Identitaetsverlust

Der Identitätsverlust unter Deutschen

Ein kulturpolitischer Weckruf

Dr Claus Nordbruch New

Dr. Claus Nordbruch

4/2004

Das Lexikon sociologicus erklärt Identitätsverlust als »ein krankhaftes Schwinden der Fähigkeit, sich selbst in seinen Handlungen erkennen zu können«. Wir werden im folgenden belegen, daß diese Definition heute mehr denn je auf die offizielle Selbstdarstellung in der BRD zutrifft; denn »deutsch« im Sinne einer Kulturbereicherung, einer Weltanschauung gar, sind die Handlungen und die Geisteshaltung im Herzen Europas schon lange nicht mehr.
Aus dem Hollywood-Streifen Hellbound

Überfremdung ist nur eine Seite der Medaille

Vielfach wird der Verlust der Identität rein biologisch oder nur ethnisch verstanden. Diese Sichtweise greift für unser Verständnis jedoch nicht weit genug. Natürlich wissen politische Beobachter, die den Sinn für die Realität noch nicht verloren und im Zuge der politischen Korrektheit ihren Verstand noch nicht abgegeben haben, daß die Volksseele brodelt. Sobald es nicht mehr möglich ist, das Aufbegehren des Volkes – übrigens nicht der »Gesellschaft«! – länger zu vertuschen oder zu leugnen, werfen die allgewaltigen Meinungsmacher dieser Republik umgehend mit abgedroschenen Totschlagwörtern wie »Rechtsradikale«, »Ausländerfeindlichkeit« und »Intoleranz« um sich. Ein Verzweiflungsakt, der einmal mehr belegt, wie sehr die verantwortlichen Repräsentanten dieser Republik den Draht zum Volk verloren haben.

Tatsache ist, daß die Volkswut gerade mit Hilfe von Leserbriefen belegt werden kann, sofern sie überhaupt noch abgedruckt werden. Nehmen wir ein markantes Beispiel zur Hand: Ein Leserbriefschreiber stellte bereits vor Jahren zu Recht fest, »daß es das Volk satt hat, ständig gegenüber Ausländern und Asylanten benachteiligt zu werden, sei es bei der Bereitstellung von bezahlbarem Wohnraum, sei es durch den Mißbrauch der für das Deutsche Volk bestimmten Sozialhilfe durch Millionen Scheinasylanten. Tatsache ist aber auch, daß die eigene Regierung uns bisher die Abstimmung darüber versagt hat, ob das dichtbesiedelte Deutschland tatsächlich Einwanderungsland sein soll und ob unser Volk in einem Vielvölkerstaat namens Europa aufgehen soll.« Und dann beweist dieser Deutsche, der seine Identität nicht aufgeben will, echte Zivilcourage: »Die meisten Deutschen sind nämlich nicht bereit, ihre völkische und kulturelle Identität durch eine großangelegte Überfremdungspolitik zu verlieren. Durch eine Politik, die uns weismachen will, eine multikulturelle Gesellschaft nach dem Vorbild der USA sei für uns das beste.«[i] Die zunehmende Angst vor einer ethnischen Überfremdung, die in den meisten Vielvölkerstaaten zu einem Bürgerkrieg eskaliert, geht in Deutschland um! Und diese Angst wird kaum gemildert, wenn das Volk bei den lebenswichtigen Fragen wie »Zuwanderung« oder EU-Osterweiterung seit Jahr und Tag übergangen wird und darüber hinaus die Regierung empfiehlt, eine »Ernährungsvorsorge« zu treffen. Der Internetseite des Bundesministeriums für Verbraucherschutz, Ernährung und Landwirtschaft entnehmen wir die Empfehlung, einen »individuellen Lebensmittel- und Getränkebedarf für einen Zeitraum von 14 Tagen« anzulegen, freilich nur um für »Krisensituationen, die zu einer Verknappung von Lebensmitteln und damit zu Versorgungsengpässen führen können«[ii], gerüstet zu sein. Gedacht werde hier lediglich an Naturkatastrophen wie Hochwasser, Tierseuchen und Kernreaktorunfälle.

Auch wenn der Aspekt der Überfremdung, wie gesagt, ein überaus schwerwiegender ist, so übersieht man dabei, daß er eben doch nur ein Aspekt unter vielen ist, die zum Verlust der eigenen Volksidentität führen, denn zuerst steht die geistige und kulturelle Entfremdung, weswegen wir unser Augenmerk nun auf die geistig-kulturelle Ebene richten wollen.

Sprache als Kulturfundament

Ein zuverlässiges Instrument, den Identitätsverlust eines Volkes zu messen, ist sein Verhältnis zur Muttersprache. Ein Blick in die Fernsehwerbung oder die Tortur, das Kauderwelsch eines Sportkommentators über sich ergehen zu lassen, genügt vollkommen, sich darüber klar zu werden, daß Bundesdeutsche offensichtlich nicht mehr Deutsch sprechen (wollen), allenfalls Pidgindeutsch, und damit ein gestörtes Verhältnis zur deutschen Identität zeigen.

Der Verein Deutsche Sprache (VDS) belegt den Identitätsverlust durch vermehrt auftretendes angloamerikanisches Sprach- und Kulturgut im Deutschen. Er bemüht sich dankenswerterweise, dem von den Massenmedien gern als »Neudeutsch« verniedlichten Kauderwelsch – einen dämlicheren Begriff dürfte es für die gedanken- und arglose Verwendung und den rücksichtslosen Mißbrauch von Anglizismen in der deutschen Sprache kaum geben! –, deutsche Begriffe gegenüber zu stellen. Daß einige dieser Übersetzungen selbst in deutschen Ohren bereits »fremd« klingen mögen, verdeutlicht einmal mehr, wie weit die dekadente Bequemlichkeit und der Verlust der Identität bereits fortgeschritten ist; übrigens ganz im Gegensatz zum beispielsweise Französischen und Afrikaansen, wo übersetzte Begriffe längst Eingang in den täglichen Sprachgebrauch gefunden haben und nicht (mehr) belächelt werden:

Airbag Prallkissen, Bestseller Verkaufsschlager, Boom Hochkonjunktur, Broker Makler, Brunch spätes Frühstück, Champions League Meisterliga, Container Behälter, Kiste; cool lässig oder kühl; Display Sichtfeld oder Anzeige; E-Mail e-Post, Entertainment Unterhaltung, Event Ereignis oder Erlebnis, Feedback Rückmeldung, Golden Goal Entscheidungstor, High Tech Spitzentechnik, Image Ruf und Bild, Know-how Fachwissen, Last-Minute-Angebot Torschlußangebot, Lifestyle Lebensart, Mountainbike Bergrad, Power Können oder Stärke, Provider Versorger oder Anbieter, Service Dienstleistung, Small Talk Gerede oder Geschwätz, Sound Klang oder Ton, Sponsor Geldgeber, Thriller Reißer.

Der wenig geistreiche Einwurf gewisser Spaßvögel »im Zuge der Reinerhaltung der deutschen Sprache« gleich auch die griechischen, lateinischen und französischen Fremd- und Lehnwörter auszumerzen, zeugt entweder von abgrundtiefer sprachwissenschaftlicher Unkenntnis oder ist einfach als halbstarkes Provokationsgehabe zu werten. Das Ziel ist natürlich nicht, auf alle Fremd- oder gar Lehnwörter zu verzichten. Es geht hier um den Verzicht von Anglizismen, die überflüssigerweise deutsche Begriffe und Ausdrücke verdrängen und damit Deutsch verunstalten. Kein ernstzunehmender Verfechter für die deutsche Sprache würde die »Übersetzung« von Wörtern wie Maschine, Fabrik, spazieren, Musik, Pyramide, Infarkt oder Tabak fordern. Diese Wörter verletzen nicht unser Sprachgefühl, sie entstellen nicht unsere Muttersprache. Es geht darum, den hemmungslosen, ja krankhaften Gebrauch von Amerikanismen im Deutschen zu tilgen, der sich mittlerweile in geradezu lächerlichen Variationen und Ausdrucksformen widerspiegelt und seinen Höhepunkt darin findet, daß Deutsche versuchen, amerikanische Begriffe, die eigentlich deutsche sind, amerikanisch aussprechen; dies gilt insbesondere für Namen amerikanischer Schauspieler und amerikanische Städtebezeichnungen.

Der Mißbrauch der deutschen Sprache hat nichts mit »Weltoffenheit« und »Toleranz« zu tun, genausowenig wie die Gegner der Sprachverhunzung »deutschtümelnd« sind. Der Verfall der Sprachkultur ist ein Spiegel der geistigen Lage Deutschlands. Die Vergewaltigung unserer Sprache ist, wie die sogenannte und mißglückte Rechtschreibreform oder das Geschwätz einer eigenen österreichischen Sprache, eine wesentliche Waffe im Streben, unsere Nation vollends zu entwurzeln und geistig zu verblöden.

 Geistesschmiede der Nation

Was uns zu dem Hochschulbetrieb in dieser Republik bringt. Über PISA ist in den letzten Monaten und Jahren so viel geschrieben, daß wir uns an dieser Stelle Wiederholungen sparen dürfen. Unter dem Strich steht jedenfalls fest: Das Volk der Deutschen als Denker und geistige Elite Europas gehört der Vergangenheit an. Ein Rückblick in bundesdeutsche Universitäten, genauer gesagt auf den Lehrplan der Geisteswissenschaften, gibt Auskunft, warum dem so ist.

Die Germanistik war und ist nach wie vor die Grundschule, in der viele Deutsche ihr kulturelles Abc lernen, ganz gleich, ob sie später im Beruf etwas mit der Literatur zu tun bekommen oder nicht. Noch vor wenigen Jahrzehnten stellte sich, wie Thomas E. Schmidt in der Zeit durchaus sachlich feststellt, »die Germanistik dieser volkspädagogischen Verantwortung mit großer Inbrunst. Sie schrieb und schlug vor, wie und was zu lesen sei. Anpassungsfähig praktisch gegenüber jeder Staatsform und jeder Art von Regierung, hat sich das Fach immer als eine von Werten getragene und Werte vermittelnde Disziplin verstanden. Ehrlich gesagt, war sie zusammen mit der Geschichtswissenschaft das politisch am meisten angepaßte und konformistische Fach an der deutschen Universität.«[iii] Gemach Gemach, wir wollen nicht übertreiben, denn tatsächlich war in der Germanistik der geistespolitische Opportunismus auch nicht ausgeprägter als in an deren geisteswissenschaftlichen Disziplinen.

»Seit den Siebzigern begriff man sich als geistiger Bestandteil der deutschen Katastrophe und suchte Zuflucht bei Figuren, die intellektuelle Unschuld versprachen: Benjamin und Adorno, Bloch, sogar Lukács, Luhmann und Habermas, Judith Butler oder Jacques Derrida. Kleine und große Fluchten – die Literatur wurde darüber zum Mittel für theoretische Exerzitien. Gelegentlich diente sie sogar dem ideologischen Exorzismus.[iv]

An den westdeutschen Universitäten gab es kein Fach, so heißt es weiter, »daß so sklavisch dem Weg der 68er-Generation bis in die linksdogmatische Verknöcherung gefolgt wäre«. Gewiß, nur daß Die Zeit bei dieser verheerenden Entwicklung nicht gerade unbeteiligt gewesen ist! »Die Revolution«, so gesteht die sozialdemokratischliberale Wochenzeitung ein, »die auf der Straße gescheitert war, kehrte in die Hörsäle zurück und wurde an der deutschen Literatur exekutiert, die sich nicht wehren konnte. […] An den Dichtern interessierte nur mehr die Frage, ob sie eher als reaktionär oder progressiv einzustufen wären. […] Die Lektüre der kommentierten Vorlesungsverzeichnisse war, vorsichtig gesagt, demotivierend. Die Lernziele der Seminare standen immer schon fest. Ein Grundkurs zur Weltkriegsproblematik in der bürgerlichen Literatur 1914–1930 benannte die erwünschten Ergebnisse sogar im Detail: ›Anhand ausgewählter Dramen und Romane und zeitgenössischer Quellen sollen autoritäre Strukturen der wilhelminischen Gesellschaft, die Entpolitisierung der bürgerlichen Klasse im Zeitalter des Imperialismus, die irrationalen, romantizistischen Emanzipationsversuche am Beispiel der Jugendbewegung sowie die sozialpsychologischen Gründe für das Scheitern der Weimarer Republik untersucht werden.‹«[v] Wie oben bereits festgestellt, werden wir bei den anderen geisteswissenschaftlichen Disziplinen mit ähnlichen katastrophalen Umtrieben konfrontiert; vor allem im Fachbereich Soziologie, von der Politologie und Geschichte ganz zu schweigen. In diesem Zusammenhang sei hier ausdrücklich auf Die Frankfurter Schule (2001) von Rolf Kosiek verwiesen – es gibt wohl keine umfassendere und tiefsinnigere Studie über den verheerenden Einfluß marxistischer Intellektueller auf die deutsche Geisteswelt.

Dabei war in den siebziger und achtziger Jahren mitnichten alles geistiger Müll, was von linksintellektueller Seite kam. Nehmen wir als Beispiel die vielen guten kontroversen Veröffentlichungen und Stellungnahmen betreffend Berufsverbote und Überwachungsapparat. Autoren wie Peter Brückner, Jürgen Seifert oder Andreas Dreß und Schriften wie 1984 schon heute oder wer hat Angst vorm Verfassungsschutz? (1977) oder Wir Verfassungsfeinde (ca. 1979) waren überaus lesenswert. Wer kennt heute noch ihre Namen, geschweige denn ihre Standpunkte? Wo sind diese Intellektuellen geblieben? Angesichts der Tatsache, daß der Überwachungsstaat heute viel umfassender und professioneller existiert als damals und heute die Meinungsfreiheit viel dramatischer an Denkverboten, Tabuvorschriften und strafgesetzlichen Beschneidungen leidet als vor 20 oder 30 Jahren, eine berechtigte Frage. Wenn sie sich nicht desillusioniert zurückgezogen oder wie beispielsweise Horst Mahler auf die heutige fundamentaloppositionelle Seite geschlagen haben, sind sie vor allem zu den Metternichen der Gegenwart mutiert! Sie sind, wie beispielsweise Hans-Christian Ströbele und Otto Schily, die Vertreter desjenigen Machtapparates, den sie einst zu bekämpfen vorgaben. Nicht zuletzt ist das eine Form der Umerziehung, der freiwilligen freilich und aus opportunistischen Gründen motiviert.

Umerziehung

Der Internetseite der Bundeszentrale für politische Bildung – diese staatliche Einrichtung heißt wirklich so! –, ist zu entnehmen, daß die »Vorstellung, in der Besatzungszeit nach dem Zusammenbruch des nationalsozialistischen Staats sei unter der Bezeichnung ›Umerziehung‹ eine Art Gehirnwäsche betrieben worden oder es seien den Deutschen von den alliierten Siegermächten des Zweiten Weltkriegs fremde Sitten und Gebräuche politischen Verhaltens aufgezwungen worden«, jeder Berechtigung entbehre. Gegenteilige Behauptungen seien selbstredend »rechtsradikale Propaganda«, die den Eindruck erwecken wolle, »es habe in der Zeit nach 1945 eine Art geistiger Vergewaltigung der Deutschen stattgefunden«. Natürlich sind die Deutschen einer grundlegenden Charakterwäsche (Caspar Schrenck-Notzing) unterzogen worden! Die Re-education der Siegermächte dient(e), wie wir bereits früher detailliert dargelegt haben[vi], vor allem dem Zweck, »die militärische Kapitulation den Deutschen gewissermaßen auch geistig einzupflanzen«. Sie beinhaltete eine psychologische Dimension von nie zuvor erlebtem Ausmaß. Nur auf diese Weise war es möglich, daß ein Volk so entschieden und derart bereitwillig auf seine eigenen Lebensrechte, dem ihm zustehenden Recht auf Selbstbestimmung und Gerechtigkeit bis heute verzichtet.

Walter Lippmann, von den zwanziger bis fünfziger Jahren des vergangenen Jahrhunderts einer der einflußreichsten Journalisten in den USA, erklärte bezüglich der endgültigen Überwindung des Feindes nach einem Krieg, daß außer der notwendigen Besetzung des feindlichen Staates und der Aburteilung der führenden Schicht des besiegten Volkes in Kriegsverbrecherprozessen, als die wichtigste Absicherung des Sieges nur gelten kann, wenn »die Besiegten einem Umerziehungsprogramm unterworfen werden. Ein naheliegendes Mittel dafür [ist], die Darstellung der Geschichte aus der Sicht des Siegers in die Gehirne der Besiegten einzupflanzen. Von entscheidender Bedeutung ist dabei die Übertragung der ›moralischen‹ Kategorien der Kriegspropaganda des siegreichen Staates in das Bewußtsein der Besiegten. Erst wenn die Kriegspropaganda der Sieger Eingang in die Geschichtsbücher der Besiegten gefunden hat und von der nachfolgenden Generation auch geglaubt wird, dann erst kann die Umerziehung als wirklich gelungen angesehen werden.«[vii] Diese Gehirnwäsche wurde von den US-Amerikanern ab 1945 in Deutschland erfolgreich in die Praxis umgesetzt.

In den Anweisungen für die re-education, aufgestellt von der Einheit für Psychologische Kampfführung (Special Service Division) der U.S. Army heißt es vielen Quellen der Sekundärliteratur zufolge: »Die Re-education wird für alt und jung gleichermaßen erzwungen und sie darf sich nicht auf das Klassenzimmer beschränken. Die gewaltige überzeugende Kraft dramatischer Darstellung muß voll in ihren Dienst gestellt werden. Filme können hier ihre vollste Reife erreichen. Die größten Schriftsteller, Produzenten und Stars werden unter Anleitung der ›Internationalen Universität‹ die bodenlose Bosheit des Nazitums dramatisieren und dem gegenüber die Schönheit und Einfalt eines Deutschlands loben, das sich nicht länger mit Schießen und Marschieren befaßt. Sie werden damit beauftragt, ein anziehendes Bild der Demokratie darzustellen, und der Rundfunk wird sowohl durch Unterhaltung wie auch durch ungetarnte Vorträge in die Häuser selbst eindringen. Die Autoren, Dramatiker, Herausgeber und Verleger müssen sich der laufenden Prüfung durch die ›Internationale Universität‹ unterwerfen; denn sie sind alle Erzieher. Von Beginn an sollen alle nichtdemokratischen Veröffentlichungen unterbunden werden. Erst nachdem das deutsche Denken Gelegenheit hatte, in den neuen Idealen gestärkt zu werden, können auch gegenteilige Ansichten zugelassen werden, im Vertrauen darauf, daß der Virus keinen Boden mehr findet; dadurch wird größere Immunität für die Zukunft erreicht. Der Umerziehungsprozeß muß ganz Deutschland durchdringen und bedecken. Auch die Arbeiter sollen im Verlauf von Freizeiten vereinfachte Lehrstunden in Demokratie erhalten. Sommeraufenthalte und Volksbildungsmöglichkeiten müssen dabei Hilfestellung leisten. […] Die ›Internationale Universität‹ ist am besten dazu geeignet, die Einzelheiten des deutschen Erziehungswesens, der Lehrpläne, der Schulen, der Auswahl der Lehrer und der Lehrbücher, kurz: alle pädagogischen Angelegenheiten zu regeln. Wir brauchen ein Oberkommando für die offensive Re-education. Besonders begabte deutsche Schüler erhalten die Gelegenheit zur Fortbildung an unseren Schulen; sie werden als Lehrer nach Deutschland zurückkehren und eine neue kulturelle Tradition, verbunden mit internationalem Bürgersinn, begründen. Die Professoren sollen nach Möglichkeit deutsche Liberale und Demokraten sein.[…] Jedes nur denkbare Mittel geistiger Beeinflussung im Sinn demokratischer Kultur muß in den Dienst der Re-education gestellt werden. Die Aufgaben der Kirchen, der Kinos, der Theater, des Rundfunks, der Presse und der Gewerkschaften sind dabei vorgezeichnet.«[viii] Den abenteuerlichen Auffassungen des Bundeszentrale für politische Bildung (!) zufolge scheinen diese Tatsachen nie existiert zu haben und nur Firlefanz zu sein – was nicht weiter verwundert, stützen sich ihre Erkenntnisse ausschließlich auf ein älteres Machwerk des einschlägig bekannten »Antisemitismusforschers« Wolfgang Benz.

»Vergangenheitsbewältigung«

Ungeachtet der geschichtlichen Tatsachen, die zugegeben so gar nicht in das Bild bundesdeutscher Volkspädagogen passen, gab es laut Bundeszentrale für politische Bildung (!) also gar keine Umerziehung, sondern nur »politische und kulturelle Anstrengungen«, die auf »die Wiederherstellung demokratischer Zustände, auf die Wiedererrichtung des Rechtsstaats gerichtet« gewesen seien. Zustände herrschten damals im Deutschen Reich ohne Frage! Damit aber nicht genug: »Dazu sollten Hilfestellungen gegeben werden durch das Einüben demokratischen Denkens und Verhaltens sowie durch das Erwecken von Bürgersinn.« Es sei darum gegangen, »den Deutschen wieder den Anschluß an das internationale Kulturleben, von dem sie seit 1933 abgeschnitten waren, zu ermöglichen und die von den Nationalsozialisten erzwungene Provinzialität des geistigen Lebens zu überwinden. Kulturoffiziere der Militärregierungen in allen vier Besatzungszonen brachten die Theater wieder in Gang.« Kann Geschichte mit mehr Chuzpe umgelogen werden? Allein im ersten Besatzungsjahr wurden rund 33.600 Buchtitel verboten und vernichtet; eine Zahl, die etwa zehnmal höher ist, als die in den gesamten 12 Jahren des Dritten Reiches verbotenen Bücher. Der Alliierte Kontrollrat verfügte ferner umfassende Zensurverordnungen, worunter alle Schriften fielen, die den alliierten Vorstellungen einer neuen Welt nicht entsprachen. Entsprechende Verordnungen galten für die Einstellung von Hochschullehrern, die Gründung von Parteien usw.[ix]

Was uns zu der geistigpolitischen und kulturellen Grundhaltung in dieser Republik bringt. Die Voraussetzung für die Durchführung der Umerziehung war die allgemeine Akzeptanz von der Doktrin der doppelten Kollektivschuld. Sie ist von Anfang an von Repräsentanten der BRD bzw. ihren führenden Intellektuellen immer wieder bestätigt und als Fundament, auf dem dieser »Staat« aufgebaut ist, manifestiert worden.[x] Dieses Phänomen gibt es in keinem anderen Land auf der Erde, geschweige denn, daß es eine Regierung gäbe, die sich diesem Ziel, dem sich alle anderen Ziele unterzuordnen haben, widmet: dem »Bewältigen« der eigenen Vergangenheit. Dieses krankhafte Verhalten hat längst alle Bereiche des geistigen und kulturellen Lebens der Bundesdeutschen – auch im Ausland – erfaßt. Als bildhaftes Beispiel führen wir hier einmal den Vergleich zwischen dem ehemaligen aussagekräftigen und schönen Wappen der Deutschen Schule Pretoria und dem im letzten Jahr eingeführten Gekrakel, das offensichtlich einem Malwettbewerb innerhalb eines Tierversuchs entstammt.

Der japanische Professor für Germanistik Nishio Kanji, der nebenbei bemerkt ein Apologet der offiziellen Geschichtsschreibung ist, hat den Effekt der Umerziehung auf die Deutschen erkannt und sein Ausmaß in gnadenlose Worte gefaßt. In der Fachzeitschrift der Deutschen Gesellschaft für Asienkunde hat Kanji bereits vor 15 Jahren die Lage der Deutschen mit den klaren Worten umschrieben. Um die Wirtschaft wieder aufzubauen und anzukurbeln mußte Deutschland – gemeint ist die alte BRD – das Mißtrauen seiner europäischen Nachbarn abbauen. Kanji zufolge geschah dies, indem die Deutschen «ihre Schuld eingestanden und ihre Nachbarn um Vergebung anflehten.« Diese Strategie sei aufgegangen. »Die Deutschen haben es glänzend verstanden, sich zu entschuldigen, ihr Haupt zu senken, ihre Schuld zu bekennen.« Allerdings sei diese Anerkennung der Schuld nicht bei einem einfachen Bekenntnis geblieben. Die Deutschen – genauer die Bundesdeutschen – hätten quasi als Überlebensstrategie eine Politik der Selbstbezichtigung ins Leben gerufen und bis zum Erbrechen angewandt. Dieses Tun forderte ihnen »ein großes und kaum rückgängig zu machendes Opfer ab, die vollkommene Verneinung ihrer eigenen Geschichte und Volkskultur. So stellt in der deutschen Nachkriegsliteratur in monotoner Weise die ›Vergangenheitsbewältigung‹ das einzige und immer wiederkehrende Thema dar.«[xi] Anders als die BRD sei Japan in der glücklichen Lage gewesen, nicht »seine eigene Geschichte verleugnen und sich seiner nationalen Identität entledigen zu müssen, um die Voraussetzungen für den wirtschaftlichen Aufbau zu schaffen.«[xii] Kanji, der ohne Frage ein liberal und progressiv gesinnter Intellektueller ist, ist aber auch ein Vertreter seines Volkes, das seinen Stolz und seine Selbstachtung – seine Identität! – nicht verloren hat.

Mit seiner Einstellung würde Kanji im freiheitlichsten Staat, der jemals auf deutschem Boden existiert habe, allerdings die Aufmerksamkeit der Überwachungsbehörde »Verfassungsschutz« auf sich richten. Vor allem, wenn man seine Analyse zu der katastrophalen demographischen Entwicklung der Deutschen und die dahinterstehende Ideologie betrachtet: »Deutsche Frauen scheinen zum größten Teil bereits ihre mütterlichen Instinkte verlustig gegangen zu sein und keine Freunde daran zu finden, Kinder zu gebären und aufzuziehen. Auch die deutsche Jugend interessiert sich fast nur noch für die Sicherung ihres jetzigen Lebensstandards und das augenblickliche Vergnügen, ohne sich auch nur im geringsten um die Zukunft des Landes zu kümmern […]. Diese junge Leute wurden erzogen, indem man ihnen beharrlich Abscheu vor ihrem eigenen Land und Haß auf ihre eigene Geschichte einimpfte. Die Deutschen scheinen sich ihr Wirtschaftswunder gegen einen hohen Preis eingehandelt zu haben, der nun die junge Generation innerlich zerfrißt und sie ihrer Lebenskraft beraubt.«[xiii]

Eine Gesundung kann es nur auf geistigem Wege geben. Wie Heidrun Kämper vom Institut für Deutsche Sprache in Mannheim nicht zu Unrecht feststellt, bemißt sich die Qualität von Argumenten nach ihrer Akzeptabilität. »Akzeptiert wird das für wahr Gehaltene, das Unwiderlegbare, zumindest das Plausible. Argumente sind also je nach ihrem Wahrheitsbezug, ihrer Unwiderlegbarkeit und Plausibilität mehr oder weniger akzeptabel.«[xiv] Bezeichnenderweise wird in dieser Republik aber nicht ernsthaft diskutiert oder die Argumentation der gegnerischen Seite auf ihre Akzeptanz überprüft. Die politischen und kulturellen Verantwortlichen dieser Republik verharren im Blickwinkel eines Frosches und klammern sich, notfalls unter Zuhilfenahme des Strafgesetzbuchs, an den aus ihrer begrenzten Sicht gewünschten Verlauf der Geschichte.

»Die historischen Erfahrungen der Deutschen und ihre Entscheidung für ein gemeinsames Europa verbieten einen neuen deutschen Sonderweg«, heißt es im Grundsatzprogramm der SPD von 1998. Abgesehen davon, daß niemand einen »Sonderweg« gehen, sondern die Deutschen einen ganz natürlichen und geraden Weg beschreiten möchten, ist diese unsinnige Behauptung nichtsdestotrotz von allen etablierten Parteien längst übernommen worden. Sie ist als parteiübergreifende Räson dieser Republik zu begreifen und bildet damit gewissermaßen ihre Identität. Die Frage ist nur, wer sich außer seinen Repräsentanten mit dieser Haltung noch länger identifizieren möchte.

© 4/2004 Deutschland in Geschichte und Gegenwart (Tübingen)

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