, denn die Fenster waren so sorgfältig mit bespannten Gazevorhängen geradezu verrammelt, daß ich dieselben erst sorgfältig und mühsam zurückkrempeln mußte, um überhaupt das Fenster öffnen zu können. Auch die Bettdecke war ein dickes und schwer lastendes Plümeau, das ich entfernte, um mich möglichst leicht mit einer auf dem Sofa liegenden Plaiddecke zuzudecken. Als ich nach zwei Stunden Schlafes erwachte, mußte ich das neben dem Zimmer der Haus- frau liegende Badezimmer aufsuchen, was ich natürlich vollständig geräuschlos vornahm. Als ich beim Verlassen des Badezimmers nun ganz leise die Türklinke öffnend drehte, gelang es mir zwar, die Türe zu öffnen, aber – die Klinke blieb in meiner Hand. Von außen nahm ich nun rasch entschlossen die äußere Türklinke, an der sich der Zapfen befand, heraus und ahnte, was dieses Badezimmer mir hätte werden können: ein Verließ, aus dem ich nicht mehr heraus konnte, sobald von außen die Klinke mit dem Zapfen herausgezogen worden wäre. Es waren nun allerdings neue Gefühle der Wachsamkeit und des Mißtrauens, mit denen ich mich ins Bett begab. Schon vor dem Hinausgehen hatte ich abermals dieselben Wellen, wie bereits nachts zuvor, zu verspüren gemeint, diese Empfindung aber als eine intrazerebrale Reizerscheinung nicht weiter beachtet, sondern nur auf alle Fälle am offenen Fenster tief geatmet, um, was immer es sei, eine hygienische Gegenwirkung darauf auszuüben. Als ich nun wieder  im Bette lag, wurde das Phänomen heftiger und deutlicher, ich aber grübelte, ob es nicht besser wäre, die Türklinke nicht als ein Beweismaterial in der Hand zu behalten, was ja bei der mir wohlbekannten Suada und Kunst im Lügen der Hausfrau viel eher als Nichtigkeit weggeschwatzt werden konnte, als wenn ich es wüßte, ohne daß die Hausfrau von meinem Wissen unterrichtet wäre. So schlich ich mich denn mit aller Behutsamkeit wieder hinaus und befestigte die Türklinke wieder im Schloß, als hätte ich von deren sonderbarem Zustande nichts bemerkt. Gleich hier muß ich betonen, daß es vollständig unmöglich ist, daß sich „zufällig“ ein Schloß in solchem Zustande befindet, denn der Nagel, der allüberall durch die zapfenlose Klinke getrieben ist, kann nicht herausfallen, sondern muß mit einem Instrumente herausgetrieben werden. Es ist klar, daß ich nach diesem Erlebnisse meinem Schicksal dankte, daß infolge der Behutsamkeit meiner Bewegungen die Sache glimpflich abgelaufen war und daß ich nun vorzog, die weiteren Ereignisse und Empfindungen der Nacht in  wachem Zustande abzuwarten. Ich öffnete nun beide Fenster vollständig, da das unbehagliche Gefühl jener seltsamen Wellen (elektrisch oder gasförmig?) zunahm. Als ich auf das Kanapee übersiedelte, dünkte mir die Wirkung geringer, die sich um das Bett zu konzentrieren schien. Zwar litt ich rätselhafterweise all die letzte Zeit an schwerer Verstopfung der Nasengänge (wie sonst nie), doch aber gelang es mir durch regelmä- ßiges tiefes Atmen, die lähmende und betäubende Wirkung, die ich zu verspüren meinte, zu bekämpfen. Jedenfalls war mein Entschluß in dieser Nacht gefaßt, mich in diesem Hause nicht tagelang mit Mißtrauen abzu- quälen, sondern wie tags zuvor die Entscheidung durch eine gutgespielte Komödie herbeizuführen. Den Zusammenhang der Hausfrau mit Professor 21, meinem sogenannten Freunde, kannte ich wohl, ebenso die Gefühle, die bei ruhiger Überlegung die Dame für mich hegen mußte. Hatte doch Frau A. es verstanden, mich von meinen früheren Bekannten, zu denen auch jene gehörte, fernzuhalten, und entsann ich mich doch aus dem Vorjahre eines Nachmittags, an welchem – es war nach einem meiner Vorträge – die Frau dieses Hauses mit einem Blumenstrauß bei mir zu Besuch erschienen war, offenbar in liebenswürdiger und  zärtlicher Absicht, die indes insofern mißlang, als ich einerseits der affektierten und unechten Geistigkeit dieser Frau gerade zu jener Zeit eher mit Abneigung gegenüberstand, anderseits an ihrer Person niemals ein rechtes Wohlgefallen gefunden hatte, und endlich unglückseligerweise am gleichen Nachmittage, als wäre es so bestellt, etliche Gäste, u. a. auch Frau A., bei mir erschienen, was jene Dame in peinliche Verlegenheit gebracht hatte. Mir die Situation recht sehr vergegenwärtigend, empfand ich in dieser wachen Nacht, die mir zum Nachdenken Zeit genug ließ, daß es wohl Gefühle des Hasses und der gekränkten Eitelkeit sein konnten, die diese Frau  von jenem Tage gegen mich hegen mochte. Außerdem aber hatte sie an einem meiner Stammtischabende sich mit Professor 21, dem Manne, dessen Geistigkeit am meisten in der Gegenwart von Frauen erwacht, sehr angefreundet. Derselbe hatte sie in weinselig übermütiger Weise ohne Rücksicht auf die anderen Anwesenden umarmt und geküßt, was sie mit großer Freude erfüllt hatte. Ich hatte schon damals geahnt, daß sich zwischen jenen Beiden Fäden des Einvernehmens und freundschaftliche Beziehungen zu spinnen begannen, so zwar, daß ich überzeugt war, wenn in diesem Hause abermals gegen mich Böses im Sinne einer Festnahme (Verfolgungswahn) unternommen würde, dann würde derjenige, der das Ganze ins Werk gesetzt und mit raffinierter wissenschaftlicher Sachkenntnis arrangiert hatte, der genannte Mann sein. Damit man die Möglichkeit eines so sonderbaren Eingreifens von seiten eines so hochangesehenen Mannes begreife, muß man wissen, daß ich schon seit langem verspürt hatte, wie dieser Mann, dem ich mich vor drei Jahren auf Grund reinster geistiger Gemeinschaft recht sehr genähert hatte, sich mir von Jahr zu Jahr mehr entfremdete, meinen Verkehr gemieden hatte, ja, wie ich deutlich immer schmerzhafter fühlen lernte, eine versteckte Feindschaft, einen eifersüch- tigen Groll ob meiner geistigen Unbeirrbarkeit (die er vergeblich durch Mystizismen aller Art zu erschüttern versucht hatte) an den Tag legte. Eifersucht und gehässiges Verleugnen gerade des Hochgewerteten scheint in der Seele dieses sonderbaren Mannes eine große Rolle zu spielen. Hat ihn doch das Problem des Verrates, die Gestalt des Judas, in seinem Leben derart beschäftigt, daß er eine Novelle geschrieben hat, in der diese Gestalt eine bedeutsame Rolle spielt, und sogar ein Drama gedichtet, welches sehr interessante Aufschlüsse über den Seelenzustand dieses ewig wiederkeh- renden Verräters am Geiste gibt. In den brennendsten Farben tritt in dem Stück die Mißgunst, der Haß ob der Unantastbarkeit des reinen Seins, die böse Lust, ein Großes herabzusetzen, hervor. Man halte diesen Hinweis ja nicht für eine müßige Abschweifung. Gilt es, das Sonderbare, das sich nun ereignen sollte, zu begreifen, dann muß auch der Jurist sich entschließen, den verborgenen seelischen Irrwegen einer komplizierten und hochbe- gabten Natur nachzuforschen.

Was aber meine Vermutung, daß Professor 21 wohl das Bedürfnis haben könnte, mich aus der Welt zu schaffen, noch ganz anders bestärkte, das war und ist seine Stellung in der Berliner Gesellschaft. Und die heißt es nun in kurzen Zügen festhalten, wenn man das ungeheuerlich Scheinende, das man bald erfahren wird, wirklich begreifen will. Professor 21 ist einer der beliebtesten Gesellschafter sowohl der reichen jüdischen als auch der aristokratisch-katholischen Berliner Gesellschaft. Er ist ein langjähriger Freund der Baronin G., deren Sohn aus erster Ehe, Herr 22, Chef eines bekannten Bankhauses, mit der Schwester von 23 verheiratet ist. Sowohl mit dieser Dame als auch mit dem genannten Schriftsteller als mit der viel- fachen Millionärin Frau H. ist 21 seit Jahren innigst befreundet. Bei allen Festlichkeiten dieser reichen jüdischen Häuser ist er gern und oft gese- hener Gast. Auch mit dem Hause 24 verbindet ihn eine langjährige Freundschaft. Von dort aus aber führen Fäden zur katholischen Berliner Gesellschaft hinüber, denn der im vorigen Jahre gestorbene 24 ist Pächter auf dem Erbgute der Gräfin J., deren bester Freund und wochenlanger Gast Professor 21 nun abermals ist. Gräfin J. aber ist die Schwester des Fürsten 25, der, wie wir alle wissen, mit Hilfe von 26 seine berüchtigte Schrift veröffentlichte, die Wilson bekanntlich, in drei Millionen Exemplaren ins Englische übersetzt, verbreiten ließ. Von diesem Hause gehen nun aber durch die „Schriftstellerin“ Fürstin I. wieder zahlreiche Fäden zur jüdischen Geistigkeit Berlins, und dieser ganze Zirkeltanz katholisch-jüdischer Gemeinschaft (auch die österreichisch- katholische Ecke, der unter jesuitischem Einfluß stehende Graf 27 und Frau gehörte zu diesem Kreise) hat den beliebten Gesellschafter zum stän- digen Freund und Genossen seit Jahren auserkoren. Den reichen jüdischen Kreis aber, der sich mit Hilfe von Diners und Festlichkeiten so leicht in die wenig zurückhaltende Berliner Gesellschaft eingenistet hat, mußte das energische Entweder-Oder meiner zwei bereits mehrfach erwähnten Vorträge auf das ingrimmigste erbittern. „O rühret, rühret nicht daran“ ist in dem Kreise der Hochfinanz die Parole des Vogel-Strauß-Spielens in bezug auf alles, was das Judentum betreffen könnte. Daß aber ich so energisch und rücksichtslos daran rührte und rühre, daß ich meine Angriffe bis an die heilige jüdische Allianz heranzutragen wagte und wage, das alles läßt den Wunsch dieser größten Geldmacht begreiflich erscheinen, mich unschädlich zu machen, bevor die zehn ominösen Briefe hätten Unheil anstiften können. So mußte denn genannter Kreis in der für solches Vernichtungswerk vorbereiteten Seele 21 den geeigneten Bundesgenossen finden. Denn er haßt in mir seit langem den unbeirrbaren Denker, den er im Beginne der Bekanntschaft, da mein Denken das seine noch bejahte, hochhob und fördern konnte, ja eine Zeitlang liebevoll anerkannt hatte. Nun aber nahte ja mein Vortrag „Wir Deutschen aus Österreich“. Die katholisch-österreichische Ecke jedoch kannte meine antipfäffische Gesinnung seit Jahren gar wohl und fürchtete die Macht meiner Rede doch genugsam, um in dieser politisch entscheidungsvollsten aller Zeiten mich mundtot machen zu wollen. Kommt nun noch hinzu, daß sich Frau A. und die jüdische Ärzteschaft, die durch mich so gefährdet erscheint, wohl auch mit dem Kollegen ins Einvernehmen gesetzt haben dürften, so ist der Kreis genugsam geschlossen, als daß Professor 21 hier als ein handelnder Mittelpunkt erscheinen dürfte, konnte und mußte.*

Um nun alles, was ich vermuten mochte, aufs rascheste zu entlarven, entschloß ich mich am nächsten Morgen, mich so zu benehmen, als wären die Wirkungen jener rätselhaften Wellen, wenn diese mehr als eine rätsel- hafte Hirnreizung eines sehr klaren und nüchternen Verstandes sein sollten, wirklich vorhanden gewesen. Und seltsam – dies mit aller Aufmerksamkeit zu bedenken, wird für den Juristen eine wichtige Aufgabe sein – als ich am nächsten Morgen einen totmatten Kranken spielte, der mit ersterbender Stimme kaum noch letzte Wünsche zu lallen vermochte, da war weder die Hausfrau noch der Hausherr noch jenes erwähnte gastliche Geschöpf im geringsten erstaunt darüber, sondern nahmen dies entgegen, als wäre es das Selbstverständlichste von der Welt, daß der gestern noch ganz Frische und Muntere sich heute dem Tode nahe fühlte!! Als  ich dies mit ingrimmigster Wut  bemerkte, da  war ich fest entschlossen, eine ungeheuerliche Komödie bis zu Ende zu spielen, um den Schurkenstreich, als welchen ich nun wirklich die gastliche Aufnahme ansah und ansehen mußte, endgültig zu entlarven. Als ich klingelte, da war der erste Mensch, der bei mir eintrat, jenes kleine, ein wenig verwachsene Geschöpf, das mich mit böse flackernden dunklen Augen lauernd beaugenscheinigte, als ich sie mit ersterbender Stimme bat, die Hausfrau zu mir zu rufen. Bald darauf schwebte denn auch diese herein, ganz gütige Hilfsbereitschaft und liebevolle Hingebung, als sie den bedauernswerten Zustand des teuren Gastes mit wachsamen Blicken konstatierte. Sie nahm an meinem Bette Platz und spielte eine Komödie, die nur insofern schlechter gespielt war als die meinige, als sie vom Partner vom ersten Moment an durchschaut wurde, was der trefflichen Komödiantin hinwieder mir gegenüber erst reichlich spät ihrerseits gelang. Hier muß ich bemerken, daß Frau 20 – ich kann es nicht anders sagen – eine der gefährlichst verlogenen Personen ist, die ich je kennen gelernt habe. Sie war lange Jahre

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* Der Verfasser ist sich sehr wohl bewußt, daß in dieser Form keinerlei Aufklärungen geboten werden können; weiß sich aber der wohlorganisierten und heute schier unantastbaren herrschenden Sozietät gegenüber keinen anderen Rat, als so wenigstens anzudeuten, daß ihm die Zusammenhänge dieser Mächtegruppen wohl bekannt und vertraut sind.

 

Schauspielerin, brachte in die Ehe mit ihrem Manne ein Kind mit, dessen Vater übrigens in Freundschaft weiter mit ihr verkehrte und auch in dem Hause selbst oft gastlich aufgenommen wurde. Professor 20 scheint völlig unter dem suggestiven Banne ihres dämonischen Willens zu stehen. Es darf nicht unerwähnt bleiben, daß er Protestant, sie aber nach Geburt und geistiger Struktur Katholikin ist. Ich begann nun mit ersterbender Stimme zu flüstern, was sie mit sichtbarer innerer Befriedigung entgegennahm, und spielte genau jene Komödie, von der ich vermutete, daß man mich in die ihr entsprechende psychische Verfassung allmählich zu versetzen gewillt war. So nannte ich denn gleich als denjenigen, nach dem ich die größte Sehnsucht verspürte, meinen lieben Freund 21. Wie elektrisiert vor Freude nahm sie dies entgegen, offenbar geradezu berauscht davon, daß die ganze Sache wie auf Schienen dem erwünschten Ziele so gefahrlos entgegenglitte!! „Ach ja, lieber Freund,“ flötete sie, „das wäre gut; 21 meint es ja so gut mit Ihnen und ist Ihr bester Freund.“ Innerlich immer ergrimmter, äußerlich immer ruhiger und ersterbender, hauchte ich nun, daß ich dies wisse, daß ich einen Brief an ihn schreiben wolle, einen letzten Brief, denn ich fühle mich dem Tode nahe. In edler Gelassenheit nahm die gütige Hausfrau dies entgegen, holte Papier und Bleistift und ich diktierte einen Brief, die Worte kaum im Flüstertone von mir gebend, von dem ich genau wußte, 21 würde zwischen den Zeilen lesen, was ich ihm sagen wollte, ohne es auszusprechen. Ich sagte ihm, daß ich ihm oft in letzter Zeit unrecht getan hätte, nun aber mich sehr matt und elend fühle, zu sterben glaube, ihm meine letzten Grüße schicke und ihn für alles Unrecht, das ich ihm getan, um Verzeihung bitte. Und da ich fest überzeugt war, daß jenes gnomische Wesen, das meine Zimmernachbarin in dieser holden Nacht gewesen war, eine Hauptrolle in dem  Betäubungskomplott  meines Gehirns wohl gespielt hatte, so diktierte ich noch, sie, die Überbringerin, hätte wohl ihre Mission bei mir erfüllt und brauche nicht mehr zurückzukehren. Sie würde nicht mehr eingelassen werden, und ich beschwor die Hausfrau, von jenem reizenden Geschöpf, das mich so lieb und gütig des Morgens angelächelt hatte, den Brief an 21 besorgen zu lassen. Ich wünsche nicht, daß er käme, hatte ich noch am Schlusse geschrieben. Dies solle meine Strafe sein, daß ich ihm mißtraut hätte. Ganz erregt und verwirrt von dem seltsamen Briefe verschwand die Hausfrau. Ob sie meinen „letzten Wunsche“, den Brief von jener kleinen Person besorgen zu lassen, erfüllt hat, weiß ich nicht. Ich aber läutete und bat nun Herrn Professor 20, an mein Sterbelager zu kommen. Auch er war sehr ernst und von einer heroischen Fassung, die mir zeigte, wie wenig erstaunlich ihm meine rätselhafte Mattigkeit erschien; noch aber hielt ich es für möglich, daß er nicht im Komplotte sei und wollte ihm einen Brief, einen letzten, an meine Freunde diktieren. Aber da kam die Hausfrau wieder, es war ihr offenbar nicht recht, daß ich mit dem Gatten Heimlichkeiten hatte. Sie selber wollte um jeden Preis auch dies Diktat entgegennehmen. Ich aber blieb hartnäckig, und so rauschte sie widerwillig und mit unwilligem Gesichtsausdrucke hinaus, indes der Gatte, meinem Wunsche willfahrend, sich mit Bleistift und Papier an mein Bett setzte. Jetzt war mir die Komödie nicht mehr so wichtig, und in schnellerem, weniger ersterbendem Tone diktierte ich einen Brief an Herrn 10, nachdem ich von ihm, dem Hausherrn, verlangt hatte, er solle mir zuschwören, den Brief unverzüglich zu besorgen und seiner Frau niemals von seinem Inhalt zu berichten. Er tat dies mit ernstem Antlitz und erhobenen Schwurfingern und in finsterstem Tone, so daß ich von seiner schlichten Redlichkeit damals denn doch überzeugt war. Nun diktierte ich ihm in fliegender Hast einen Brief, zwar matt und flüsternd, aber in großer Eile, in welchem ich 10 mitteilte, wir seien gestern auf die Ausfrager der katholischen Herrschaften hereingefallen, wie es nun einmal die Sitte der guten Deutschen sei, hereinzufallen. Ich beschwor ihn darauf, den Reichwehrminister Noske vor den Katholiken zu warnen. Er solle namentlich in seiner nächsten Umgebung darauf achten, nur protestantische Untergebene zu haben und eine größere Anzahl gut preußischer Truppen in Berlin zu konzentrieren. Ich hatte nicht so sehr die Empfindung dieser Gefahren, als daß ich auch den Hausherrn in seiner Stellungnahme zu alledem erproben wollte. Zum Schlusse bat ich 10, mit Herrn Dr. 4, seinem Freunde 28 (Chemiker), 1 und 29 zu kommen und auch Werkzeuge zum Aufsperren eines Schlosses mitzubringen. Ich wollte mich nämlich wirklich überzeugen, wie es denn in dem Nebenzimmer aussehe, auch einen Blick in den Keller werfen lassen, um vielleicht doch auf das Geheimnis der sonderbaren Wellenempfindungen zu kommen. Aus der Ahnungslosigkeit und der unveränderten Miene, mit der der Professor mein Diktat entgegennahm, glaubte ich entnehmen zu können, er sei nicht mit im Komplott, und zum Schlusse ließ ich ihn noch schreiben, daß er, der Schreibende, geschworen habe, diesen Brief weder seiner Frau noch irgend einem Menschen zu zeigen und ihn unverzüglich zu besorgen. Der Professor faltete den Brief, steckte ihn mit ernster Miene zu sich, und ich glaube noch heute, daß er damals redlich und ahnungslos mir willfahren wollte. Allerdings war diese Rechnung ohne die Wirtin gemacht, deren böser Wille, wie es schien, den schwachen Mann völlig beherrschte. Denn kaum war er draußen und sie wieder herinnen, so verschwand er, um – wie sich bald darauf herausstellte – nicht seinen Schwur zu erfüllen, sondern wohl auf Befehl seiner Frau den für diesen Fall vermutlich längst informierten Arzt herbeizurufen.

Als die Frau aber nun an meinem Bette saß, setzte ich meine nur im Hinblick auf sie unbedingt zu erreichende Entlarvung verzeihliche Komödie fort, sprach von meinem mißglückten Leben, von der bösen Frau, an die ich geraten war, von der guten, die ich wohl versäumt hatte – hiebei warf ich ihr einen innigen, schmachtenden Blick zu – und hörte nun aus ihrem Munde das, was sich die edlen Kumpane für mich ausgedacht und was erreicht zu haben, meine Komödie so sehr nahe legte. „Ja, mein lieber Freund,“ bedauerte sie, „gewiß war alles falsch. Sie müssen auch ein neues Leben beginnen, ich selber will Sie zum Weißen Hirsch bringen, wo Sie sich erholen sollen, und dann soll Ihre liebe Frau kommen, und Sie  fahren wieder nach Hause  und  alles  soll wieder gut werden.“ So und ähnlich flötete die Komödiantin, daß ich meiner ganzen Kraft bedurfte, nicht vor Zornesbeben die matthängende Hand zur Faust zu ballen und ihr ins Gesicht zu schlagen. Also darauf lief das Ganze hinaus. Vor der Welt würde es heißen, der Ärmste ist geistig ein wenig gestört durch die fixen Ideen, an denen er leidet, durch den Verfolgungswahn, der ihn heruntergebracht hat, und er ist nach Hause geschickt worden. Und gebrandmarkt wäre ich gewesen für mein ganzes Leben als ein geistig Gestörter, und mein Vortrag, der der katholisch-jüdischen Bande so lästig fiel, hätte nicht stattgefunden und mein geistiges Sein wäre geradezu vernichtet gewesen für alle Zeiten. Während ich aber  Mühe hatte, die aufsteigende Wut zu bekämpfen und weiter Komödie zu spielen, ging plötzlich die Türe auf und hereintrat ein älterer Herr mit käsigem Gesicht, welken Zügen und einer Brille auf der Nase.

Lese hier weiter:

Trebitsch, Arthur – Die Geschichte meines Verfolgungswahnes-165s

audio:

https://archive.org/details/1919ArthurTrebitschGeistUndJudentum20099h05m

book:

https://archive.org/details/Trebitsch-Arthur-Geist-und-Judentum

Der-juedische-Extremismus-David_Duke-pdf

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